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Kognitive Fähigkeiten sind ein Spiegel der Umwelt
Thema zur Sendung "Dumm geboren und nichts dazugelernt?"
In Zürich erforscht Elsbeth Stern, wie wir Menschen lernen, unsere Intelligenzpotentiale zu entwickeln. Intelligenz ist zum Teil eine Lotterie der Gene. Aber was braucht es, damit sich das individuelle Intelligenzpotential eines Menschen entwickeln kann?
Kein Lernforscher kommt ohne IQ-Tests aus. Sie bilden die empirische Grundlage, um intellektuelle Leistungen unterschiedlicher Menschen überhaupt vergleichen zu können. Doch die Sache hat einen Haken: Intelligenztests beziehen sich immer nur auf eine homogene Gruppe. Ein afrikanischer Buschmann braucht in der Kalahari eine andere Intelligenz als ein Wall-Street-Banker. Das bedeutet: Jede Kultur bräuchte ihre eigenen Intelligenz-Tests.

Elsbeth Stern, Intelligenzforscher:
"Intelligenz, die kann ich nur entfalten, wenn ich vor Probleme gestellt werde, die Intelligenz erfordern, wenn ich lesen und schreiben gelernt habe, wenn ich gelernt habe mit abstrakten Symbolen umzugehen, wenn mir die überhaupt präsentiert wurden. Man kann die allerbesten Gene für Intelligenz mitbringen, wenn man in eine Kultur kommt, wo weder lesen noch schreiben üblich ist, dann wird man nicht die Intelligenz, so wie wir sie verstehen, entwickeln können."

Die Folgen von sozialer Vernachlässigung
Bis heute hält sich hartnäckig die These, dass die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen weitgehend unter genetischer Kontrolle stehen. Eine These, die auch im Bestseller "The Bellcurve" von Charles Murray und Richard Herrnstein vertreten wird. Murray und Herrnstein glaubten, dass viele soziale Probleme durch einen unveränderbar niedrigen IQ schwarzer Amerikaner und Latinos zu erklären seien. Es ist Thilo Sarrazins Vorstellung von einer Art genetischem Ghetto, aus dem es kein Entrinnen gibt. Förderprogramme und Sozialleistungen wären dann sinnlos.

Der Sozialpsychologe Richard Nisbett studiert seit Jahrzehnten die Folgen von sozialer Vernachlässigung auf die Entwicklung von Intelligenz. Nisbett ist zu hunderten Familien gegangen, hat Beobachtungen gemacht und Fragen gestellt: Und so Unterschiede bemerkt. Ein typisches Beispiel ist: Ein dreijähriges Kind einer Mittelklassefamilie wird sechsmal gelobt, bevor es einmal getadelt wird. In einer Arbeiterfamilie ist das Verhältnis schon auf zwei Belobigungen pro Tadel gesunken. In einer schwarzen Unterschichtfamilie hat sich das Verhältnis umgedreht: Pro Belobigung gibt es zwei Tadel.

Richard Nisbett, Sozialpsychologe:
"Es gibt große Unterschiede in Bezug auf den Wortschatz, dem Kinder - je nach sozialer Schicht und ethnischer Zugehörigkeit - ausgesetzt sind. Ein Kind der Mittelschicht hört bis zu seinem dritten Geburtstag ungefähr 30 Millionen Wörter. Ein Arbeiterkind rund 20 Millionen und ein schwarzes Ghettokind rund 10 Millionen Wörter. Über soziale Schichtgrenzen hinweg gilt: Je mehr Wörter man hört, desto mehr Konzepten ist man ausgesetzt. In Mittelklassefamilien ist es wie bei einem Tennisspiel. Das Kind schlägt den Ball zu den Eltern und die retournieren. Es ist ein Hin und Her. In Arbeiterfamilien ist es oft eine Einbahnstraße: Eltern zum Kind oder umgekehrt. Und das war´s. Dort gibt es diesen Schlagabtausch nicht."

Die Umwelt ist der treibende Faktor
Ist das Lernverhalten in Familien angeboren? Oder haben kulturelle und soziale Unterschiede den größeren Einfluss auf die intellektuellen Potentiale der Kinder? Die neuen Befunde der Intelligenzforschung deuten alle in eine Richtung: Die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen sind ein Spiegel seiner Umwelt.

Richard Nisbett, Sozialpsychologe:
"Für die obere Mittelschicht lässt sich der IQ in sehr starkem Maß durch die Gene erklären. Warum? Nun, dort sind die Umweltbedingungen sehr gleichförmig. Dr. Schmidts Familienverhältnisse sind wahrscheinlich nicht viel anders als die von Anwalt Meier. Beide bieten exzellente, gleichförmige Umweltbedingungen. Das einzige, was hier noch Unterschiede hervorbringen kann, sind die Gene. Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums, in der Unterschicht in den USA und in Europa, ist der Zusammenhang zwischen Genen und IQ geradezu trivial fast nicht existent. Warum? Nun, in der Unterschicht rangieren die Verhältnisse von so gut wie man es in der oberen Mittelklasse findet bis zu in jeder Hinsicht chaotisch und zerstörerisch. Wenn es so riesige Unterschiede gibt, ist die Umwelt der treibende Faktor. Gene zählen dann so gut wie überhaupt nicht."

Sendedaten
28.05.2015, 20.15 Uhr

Erstsendung: 10.04.2014
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