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Intelligenz entwickelt sich proportional zur Stimulation
Thema zur Sendung "Dumm geboren und nichts dazugelernt?"
Die Entwicklung unseres intellektuellen Potentials wird direkt durch unsere Umwelt gesteuert. Eine weltweit einmalige Studie, die dies besonders eindrücklich beweist, führt nach Rumänien.
In den Jahren der Ceauşescu-Diktatur sollten dort möglichst viele Kinder geboren werden. Die Stärksten wurden für den Staat rekrutiert, die Schwächsten - Kinder mit Behinderung, chronisch Kranke, oder einfach nur unterernährte Kinder - wurden in Waisenhäuser abgeschoben. Erst das Ende des Regimes 1989 beendete die menschenverachtende Vernachlässigung der Kinder. Private oder kirchliche Hilfsorganisationen haben sich der vielen elternlosen Kinder angenommen. Das Pro Vita Kinderheim von Pater Nicolae Tanase hat in den letzten zwanzig Jahren 3000 Kindern Zuflucht geboten. Von Spenden aus dem Ausland unterstützt, leben heute noch über 400 Kinder unter seiner Aufsicht. Pater Tanase hat die verheerenden Auswirkungen von Verwahrlosung immer wieder deutlich vor Augen geführt bekommen.

Lupe
Pater Nicolae Tanase:
"Es gibt mehrere Faktoren, die für eine gesunde Entwicklung nötig sind. Einmal das genetische Potential des Kindes und dann natürlich die Bildung und welchen Leidensweg es hatte. Denn wenn ein Teller bricht, ist es sehr schwer ihn wieder zusammenzufügen. Selbst wenn man es schafft, wird es nicht mehr derselbe sein. Es gibt keine hundertprozentige Erholung."

Eine weltweit einmalige Studie
Doch welche Folgen hat die systematische Vernachlässigung von Kindern? Eine Frage, die Wissenschaftler interessiert. Isolationsexperimente an Menschen sind ethisch nicht vertretbar. Das "Bucharest Early Intervention Project" ist deshalb eine weltweit einmalige Studie. Unter Aufsicht einer Ethikkommission entwickelten Wissenschaftlern der amerikanischen Harvard University ein außergewöhnliches Experiment. Die Forscher vergleichen die Entwicklung von Kindern, die gleich schlechte Startbedingungen in ihrem Leben hatten. Ein Teil von ihnen wurde in Pflegefamilien vermittelt. Die anderen mussten in Waisenhäusern zurückbleiben, weil es für über 150.000 Kinder in rumänischen Heimen 1990 einfach nicht genug Pflegefamilien gab. Die Studie brachte bahnbrechende Erkenntnisse.

Anca Radulescu:
"Je früher die Vernachlässigung eines Kindes beginnt und je länger sie dauert, desto mehr wirden die Hirnentwicklung und dadurch die Intelligenz beeinträchtigt. Diese Ergebnisse haben wir durch die Erforschung zweier Gruppen bestätigen können. Die Heimkinder bekamen, verursacht durch zu wenig Betreuung und emotionale Zuneigung, weiterhin eine sehr geringe Stimulation, während die Pflegekinder durch die enge familiäre Betreuung eine viel größere emotionale Stabilität aufbauen konnten."

Lupe
Die Pflegekinder hatten einfach mehr emotionale Sicherheit, Verlässlichkeit und Lernerlebnisse. Denn Intelligenz entwickelt sich proportional zu der Qualität, Quantität und Regelmäßigkeit der Stimulation durch die Umwelt. Besonders dann, wenn die Pflegeeltern die Kinder ermutigen, die eigene Umwelt zu erforschen. Die ersten der 136 Waisen, die im Alter zwischen 6 und 31 Monaten für die Studie ausgewählt wurden, sind heute bereits 15 Jahre alt. Ihre Pflegefamilien wurden über die gesamte Zeit intensiv betreut und beobachtet. Dabei lautete die Kernfrage immer wieder: Welche Auswirkung hatte die Vernachlässigung in frühester Kindheit auf ihre Intelligenz?

Deutliche Unterschiede der Hirnströme
Schon die ersten Messungen der Hirnströme zeigten bei den Kindern, die im Heim verbleiben mussten, eine deutlich geringere elektrische Aktivität, die auch mit einem sehr geringen IQ von knapp 70 korrespondierte. Kinder, die in Pflegefamilien aufwuchsen, hatten dagegen einen IQ von 80 bis 90. Das Aufwachsen in Pflegefamilien steigerte offensichtlich die Intelligenz. Doch Hirnscans brachten auch ein deprimierendes Ergebnis: Alle Kinder der Studie zeigten im Vergleich zu normal aufwachsenden Kindern eine deutliche Reduzierung von grauen Zellen und weißer Materie im Gehirn.

Lupe
Anca Radulescu:
"Wenn die Vernachlässigung eines Kindes schon früh beginnt und lange anhält, ist eine Erholung fast unmöglich, denn die neuronalen Verbindungen im Gehirn eines Kindes, das Missbrauch oder Vernachlässigung erfährt, entwickeln sich nicht richtig. Wenn diese neuronalen Verbindungen gestört sind, können sie ihre Intelligenz nicht entwickeln."

Man lernt ein Leben lang. Aber was in der frühesten Kindheit an Zuwendung und emotionaler Stabilität versäumt wird, lässt sich, unabhängig vom ererbten individuellen Intelligenzpotential, nur schwer kompensieren.

Sendedaten
28.05.2015, 20.15 Uhr

Erstsendung: 10.04.2014
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