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In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Fettleibigen verdoppelt.
In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Fettleibigen verdoppelt.
Wissenschaftsdoku: Fettleibigkeit vorprogrammiert?
In den Industrienationen werden die Menschen immer dicker
Millionen Menschen hangeln sich von einer Diät zur nächsten, machen Sport, nehmen ab und wieder zu. Wissenschaftler fragen sich, ob es mehr Ursachen für Fettleibigkeit gibt als den täglichen Kalorieninput.
Als Nebeneffekt einiger Versuche mit Chemikalien trat eine ungewöhnliche Fettleibigkeit der Versuchstiere auf. Endokrin wirksame Substanzen, auch Umwelthormone genannt, gibt es reichlich: im Plastik, in Dosen, im Trinkwasser, im Essen. Einige davon stehen im Verdacht die Spermienbildung und Fortpflanzung von Tieren zu beeinflussen, andere könnten krebserregend sein.

Der Zusammenhang mit Fettleibigkeit ist neu. Die These der Wissenschaftler: Gerade geringste Mengen endokrin wirksamer Substanzen über einen langen Zeitraum aufgenommen überlisten das körpereigene Abwehrsystem und programmieren uns auf Fettleibigkeit. Gelingt den Wissenschaftlern dieser Nachweis, hätte dies weitreichende Auswirkungen auf den globalen Kampf gegen Übergewicht.

Ein Film von Bruce Mohun und Helen Slinger
Die Dokumentation "Fettleibigkeit vorprogrammiert?" verfolgt die wissenschaftliche Spur, nach der vom Menschen gemachte chemische Substanzen bereits im Mutterleib Veränderungen im Stoffwechsel bewirken, die zu einer lebenslänglichen Gewichtszunahme beziehungsweise dem Kampf dagegen führen.




Zufallsbefund Fettleibigkeit

In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Fettleibigen verdoppelt
Das durchschnittliche Gewicht von Babies in unserem Kulturkreis steigt. Im Jahr 1999 bemerkten Reproduktions-Wissenschafter unabhängig voneinander eine interessante Nebenwirkung: ihre Labortiere wurden immer fetter. 1998 startete Paula Baillie-Hamilton ein kleines privates Forschungsprojekt.

Dr. Paula Baillie-Hamilton: "Nach der Geburt meines zweites Kindes hatte ich Probleme mit meinem Gewicht und wollte nicht länger die Klamotten meines Mannes tragen, seine Jeans und so. Ich hab alles ausprobiert, nichts hat funktioniert."

Baillie-Hamilton vergrub sich in Büchern. Und sie fragte sich, ob chemische Stoffe in der Umwelt etwas mit ihrem Gewichtsproblem zu tun haben könnten. Während sich Baillie-Hamilton auf der Suche nach Hinweisen über Gewichtsveränderungen durch wissenschaftliche Veröffentlichungen über Umweltchemikalien arbeitete, bekam eine Wissenschaftlerin in North Carolina ein Problem mit ihren Labormäusen.

Retha Newbold untersuchte eigentlich Veränderungen in der Fortpflanzung durch ein synthetisches Östrogen - ein Ersatzhormon. Aber die mit dem Hormon behandelten Mäuse wurden vor allem eines: fett. Etwa zur selben Zeit untersuchte ein Biologe in Kalifornien die Auswirkungen des Zellgiftes Tributylzinn - TBT - auf Meeresorganismen. Bruce Blumberg fand heraus, dass TBT das Wachstum von Fettzellen beeinflusst. Zur gleichen Zeit untersuchte der Endokrinologe Fred Vom Saal an der Universität Missouri Bisphenol A, einen weit verbreiteten Stoff, der bei der Herstellung von Kunststoffen eine große Rolle spielt. Seine Labormäuse wurden immer dicker. Wenn ein Umwelthormon bei Versuchstieren schon vor der Geburt Geschlechtsorgane umprogrammiert, was könnte es beim Menschen anrichten?

Warum wurden einige Mäuse fett?
Drei verschiedene Wissenschaftler, drei unterschiedliche Studien, drei Zufallsbefunde von Fettleibigkeit. Auf den ersten Blick sehr merkwürdig, denn es handelt sich um sehr unterschiedliche Chemikalien. Doch diese drei haben eine Gemeinsamkeit: sie können das endokrine System - unseren Hormonhaushalt - stören. Deshalb bezeichnet man solche hormonaktive Substanzen auch als endokrine Disruptoren. Sie gauckeln den Rezeptoren des Hormonsystems vor, sie seien natürliche Hormone.

