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Wie wir sterben
Warum sterben wir? Wie fühlt sich Sterben an? Ist es überhaupt möglich, den Vorgang als Außenstehender mit einiger Gewissheit zu beschreiben? Eine Auseinandersetzung mit einem Thema, das vielfach tabuisiert wird.
Der menschliche Organismus ist so beschaffen, dass die Körperzellen nach einer bestimmten Anzahl von Lebensjahren einem eingebauten "Selbstmordprogramm" folgen - und sterben. Biologen und Evolutionsforscher fragen nun, warum das geschieht, denn es gibt Lebewesen, denen potentiell das ewige Leben beschieden ist. So können Einzeller wie das Pantoffeltierchen unendlich lange leben, weil sie sich immer wieder teilen und Schwämme werden immerhin mehr als 10.000 Jahre alt. Die moderne medizinisch-technische Definition vom Tod eines Menschen ist vergleichsweise banal: In der Regel beendet Sauerstoffmangel im Gehirn das Leben. Wenn die Nervenzellen nicht mehr ausreichend versorgt werden, ist kurz darauf keine elektrische Aktivität mehr messbar.

Die Angst vor dem Danach bleibt
Es gibt auch so etwas wie ein biologisches Programm für den Sterbeprozess: das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug, kalte Hände und Füße, Nahrungsverweigerung. Ein rasselnder Atem und das sogenannte "Todesdreieck" treten in den letzten Stunden vor dem Tod auf. Dann wird vor allem im Dreieck um Lippen und Nase die Haut blass und fahl. Wenn das Herz schließlich nicht mehr schlägt und das Blut nicht mehr durch Venen und Arterien pumpt, sinken durch die Schwerkraft alle Körperflüssigkeiten nach unten. Das Ergebnis sind Kirchhofrosen, hellrötliche Verfärbungen der Haut, vor allem hinter den Ohren und an den unteren Wangenteilen. Zudem sammelt sich das Blut an der Unterseite des Leichnams und bildet dort die Totenflecken.

Jahrhundertelang war es für jeden Arzt Alltag, Sterbende auf ihrem Weg zu begleiten. Aber durch den medizinischen Fortschritt ist die Lebenserwartung erheblich gestiegen. Der Tod lässt sich heute oft lange aufhalten. Viele Ärzte, so glaubt der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, ließen sich davon blenden. Das Sterben lässt sich nicht technifizieren und den Tod sollte man nicht tabuisieren: Beides fällt schwer in einer Zeit, in der Jugend, Dynamik und Erfolg hoch im Kurs stehen. Umso größer ist die Angst vor dem Danach. Die könne er seinen Patienten nicht nehmen, meint Borasio.

Die Großmutterhypothese
Eine Aussicht, die helfen kann, den Tod als Teil unseres Lebens zu akzeptieren. Denn das Sterben ist schon in uns angelegt, wenn wir noch Kleinkinder sind. Von Geburt an und sogar schon im Mutterleib sterben tagtäglich Millionen unserer Zellen einen programmierten Tod. Nur dank dieser sogenannten Apoptose kann sich unser Körper gesund entwickeln. Ohne Zelltod kein Leben. Zellen sterben, aber sie werden auch erneuert. Warum läuft dieser Prozess nicht unendlich weiter? Diese Frage untersucht Christoph Englert am Institut für Altersforschung in Jena. Eine Grundlage seiner Studien ist die Telomer-Theorie. Telomere sind die Schutzkappen für unsere Chromosomen, in denen die Erbinformation liegt. Bei jeder Zellteilung verkürzt sich diese Schutzkappe. Das Schwinden der Telomere ist die Ursache für Altern und Tod.

Der Evolutionsbiologe Eckart Voland untersucht anhand alter Kirchenschriften, woran Menschen gestorben sind und wie lange sie gelebt haben. Er forscht nach dem biologischen Sinn des Sterbens. Aus den Kirchenschriften rekonstruiert er die reproduktionsstrategischen Entscheidungen unserer Vorfahren. In welchem Alter heirateten Menschen im 18. und 19. Jahrhundert? Wie viele Kinder bekamen sie? Volands Erkenntnis: Die Evolution hat den Menschen darauf getrimmt, um jeden Preis seine Erbinformationen weiterzugeben. Doch weshalb kommt dann der Tod meist erst im hohen Alter? Warum lebt der Mensch oft noch für Jahrzehnte weiter, auch wenn er keine Kinder mehr zeugen kann? Für Voland liegt die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs in der sozialen Natur des Menschen. Mehr als 30.000 Familienschicksale hat der Anthropologe im Computer rekonstruiert und dabei zeigen können: Omas spielen eine wichtige Rolle. Die alten Stammbäume bestätigen das: Hilft die Oma mütterlicherseits in der Familie, verbessert das die Überlebenschancen der Enkel.

Sendedaten
02.04.2015, 20.15 Uhr

Erstsendung: 06.11.2014
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