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Gibt es die berühmte Bauchentscheidung wirklich? Werden sogar unsere Emotionen beeinflusst?
Wissenschaftsdoku: Neues aus dem Reich der Mitte - Der Darm
Ist der Darm nicht in Ordnung, fühlt sich der Mensch schlecht
Kein anderes Organ des menschlichen Körpers reagiert so schnell auf psychische Belastungen oder Leistungsdruck wie der Darm. Sind wir alle Darm gesteuert?
Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich die Menschheit in unterschiedliche Darmgruppen unterteilen: in drei Enterotypen. Warum die Evolution diese verschiedenen Darmgruppen hervorgebracht hat, ist noch weitestgehend unbekannt. Bislang wissen die Forscher vor allem, dass die verschiedenen Darmtypen mit unterschiedlicher Effizienz Nahrung verarbeiten. Ist dies endlich der richtige Ansatzpunkt zur Behandlung von Fettleibigkeit? Wird es in Zukunft für jeden Darmtypen unterschiedliche Ernährungsempfehlungen geben? Wissenschaftler der Universität Hohenheim untersuchen neue Methoden bei fettleibigen Patienten.

U-Boot durch das Verdauungssystem
© ZDF Tim Förderer; medi cine medienproduktions gmbh Frau schluckt Kamera in Pillen-Form.
Frau schluckt Kamera in Pillen-Form.
Die Ursache für diffuse Darmbeschwerden zu finden, war bis vor wenigen Jahren noch ein unangenehmes Unterfangen für Patienten. Die Darmspiegelung. Das hat sich geändert, seitdem die Darm-Kamera auf dem Markt ist. Die Kapsel-Endoskopie mit der Kamera in Pillen-Form schließt die diagnostische Lücke im Dünndarm. Wie ein U-Boot gleitet sie durch das Verdauungssystem und filmt die Innenseite. Eine Gruppe von Forschern aus den Niederlanden führt eine weitere diagnostische Wunderwaffe ins Feld: einen Hund. Beagle Cliff kann bösartige Formen des Bakteriums Clostridium difficile erriechen, die sonst nur in einem aufwendigen diagnostischen Verfahren zu finden sind. Eine Therapieform gegen diese Erkrankung: die Stuhltransplantation. Klingt eklig, hilft aber in über 90 Prozent der Fälle. Gute Bakterien verdrängen die krank machenden Clostridien und sorgen so für Ruhe im Darm.

Unser Darm kann mehr als nur verdauen

Probleme im Darm haben nicht nur direkte Auswirkungen auf das Verdauungssystem. Ein Geflecht von Nerven zieht sich um den Darm, insgesamt über 100 Millionen Zellen. Nach Gehirn und Rückenmark stellt das enterische Nervensystem die größte Ansammlung von Nervenzellen im menschlichen Körper dar. Es arbeitet völlig autonom, ständig werden Informationen ans Großhirn gesendet. Umgekehrt sendet das Großhirn selbst aber nur wenige Informationen an den Bauch. Gibt es die berühmte Bauchentscheidung wirklich? Werden sogar unsere Emotionen beeinflusst?

Darm und Co. genießen kein hohes Ansehen - zu Unrecht

Die Verdauung ist in der Sprache tief verwurzelt: Bauchgefühl, Bauchentscheidung, auf den Magen schlagen - bis zum Schiss haben. Dennoch genießen Darm und Co. kein wirklich hohes Ansehen in der Gesellschaft. Und das obwohl sie eine Menge leisten.

Sie verdauen im Jahr durchschnittlich 176 Kilo Obst und Gemüse, fast 100 Kilogramm Fleisch und Fisch sowie einige hundert Liter Flüssigkeit. Am Ende kommen dabei ca. 219 Gramm heraus, jeden Tag. Billionen von Bakterien und Pilzen unterstützen den Darm bei der Verdauung. Im Dünndarm werden Nährstoffe aufgenommen und ans Blut weitergegeben, vermittelt durch die Darmzotten. Um eine möglichst große Oberfläche zu erreichen ist der Darm mehrfach aufgefaltet. Auf eine Fläche von bis zu 400 Quadratmetern, größer als das Spielfeld eines Tennisplatzes.