Die drei Wissenschaftler mit den fetten Labortieren arbeiteten an Studien zu Krebs oder Fortpflanzungsproblemen. Nicht aber Paula Baillie-Hamilton - sie interessierte sich nur für die Gewichtszunahme. Sie fand heraus, dass sich die meisten Wissenschaftler bei Umweltgiften nur für den Gewichtsverlust interessieren. Eine Gewichtszunahme wird kaum erwähnt. Gewichtsverlust gilt als ein Zeichen für Toxizität, Gewichtszunahme ist eher etwas Positives.

2002 veröffentlichte Baillie-Hamilton ihre Ergebnisse in einer Zeitschrift. Ihr Artikel findet Anklang bei Experten in aller Welt. Retha Newbold wurde neugierig. Sie entwickelt eine Studie, um genau herauszufinden, warum ihre Mäuse fett werden. Jerry Heindel erwähnt in einem seiner Artikel auf die Arbeit von Baillie-Hamilton. Und Bruce Blumberg in Kalifornien stolpert darüber, liest Baillie-Hamiltons Artikel und erinnert sich an seine dicken Frösche.

Wir sind umgeben von Fettmachern

Es gibt eine neue Forschungsrichtung: Fetal Origins, zu deutsch: fötaler Ursprung. Deren These: Manche Krankheiten von Erwachsenen können während der Entwicklung des Fötus angelegt werden. Nach dieser Theorie können Faktoren, die das Geburtsgewicht beeinflussen, später zu Krankheiten führen.Die Theorie vom Fötalen Ursprung behauptet, dass untergewichtige Babies zu übergewichtigen Erwachsenen werden. Bruce Blumberg hat sich schon früh mit der Theorie beschäftigt. Und mit den Folgen, die Umweltchemikalien auf die menschliche Entwicklung haben können.

Eine Auswirkung von Umweltchemikalien hatte Blumberg schnell gefunden: den Fettzuwachs bei Fröschen durch das Biozid TDT. Danach machte er den gleichen Versuch mit Tieren, die dem Menschen genetisch näher sind: Mäuse. Die Ergebnisse waren so eindeutig, dass er beschloss, den verursachenden Chemikalien einen neuen Namen zu geben, er nannte sie Obesogens - Fettmacher.

Bruce Blumberg:
"Bis zu diesem Zeitpunkt dachte jeder, jeder Arzt, auch mein Arzt, wer fett wird, isst zuviel. Basta! Wir konnten mit dieser Studie zeigen, dass es chemische Stoffe gibt, die beeinflussen können, wie unser Körper mit Kalorien umgeht."

Warum werden wir von Generation zu Generation dicker?
Die Menge an Fettzellen, die ein erwachsener Mensch besitzt, wird als Set-Point bezeichnet. Nach der Pubertät bleibt die Zahl der Fettzellen ein Leben lang erhalten. Die Zellen werden kleiner oder größer, aber es bleiben wohl immer gleich viele. Eine hormonwirksame Substanz in der Umwelt, die den Set-Point erhöhen kann, ist Bisphenol A - kurz BPA. Die Verbindung ist ein wichtiger Bestandteil vieler Kunststoffe. Kanada und die EU haben BPA in Babyfläschchen verboten. Dennoch ist BPA in vielen Haushaltsgegenständen enthalten.

Bisphenol A wird bei Erwachsenen innerhalb von 6 Stunden in der Leber abgebaut. Dennoch lässt sich bei beinahe allen Menschen BPA in Blut und Urin nachweisen. Denn BPA ist permanent um uns herum. In seiner Studie gab Fred vom Saal Mäusen eine Dosis BPA, die in etwa dem entspricht, was ein Mensch im Alltag aufnimmt - zwei Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Vorangegangene Studien hatten nie weniger als fünfzigtausend Mikrogramm pro Kilogramm am Tag gegeben.

Kleine Menge, fette Wirkung

Aber kann eine winzige Menge einer Substanz Gesundheitsprobleme wie Fettleibigkeit oder Diabetes hervorrufen, obwohl bei großen Mengen gar nichts passiert? Das wäre ja so als ob ein Tropfen einer giftigen Flüssigkeit tötet, zehn Tropfen aber gar nichts ausmachen. Hormonwissenschaftler wie Blumberg und Vom Saal verwundert das nicht.

Prof. Fred Vom Saal:
"Ein paar Moleküle eines Hormons an einen Rezeptor angedockt bewirken, dass die Zelle mehr Rezeptoren bereitstellt und dann umso empfindlicher für das Hormon wird."

Bruce Blumberg:
"Wenn man die Konzentration stetig erhöht, erreicht man irgendwann eine Sättigung. Es passiert nichts mehr, weil alle Rezeptoren besetzt sind."

