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Die Mär vom genetischen Ghetto
Thema zur Sendung "Dumm geboren und nichts dazugelernt?"
Es gibt tatsächlich Leistungsunterschiede zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. So schaffen viele Migranten in Berlin noch nicht einmal die Hauptschule. Was sind die Gründe dafür?
Thilo Sarrazin:
"Das ist die Formel, die 98 % aller wissenschaftlichen Meinungen abbildet, dass die gemessene Intelligenz zu 50 bis 80 % erblich ist - ich persönlich tendiere eher zu 80 Prozent. Und wenn die Gruppen unterschiedlicher Intelligenz unterschiedliche Geburtenraten haben, wirkt sich dies irgendwann aus auf die Durchschnittsintelligenz der Bevölkerung."

Grundstein der Rassen- und Vererbungsideologie der Nazis
Was der ehemalige Berliner Finanzsenator behauptet, ist scheinbar logisch. Aber stimmt das auch? Sind wir als Kinder unserer Eltern wirklich in einer Art genetischem Ghetto gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt? Zunächst ein Blick in die Geschichte der Intelligenzforschung: Sie wurde von Beginn an dazu benutzt, Menschen unterschiedlicher Abstammung zu vergleichen und zu bewerten. Im 19. Jahrhundert veröffentlichte Francis Galton sein Werk "Hereditary Genius". Er teilt darin die Menschheit in wertvolle und weniger wertvolle "Rassen" ein und prägt den Begriff der "Eugenik", womit die gezielte Verstärkung vorteilhafter Vererbungsmerkmale einer Gesellschaft gemeint ist. Galton legte so den Grundstein für die Rassen- und Vererbungsideologie der Nazis. Nach dieser naiven Vorstellung von Vererbung addiert sich schlau und schlau zu superschlau, während aus dumm und dumm nur sehr dumm resultieren kann.

Thilo Sarrazin:
"Intelligenz ist erblich. Darum ist es nicht egal wer die Kinder bekommt. Bildung ist wichtig, darum ist es nicht egal, was man für ein Bildungssystem hat. Eins gilt aber auch: Man kann durch mehr Bildung mindere Intelligenz nur zu einem gewissen Teil ausgleichen."

Intelligenz lässt sich nicht dominant vererben
Die Versuchung ist offenbar noch heute groß, Intelligenz als einen biologischen Faktor zu betrachten, der in verschiedenen Ethnien unterschiedlich wirkt. Gibt es diese genetischen Unterschiede wirklich? Und wenn ja, wie wirken sie sich auf die Intelligenz aus? Diethard Tautz ist Populationsgenetiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön. Er hält den Versuch, Ethnien biologisch zu unterscheiden, für wissenschaftlich fragwürdig.

Diethard Tautz, Populationsgenetiker:
"Der Mensch gehört zu einer der homogensten Spezies überhaupt, die wir auf der Erde haben. Eigentlich gibt es keine "Rassen" in dem biologischen Sinne, sondern das ist jeweils wahrscheinlich eher sogar eine kulturelle Einteilung als eine gut begründete genetische Einteilung. Tatsache ist, dass Eigenschaften grundsätzlich voneinander unabhängig vererbt werden, so eine Kopplung, wie man das genetisch sagen würde, ist zumindest zwischen Intelligenz und Hautfarbe nicht nachweisbar."

Die Mendelschen Vererbungsregeln beschreiben den dominant-rezessiven Erbgang von Merkmalen, die durch ein einziges Gen bestimmt werden. Die Wissenschaft weiß aber heute, dass bestimmte Eigenschaften, wie Körpergröße, Gewicht und Pigmentierung, durch eine Vielzahl von Genen bestimmt werden. Gilt das auch für die Intelligenz?

Diethard Tautz, Populationsgenetiker:
"Intelligenz ist mit Sicherheit durch viele Gene mitbestimmt, also es hat eine genetische Komponente, da gibt es gar keinen Zweifel. In unserem Fachjargon heißt das dann polygenes Merkmal. Und die Regeln der Vererbung polygener Merkmale wiederum sind eigentlich Gegenstand aktiver Forschung, mit der wir uns auch beschäftigen. Die haben wir noch nicht wirklich vollständig verstanden."

Bei jedem Kind würfelt die Natur die Gen-Kombinationen neu zusammen. Intelligenz lässt sich nicht dominant vererben wie etwa die Augenfarbe, das kann die Wissenschaft heute definitiv sagen. Thilo Sarrazins Verdummungsthese lässt sich durch die Populationsgenetik jedenfalls nicht belegen.

Sendedaten
28.05.2015, 20.15 Uhr

Erstsendung: 10.04.2014
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