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Musik als Waffe
Klänge und Melodien können zu einer furchterregenden psychologischen Waffe werden. So wurde Musik beispielsweise in Guantanamo zur Folter eingesetzt. Musik wirkt auf unser Gehirn - und damit auf unsere Gefühle.
2009 wurde ein zuvor geheimes US-Dokument veröffentlicht - eine Richtlinie für Verhörmethoden, herausgegeben von der medizinischen Abteilung des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Hierin wurde genauestens festgelegt, welche Foltermethoden CIA Agenten bei Verhören anwenden dürfen. Besonders ausführlich wurden Quälereien beschrieben, die bei den Häftlingen keine sichtbaren Spuren hinterlassen, wie zum Beispiel Lärm und laute Musik.

Gefesselt, unbequemen positioniert und beschallt
Erlaubt wurden folgende Lärmpegel: Musik so laut wie der Krach einer Schnellstraße für 18 Stunden pro Tag; in der Lautstärke eines voll aufgedrehten Mopeds für acht Stunden; so laut wie ein Lastwagenmotor bei Vollgas für vier Stunden und so laut wie ein Presslufthammer aus nächster Nähe für zwei Stunden. Menschenrechtsgruppen erstritten die Veröffentlichung dieser Folterrichtlinien.

Chris Arendt war als Soldat neun Monate lang in Guantanamo stationiert. Er war erst 19 Jahre alt, als er erlebte, wie Häftlinge dort mit Musik gefoltert wurden. Er verließ schließlich die Armee und begann die Verhörmethoden öffentlich zu kritisieren.

Chris Arendt:
"Es gab da ein Vernehmungszimmer. Die Musik dröhnte nur so aus diesem Zimmer. Die hatten Lautsprecher da drin wie in einer Disko. Sie spielten hauptsächlich amerikanischen Rock. Und dann ließ man die Häftlinge da drin, gefesselt, in unbequemen Positionen. Ich habe Vernehmungen erlebt, die mehr als zehn oder zwölf Stunden dauerten. Ich hatte 12-Stunden Schichten. Ein paar Mal kam ich zur Arbeit und brachte einen Häftling in die Verhörkammer und holte ihn für den Rest des Tages nicht mehr da raus. Und manchmal spielten sie zwei Lieder gleichzeitig, übereinander. Unglaublich lauter Rock zusammen mit einem Johnny Cash Lied oder so."

Vom Schutz zur Anleitung
Die Koreaner und Chinesen waren die ersten, die Musik systematisch als psychologische Waffe einsetzten - im Koreakrieg Anfang der 50er Jahre. Drei Jahre lang kämpften Nordkorea und China gegen Südkorea und die USA. Über siebentausend Amerikaner wurden gefangen genommen und teilweise gefoltert.

An der nordamerikanischen McGill Universität führte die CIA nach dem Koreakrieg Experimente durch, um die Methoden der Chinesen besser zu verstehen. Wissenschaftler spritzten den Probanden Drogen, hielten sie tagelang wach - und beschallten sie mit Musik. Die Ergebnisse dieser Versuche sollten eigentlich die eigenen Soldaten vor Folter schützen. Doch die CIA benutzte sie auch, um die eigenen Verhörmethoden zu "optimieren".

Der britische Staatsbürger Moazzam Begg zog im Jahr 2001 mit seiner Familie nach Pakistan. US-Behörden warfen Moazzam Begg vor, für Al Qaida und die Taliban gearbeitet zu haben. Sie hielten ihn über drei Jahre lang in den Lagern von Bagram und Guantanamo gefangen. Während seiner Zeit dort wurde er über 300mal verhört. Am Ende ließen ihn die Behörden ohne Anklage frei.

Moazzam Begg:
"Es ist ja nicht nur die Musik. Niemand sitzt ja einfach nur da mit Kopfhörern und kann die Lautstärke regeln. Das ist ja zusätzlich zu den Fesseln, den Ketten, den Schlägen, der Isolation. Wenn man Sie oder jemand anderen mit superlauter Musik beschallen würde, würden Sie schon nach wenigen Minuten sagen: Ich kann nicht mehr klar denken. Und genau darum geht es: Wenn man nicht mehr klar denken kann, hat man keine Kontrolle über seine Sinne mehr. Wenn man seine Sinne nicht mehr kontrollieren kann, ist man wie gelähmt. Und das ist schließlich der Sinn: Jemanden so zu lähmen, dass er bereit ist, alles mit sich machen zu lassen, nur damit diese Musik endlich abgeschaltet wird."

Lautsprecher als Kriegswaffe
Das US-Militär glaubt, dass die Musikbeschallung dazu beitragen kann, die Kampfkraft der Gegner zu zersetzen. Deshalb setzen die US-Streitkräfte Lautsprecher im Krieg ein. Beispielsweise in der Schlacht um Falludscha, eine der erbittertsten und blutigsten Schlachten des Irakkrieges. Über 4000 Menschen starben in den sieben Monate dauernden Kämpfen. Der Häuserkampf war für beide Seiten zermürbend. Um den Widerstand der islamistischen Aufständischen zu brechen, setzte die US-Armee mobile Lautsprechersysteme ein.

Die Technik der Lautsprecher wird immer ausgefeilter. Die neueste Entwicklung sind kompakte, leistungsfähige Schallkanonen. Sie entwickeln Lautstärken, die Trommelfelle platzen lassen, Übelkeit hervorrufen und Menschen sogar bewusstlos machen können.

Sendedaten
22.01.2015, 20.15 Uhr
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