Bei einer Sättigung von etwa 50 Prozent werden die Gene, die für die Rezeptoren verantwortlich sind, abgeschaltet. Andere Gene, die die Reaktion hemmen, werden aktiv. Offenbar haben kleine Mengen bestimmter Chemikalien eine Wirkung auf das Hormonsystem von Labortieren, größere hingegen nicht.Die chemische Industrie führte eigene Studien durch. Und fand nichts. Die Gesundheitsbehörden hatten ein Problem, wem sollte man glauben? Der einzige Ausweg: Massenuntersuchungen, bei denen die Chemikalien im Blut von Menschen mit Krankheiten in Verbindung gebracht werden können. Doch solche Studien können Jahre dauern.
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Langfristiger Blick auf das Phänomen Fettleibigkeit

Sind kleine Mengen Fettmacher in der Lage, die Körperfülle ganzer Populationen zu verändern? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: umfangreiche Messungen. Studien mit Hunderttausenden von Menschen werden nun durchgeführt. Und die Zahl der verdächtigen Chemikalien wird immer länger.So ist auch ein Stoff im Verdacht, der in Natur vorkommt: Nikotin. Obwohl Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft rauchen, bei Geburt untergewichtig sind, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder später unter Übergewicht leiden. Der Körper versucht offenbar, das fehlende Gewicht wieder aufzuholen. Alison Holloway hat Versuche an Ratten durchgeführt, die das belegen sollen.

Alison Holloway:

"Wir spritzen ein Milligramm Nikotin pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Das resultierende Cotininniveau, dem wichtigsten Stoffwechselprodukt von Nikotin, entspricht einem gemäßigten Raucher. Die Ratten werden schwerer und das deckt sich mit den Ergebnissen anderer Labore, die mit Nikotin arbeiten. Unsere Daten zeigen, dass Nikotin direkt auf die Beta-Zellen, in der Bauchspeicheldrüse wirkt, die Insulin produzieren."

Zuverlässige Ergebnisse erst in Jahren

Und das stört das Hormonsystem. Etwa 20 Chemikalien stehen im Verdacht, Fettmacher zu sein. Sie kommen in Hunderten von Alltagsartikeln vor. Man findet sie auf Zeitschriftenumschlägen, in Haarpflegeprodukten, in Teppichen und Kaffeebechern. Amerikanische Wissenschaftler beobachten in einer groß angelegten Studie über viele Jahre den Gesundheitszustand zahlloser Probanden. Dies ist der einzig sichere Weg, zuverlässige Ergebnisse beim Menschen zu bekommen. Momentan begleitet die Untersuchung nur Kinder bis zum Alter von sechs Monaten. Aber die Leiter der Studie hoffen, dass sie den Zeitraum schon bald bis auf ein Alter von mindestens sechs Jahren ausweiten können.

In Europa läuft seit dem Jahr 2009 eine Studie, die noch langfristiger angelegt ist. Hier werden die Kinder bis zum Alter von acht Jahren untersucht. Die Studie namens Obelix befasst sich mit den Auswirkungen solcher Stoffe auf das frühkindliche Leben. Sie läuft bis Mai 2013, wenigstens 800 Kinder aus vier verschiedenen europäischen Ländern sind daran beteiligt. Auch in Europa wird Fettleibigkeit in praktisch jedem Land zum Problem. Mit Hilfe von Obelix sollen die Ursachen erforscht werden. Auch das relativ neue Feld der Epigenetik ist Teil der Studie. Die Epigenetik beschreibt, wie identische Gene in unterschiedlichen Menschen verschieden arbeiten.

Prof. Juliette Legler:

"Unsere DNA mutiert nicht durch diese Chemikalien, aber die Art, wie die DNA ausgelesen wird und somit die Proteine, die in der Folge entstehen, verändern sich durch diese Chemikalien."

Chemikalien können dafür sorgen, dass Gene anders arbeiten. Große Auswirkungen hat das während der schnellen Entwicklung des Fötus im Mutterleib. Und diese Wirkung verstärkt sich möglicherweise von Generation zu Generation.

Dr. Merete Eggesbo:

"Ich glaube wir haben uns das Thema Fettleibigkeit immer zu einfach gemacht. Für mich sieht es so aus, als sei es doch deutlich komplizierter als Kalorienzählen."
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scobel: Im Takt der Hormone
Hormone läuten Lebensphasen ein, wie die Pubertät oder die Menopause und sie steuern deren Verlauf. Sie beeinflussen Stoffwechsel, Stimmungen, ja sogar unser Wesen.