Lupe
Ein historisches Ereignis
Thema zur Sendung "Freiheit fürs Internet"
Am 23. Mai 2012 gehen die Ägypter zur Wahl. Die gesamte Welt schaut zu. Die Stichwahl im Juni 2012 gewinnt der Muslimbruder Mohammed Mursi. Zwar hat der Militärrat zuvor die Kompetenzen des Präsidenten eingeschränkt, aber immerhin ist Mohammed Mursi demokratisch gewählt.
Bei der letzten Präsidentschaftswahl war Hosni Mubarak der einzige Kandidat. Es war keine Wahl, sondern eine Wahlinszenierung. Nun ist der Stolz der Ägypter über den friedlichen und geordneten Ablauf dieser echten Wahl deutlich zu spüren. Sie wollen kein Schmierentheater mehr. Diesmal zählt wirklich jede Stimme. Auch die des deutsch-Ägypters Karim El-Gawhary. Nach Männern und Frauen getrennt, stehen sie an, als ob es das Normalste der Welt sei, in Ägypten wählen zu gehen. Diesmal holt sich jeder, der früher an der Wahlurne betrogen wurde, seine Würde als Bürger zurück.

Karim El-Gawhary:
"Für mich ist das ein großartiger Augenblick. Das ist das zweite Mal in meinem Leben, dass ich in Ägypten wählen gehe. Das erste Mal bei den Parlamentswahlen und heute wieder. Das ist sehr, sehr aufregend. Hier sind 840 Menschen ums Leben gekommen beim Aufstand gegen Mubarak, um genau das zu machen heute. Das, was in Deutschland, Österreich so selbstverständlich ist, das zu machen, dass man wählen geht, und dass meine Stimme ernstgenommen wird und gezählt wird. Und dass ich sozusagen das politische Schicksal meines Landes mitbestimme. Das ist für diese Leute hier ein absolut großartiger Moment. Und auch für mich natürlich."

Alles andere als normal
Lupe
Durch die Wahl sind die sozialen Probleme des Landes noch nicht einmal im Ansatz gelöst. Doch die demokratische Teilhabe in der arabischen Welt ist eben alles andere als normal. Das ist Stoff für die Abendnachrichten. Ein Volk das seine Ohnmacht überwindet, stellt Forderungen an die Politik. Zum ersten Mal seit 7000 Jahren wird ein Staatsoberhaupt in Ägypten von seinem Volk auch zur Verantwortung gezogen werden können.

Karim El-Gawhary:
"Wir haben es auch mit etwas vollkommen Neues zu tun. Was in der Politik der arabischen Welt und des Nahen Ostens nie eine Rolle gespielt hat. Nämlich der Faktor öffentliche arabische Meinung. Etwas, was nie wichtig war. Was vollkommen egal, was die Leute hier gedacht haben. Aber jetzt ist es entscheidend, die arabische öffentliche Meinung. Das ist ein Faktor, den muss ich jetzt bei all dem was ich da mache an Politik und Geschäften und ähnlichem einfach schlichtweg mit einkalkulieren. Das ist etwas anders, völlig Neues. Das Prinzip Rechenschaft ist eingeführt und die arabische öffentliche Meinung als politischer Faktor, zwei vollkommen neue Dinge mit denen man in Europa kalkulieren muss."

Die freie Rede ist ein Geist, der nicht mehr zurück in die Flasche gestopft werden kann. Das Internet, die sozialen Netzwerke sind der Initialzünder der Revolution gewesen und spielen weiterhin eine wichtige Rolle. Der demokratische Prozess wird intensiv beobachtet. Nicht zuletzt von der Jugend Ägyptens.

Ashraf Fahmy:
"Nun, wir beschützen die Demokratie. Demokratie beginnt wie eine Blume klein und zerbrechlich. Sie braucht Menschen, die sie pflegen. Die Menschen in Ägypten gehen immer noch auf die Straße, um ihre, um unsere Rechte zu verteidigen. Das ist ein Weg sich um die Demokratie zu kümmern. Heute sind wir nicht auf der Straße, sondern arbeiten an technischen Dingen, Hardware, Software und deren Einsatz um Lösungen für lokale Probleme zu finden. Auch das heißt, sich um Demokratie kümmern. Jeder in Ägypten ist auf seine Weise aktiv und wir machen unseren Teil des Jobs."

Nur wenige Monate später, beim Verfassungsreferendum im Dezember 2012 ist die Stimmung schon deutlich gedämpfter. Die Machtkämpfe zwischen Mursi und der Opposition, zwischen Konservativen und Liberalen, lähmen das ganze Land.

Wenn es sein muss, werden sie wieder auf die Straße gehen. Diese Bevölkerung, die zu 70 Prozent jünger als 35 Jahre alt ist. Die alten Methoden des Pharao greifen nicht mehr. Und einen neuen Pharao wollen sie nicht. Ägypten will in Zukunft frei sein. Ein Vorbild für seine arabischen Nachbarn, wie seit vielen tausend Jahren.

Sendedaten
24.01.2013, 20.15 Uhr

Erstsendung: 12.07.2012
Navigation
Mediathek