Laktoseintoleranz ist der "Ur-Zustand"
Thema zur Sendung "Der Feind in meinem Bauch"
Die Deutschen kauften gegenüber 2008 im Jahr 2013 dreimal so viele laktosefreie Milcherzeugnisse. Dabei waren über 80 Prozent dieser Käufer nicht laktoseintolerant. In Deutschland gelten etwa 15 Prozent der Menschen als laktoseintolerant.
Was aber nicht bedeutet, dass sie krank sind.

Wolfgang Holtmeier, Arzt für Gastroenterologie:
"Es ist eine Befindlichkeitsstörung, sag ich immer. Aber es wir hier sehr stilisiert in Deutschland - vielleicht auch in anderen europäischen Ländern - als wenn es was Schlimmes wär'. Also es ist völlig harmlos. Es ist aber sehr unangenehm für manche, ganz klar."

Panik vor Laktose ist also unangebracht. Zumal sie ein wichtiger Nährstoff ist. Laktose ist ein Doppelzucker, der gespaltet werden muss. Denn unser Körper kann nur dessen Bestandteile, Glukose und Galaktose, verwerten. Darum produzieren die meisten Europäer das Verdauungsenzym Laktase. Es spaltet im Dünndarm die Laktose. Stellt der Körper Laktase nicht in ausreichenden Mengen her, spricht man von einer Laktoseintoleranz. Der Milchzucker wandert dann ungespalten in den Dickdarm. Dort wird er von Darmbakterien vergoren. Gase wie Methan, Kohlendioxid und Wasserstoff entstehen. Menschen mit einer Laktoseunverträglichkeit können dann beispielsweise an Blähungen, Bauchschmerzen oder Übelkeit leiden.

Die Laktoseintoleranz gilt als "Ur-Zustand" - bis vor 7.500 Jahren konnten alle Menschen keinen Milchzucker verdauen. In vielen Gegenden Afrikas und Asiens ist das noch heute so. Weltweit gelten noch drei Viertel der Erdbevölkerung als laktoseintolerant. Doch Europäer und Nordamerikaner stellen größere Mengen Laktase her - aufgrund einer Genveränderung wurden sie zu Milchtrinkern. Ein evolutionärer Vorteil, der eine zusätzliche Nahrungsquelle liefert. Bei Säuglingen ist während der Stillzeit das Enzym Laktase ganz besonders aktiv - und zwar überall auf der Welt. Denn nur so können sie die Muttermilch verdauen.

Unter Generalverdacht
Wolfgang Holtmeier, Arzt für Gastroenterologie:
"Wenn sie jetzt auf Milch verzichten, verzichten sie ja nicht nur auf die Laktose, sondern auf andere Bestandteile der Milch. Die Milch ist sehr nahrhaft. Insofern, das ist dann möglicherweise ein Problem, wenn ich mich komplett milchfrei ernähre."

Zumal viele Menschen, die an einer Laktoseintoleranz leiden, geringe Mengen Milchzucker verdauen können. Viele Betroffene vertragen sogar problemlos ein Glas Milch. Dennoch stehen Laktose, Gluten und sogar Weizen immer öfter unter "Generalverdacht", ungesund zu sein.

In der Universitätsklinik in Mainz untersucht ein internationales Forscherteam, ob es eine Glutensensitivität gibt, die nichts mit Zöliakie zu tun hat. Die Wissenschaftler um Detlef Schuppan stehen mit ihrer Forschung noch am Anfang.

Detlef Schuppan, Universitätsklinik Mainz:
"Es wird sehr viel über Glutensensitivität weltweit geredet. Insbesondere unter Filmschauspielern zum Beispiel in den USA oder Sportlern, die plötzlich auf eine glutenfreie Diät gehen und berichten, es gehe ihnen viel besser. Ich vermute, dass 2/3 dieser öffentlich bekannten Fälle nichts mit einer wirklichen Weizen- oder Gluten- oder ATI-Sensitivität zu tun haben."

Das Protein ATI haben Detlef Schuppan und seine Kollegen besonders im Blick. Denn das ATI soll Auslöser für die zunehmenden Beschwerden der Menschen sein - nicht das Gluten. Im Weizenkorn haben diese ATIs eigentlich eine wichtige Funktion. Sie sollen vor allem Parasiten, Pilze und Schädlinge abwehren. Gelangt das ATI über die Nahrung in den Darm, kann das zur Folge haben, dass das Immunsystem die eigenen Organe angreift. So können sehr unterschiedliche Beschwerden im ganzen Körper auftreten. Welche Menschen tatsächlich an dieser Sensitivität leiden, ist für Ärzte schwer zu diagnostizieren. Denn anders als bei der Zöliakie liefern hier Bluttest oder Darmspiegelung keine eindeutigen Erkenntnisse.

Sendedaten
21.07.2016, 20.15 Uhr

Erstsendung: 09.10.2014
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