In dieser Riesenspielwiese leben kleine Helfer. Bakterien und Pilze. Sie spalten Nährstoffe auf, an die wir sonst nicht herankämen. Die Lebensgemeinschaft im Darm nennen Wissenschaftler das Mikrobiom. Bislang dachte man, dass die Darmbewohner hauptsächlich für den Abbau von Ballaststoffen zuständig sind und dass sie uns mit bestimmten Vitaminen versorgen. Im Jahr 2011 fanden Forscher aus Heidelberg aber heraus, dass sich der Mensch anhand seiner Bakterienbewohner klassifizieren lässt. Drei verschiedene Gruppen sollen es sein, egal woher man kommt, was man isst oder welches Geschlecht man hat. Doch was bedeutet das? Ist die Verdauung bei den verschiedenen Typen unterschiedlich? Gibt es vielleicht sogar andere, weitreichendere Auswirkungen?

Drei Darmtypen - unabhängig von der Herkunft
In jahrelanger Arbeit haben Wissenschaftler des Europäischen Labors für Molekularbiologie Stuhlproben aus der ganzen Welt begutachtet und das gesamte Erbmaterial unterschiedlichster Proben untersucht. Mit neuartigen Methoden fanden sie unter anderem heraus, dass die Menge an Bakterien in uns viel größer ist als angenommen. Bis zu 1000 verschiedene Arten tummeln sich im Verdauungstrakt. Ein Puzzlearbeit denn zusammengenommen besitzen ihre Gene über 9 Billionen Buchstaben, vergleichbar mit der Menge an Zeichen in etwa 1,8 Millionen Bibeln.

Peer Bork, Biochemiker EMBL Heidelberg:
"Wir hatten Probanden aus verschiedenen Ländern und wollten mal sehen, wie die Darmflora sich unterscheidet und dachten, dass die Japaner durch ihr Fischessen anders als die französischen Weintrinker ihre Mikrobiota gestalten. Aber da kamen drei Typen zum Vorschein - unabhängig von der Herkunft, unabhängig vom Alter, unabhängig vom Body Mass Index."

Sie werden anhand der vorherrschenden Bakteriengattung unterschieden. Bork und sein Team können aber nicht nur Aussagen über die Zusammensetzung des Mikrobioms machen. In manchen Fällen finden sie auch Krankheiten. Die Wahrscheinlichkeit, bestimmte Krankheiten zu bekommen, ist aber nicht allein vom Enterotypen abhängig. Denn jeder Mensch hat trotz der übergeordneten Gruppe auch seine eigenen Bakterien. Es gibt große individuelle Unterschiede. Peer Bork hat eine Online Community für Darmkrankheiten gegründet. Menschen mit unklaren Darmbeschwerden aus aller Welt können ihren Stuhl begutachten lassen. Ziel ist eine Datenbank der verschiedenen Beschwerdebilder. Das Verfahren ist aufwändig und muss selbst bezahlt werden. Je mehr Probanden sich anmelden, desto größer sind die Möglichkeiten zum Beispiel Krankheiten besser vorherzusagen.



Ein Film von Tim Förderer
Welcher Darmtyp bin dann ich? Und hat das Auswirkungen auf mein Leben, meine Gesundheit? Um das herauszufinden, wurden Forscher im Europäischen Labor für Molekularbiologie EMBLin der Universitätsstadt Heidelberg besucht.





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© mauritiusscobel: Revolution Mikrobiomforschung
Rätselhaftes Leben in uns -Zusammenhang von Krankheiten mit bakteriellen Dysbalancen im Darm