wissenschaftsdoku
Kalender
Dezember 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
06
Lupe
Die Industrialisierung Kriege
Thema zur Sendung "Natur unter Beschuss"
Bei Verdun treffen im Winter 1916 mehr als eine Million französischer und deutscher Soldaten aufeinander. Am 21. Februar um 8 Uhr 12 beginnt das "Stahlgewitter". Der Krieg zeigt hier sein neues Gesicht und verändert das Antlitz der Natur mit unvorstellbarer Wucht.
Die Kulturlandschaft verwandelt sich in eine Wüste. Die Schlacht von Verdun steht für den Auftakt zur Industrialisierung der Kriege. Das Vernichtungspotential des 20. Jahrhunderts treibt die Erde an den Rand ihrer Zerstörung. Die ökologischen Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar. Der engere Schlachtbereich vor Verdun ist noch immer Todeszone. Jahrzehntelang wuchsen hier nur Krüppeleichen. Es ist lebensgefährlich, diesen Wald zu betreten. Der Boden ist voll von Munitionsresten und Blindgängern.

Die Schlacht an der Westfront des Ersten Weltkriegs konzentriert sich auf weniger als 40 Quadratkilometer und wird im Schichtdienst geführt. Die Artellerie arbeitet ohne Pause. Dörfer verschwinden für immer von der Landkarte. Noch nie sind so viele Soldaten auf so engem Raum getötet worden. Es ist eine Zeitenwende. Und sie berührt nicht nur die Menschen.

Lupe
Ingrid Ferrand, Fremdenführerin:
"Es gab hier nichts mehr, keine Erde, keinen Humus, überhaupt nichts mehr. Stellen Sie sich vor, hier waren nur Steine. Der Humus war nicht mehr an der Oberfläche, weil er durch den Dauerbeschuss ständig neu verteilt worden war. Also wie hätte man hier mit dem Pflug durchkommen sollen? Oder mit irgendetwas anderem? Das war nicht mehr möglich. Und es wurde auch nie wieder eingeebnet: Weder die komplett zerstörten Wälder, noch die Felder. Kein einziger Quadratmeter blieb unberührt. Es gab nur noch Granattrichter."

60 Millionen Geschosse werden abgefeuert
Natur wird im Krieg vor allem bei Landgewinn oder Landverlust wahrgenommen. Natur hat im Krieg ausschließlich strategische Bedeutung. Verdun verwandelt sich in ein Testlabor für moderne Vernichtungswaffen. Zum ersten Mal wird hier Giftgas in Granaten verschossen. Das Lungengift kann nun gezielt in die feindlichen Linien katapultiert werden und dort alles Leben vernichten.

Trotzdem zieht sich der Beschuss monatelang hin. Insgesamt werden etwa 60 Millionen Geschosse abgefeuert. Es ist eine Materialschlacht ungekannten Ausmaßes. In früheren Schlachten war die Zerstörungskraft von Anfang an beschränkt. Dieses Mal nicht. Durch die nahe gelegenen Versorgungslinien der Frontbahn reißt der Munitionsnachschub nicht ab.

Lupe
Herfried Münkler, Politologe:
"Man könnte die Schlacht als die intensivste Form des Ressourcenverbrauchs beschreiben, die vorstellbar ist. Was nun im Ersten Weltkrieg erstmals, im Zweiten Weltkrieg abermals, eintritt, ist im Prinzip die Organisation der Industrie dahingehend, dass sie in der Lage ist, den Ressourcenverbrauch zu kompensieren."

Am Ende des Ersten Weltkrieges kann bereits jeden Monat so viel Munition produziert werden, wie zu seinem Beginn insgesamt zur Verfügung stand. Das Industriezeitalter hat nun seine entsprechende Kriegsform: den industrialisierten Krieg. Die militärische Produktion geht auch zu Friedenszeiten weiter. Die Zerstörungskapazitäten wachsen rasant. In wenigen Jahrzehnten rüstet sich die Welt an den Abgrund. Im Zweiten Weltkrieg sind Bomberflotten bereits in der Lage, binnen Minuten ganze Städte in Brand zu setzen. In Flächenbombardements werden gewaltige Stückzahlen an Fliegerbomben abgeworfen.

Sendedaten
23.01.2014, 20.15 Uhr

Erstsendung: 24.10.2013
Navigation
Mediathek