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Phänomen Amusie
Thema zur Sendung "Musik - Feuerwerk im Gehirn"
Die Tatsache, dass unser Gehirn Musik und Sprache in separaten Arealen verarbeitet, kann weitreichende Folgen haben. Was ist, wenn unser Sprachzentrum funktioniert, aber das Musikzentrum nicht? Schwer vorstellbar? Dolores ist eine ehemalige Lehrerin aus den USA. Ihr Hörsinn ist völlig normal entwickelt und trotzdem gibt es ein Problem.
In ihren 35 Jahren als Lehrerin sollte sie die Nationalhymne kennen. Sie hat das Stück hunderte Male gehört. Die Nationalhymne sollte das bekannteste Musikstück in ihrem Leben sein, aber sie erkennt die Hymne nicht. Die Unfähigkeit, Musik zu erkennen oder wiederzuerkennen, begleitet Dolores schon ihr ganzes Leben. Obwohl sie wusste, dass etwas nicht stimmte, konnte sie nicht sagen was oder weshalb. Nur durch Zufall las sie in einem Zeitungsartikel, dass es einen Namen für ihren Zustand gibt: Amusie.

Dolores, ehemalige Lehrerin:
"In den späten 90ern sah ich einen Artikel in der New York Times, geschrieben von Dr. Isabelle Peretz. Er beschrieb diesen Zustand Namens Amusie. Ich las den Artikel mehrere Male und sagte dann zu meinem Mann: “Das ist es, was ich habe."

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Isabelle Peretz, Psychologin:
"Dolores ist ein Fall von angeborener Amusie. So lange sie sich erinnern kann, hat sie um Musik einen Bogen gemacht. Sie hat sogar ein Problem damit, Musik zu ertragen."

Dolores, ehemalige Lehrerin:
"Ich höre nur Geräusche, Lärm. Wenn ein Auto hupt, könnte das Musik sein, wenn Teller auf den Boden fallen, das hört sich wie Musik an. Auch Verkehr - ich weiß nicht wirklich, was ich höre. Ich weiß nur, ich höre nicht das, was andere Leute hören."

Tonloses Dröhnen überall
Ein Gespür für Musik ist für das menschliche Hören so selbstverständlich, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, wie jemand Musik einfach nicht wahrnehmen kann. Der Neurologe Oliver Sacks hat es schon selbst erlebt.

Oliver Sacks, Neurologe:
"Also ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen - bis zum Jahr 1974, als ich selbst zwei kurze Attacken von Amusie erleben musste. Beide kamen mit einem Migräneanfall. Ich fuhr den Bronx River Park Way entlang und im Radio lief ein Stück von Chopin, das ich sehr liebte. Und dann veränderte sich etwas. Das Klavier bekam plötzlich so einen nervigen dröhnenden Hall, es schien die Tonalität zu verlieren, und dann hörte ich nur noch ein tonloses Dröhnen auf einem Stück Metall."

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Tonloses Dröhnen ist Dolores ständiger Begleiter. In einer Welt, in der überall Musik erklingt, im Supermarkt, in jedem Film und im Fernsehen, sogar im Yoga Kurs ist Dolores Zustand nicht nur ein Behinderung, es ist eine ständige Tortur. Musikalisches Hören scheint einem eigenen Mechanismus zu gehorchen

Daniel Levitin, Neurowissenschaftler, McGill Universität:
"Wenn wir Musik hören, setzt das eine komplizierte Abfolge von Ereignissen in Gang. Es scheint, als müsse man nur die Ohren öffnen und der Höreindruck ist sofort da, aber tatsächlich sind es viele verschiedene Phasen, die sehr schnell aufeinander folgen. Nachdem das Geräusch die Trommelfelle verlassen hat, ist es kein Geräusch mehr, sondern ein elektrischer Impuls. Der aktiviert einige unterschiedliche analytische Bereiche im Gehirn. Ein Teil analysiert die Abstände, ein anderer die Lautstärke, wieder ein anderer analysiert den Rhythmus, das Tempo. Die Ergebnisse treffen in höher geordneten Gehirnbereichen aufeinander, erst daraus entsteht die Wahrnehmung eines Geigentons oder eines Klavierakkords. Aber diese Klangwahrnehmung wird aus Einzelaspekten zusammengesetzt. Wir wissen das aus Untersuchungen von Gehirnverletzungen, bei denen einzelne analytische Module in Mitleidenschaft gezogen wurden. Manche verlieren die Fähigkeit, die Tonhöhe zu erkennen, aber sie können noch Rhythmus oder Lautstärke bestimmen oder umgekehrt.“

Sendedaten
05.07.2012, 20.15 Uhr
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