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Das Hirn passt sich an
Thema zur Sendung "Musik - Feuerwerk im Gehirn"
Die Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Gegebenheiten wie Implantate anzupassen, nennen die Wissenschaftler Plastizität. Bei Menschen und Säugetieren ist diese Anpassungsfähigkeit eine Domäne der Jüngsten.
Oliver Sacks, Neurologe:
"Ohne angelernt zu werden, eignen sich Kinder im Alter von drei bis vier Jahren Sprache und Grammatik einfach an. Und sie sind genial darin. Ihr Wortschatz steigert sich um bis zu 30 Wörter am Tag. Diese Fähigkeit haben sie aber nur in einem ganz bestimmten Alter. Da ist dieses außergewöhnliche Zeitfenster für den Spracherwerb mit drei, vier, fünf Jahren, das sich dann langsam schließt."

Der Hals Nasen Ohren Spezialist Blake Papsin möchte sich diese besondere Gehirnplastizität möglichst früh zu Nutze machen.

Blake Papsin, HNO-Arzt:
"Wir wissen, dass selbst das primitivste Gerät bei einem sehr jungen Kind wesentlich bessere Erfolge erzielt als ein High-Tech-Gerät bei einem älteren Patienten. Weil die Plastizität und Entwicklung im Bereich des Hörens so wichtig ist. Je früher sie ein Cochlea Implantat gesetzt bekommen, desto besser das Ergebnis."

Auf einmal wurde es laut
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Bei der Familie Samson lässt sich dies gut beobachten. Alle Mitglieder haben Cochlea Implantate bekommen, aber in unterschiedlichem Alter. Die einjährige Eliana hat Implantate auf beiden Seiten, seit ihrem neunten Lebensmonat. Sie weiß schon, dass manche Autos beim Rückwärtsfahren einen Warnton von sich geben. Ihre Eltern sind mit Hörgeräten und Lippenlesen aufgewachsen. Jonathon Samson hat seine Implantate erst als Erwachsener vor etwa 10 Jahren bekommen. Seine Frau Tanya knapp drei Jahre später.

Tanya Samson:
"Am Anfang war ich verloren. Weil mein Kopf sich immer in alle möglichen Richtungen drehte, überall waren so viele Geräusche waren. Im Badezimmer das klang wie die Niagara Fälle, ich hab die Toilettenspülung noch nie so laut wahrgenommen. Und auch wenn ich Töpfe und Pfannen aus dem Schrank nahm, das war mir nie bewusst, wie viel Lärm das macht. Irgendwie fand ich das peinlich, als ich hören konnte, weil mir vorher nicht klar war, wie laut ich in all den Jahren eigentlich gewesen bin."

Der fünfjährige Jacob bekam sein erstes Implantat mit acht Monaten und das zweite mit vier Jahren. Die Anpassungsfähigkeit seines jungen Gehirns hat dafür gesorgt, dass er ein normales Sprachverständnis entwickelt hat und auch normal sprechen kann. Obwohl er nur eine sehr eingeschränkte Zahl von Frequenzen hören kann. Aber wie ist es mit dem anderen wichtigen Bereich des Hörens - wie ist das mit Musik?

Jonathon Samson:
"Für uns ist Musik nicht so wichtig, wir sind nicht damit aufgewachsen und es war einfach schon zu spät. Ich hab versucht, Musik zu hören, es klingt schön - aber mich hinsetzen und Musik anmachen, wie andere das tun, nein. Jacob und Eliana andererseits: Jacob liebt Musik. Wir haben sie ihm vorgespielt. Er genießt sie sehr und kann gar nicht genug davon bekommen."

Mit anderen Sinnen hören
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Bei Eliana sind die Hoffnungen sogar noch größer. Sie erhielt ihre Implantate im Alter von neun Monaten auf beiden Seiten. Auch für Musik hat das weitreichende Folgen, denn die ersten Erfahrungen mit Musik können ein Leben lang halten. So auch bei Evelyn Glennie. Die Perkussionistin ist extrem schwerhörig und das seit langer Zeit. Doch wegen ihrer Liebe zur Musik weigerte sie sich einfach, das Hören aufzugeben. Sie begann, andere Sinne weiter zu entwickeln, um ihr nachlassendes Gehör zu ersetzen Heute verlässt sie sich aufs Lippenlesen und weigert sich, Hörgeräte zu benutzen.

Es ist ihr Tastsinn, der ihr das musikalische Hören ermöglicht. Trotz ihrer Einschränkung kennt Evelyn Glennie ganz offensichtlich die Gesetze der Harmonie. Und ihre Musik beeindruckt Perkussionisten auf der ganzen Welt. Ihrer Meinung nach sind nur die Menschen wirklich eingeschränkt, die ausschließlich ihr Gehör zum Hören nutzen.

Evelyn Glennie, Perkussionistin:
"Für mich kam nie alles von den Ohren. Die sind ja nur ein so kleiner Teil meines Körpers, der Klänge wahrnehmen kann. Hätte ich das zugelassen, dass die Töne nur über meine Ohren kommen, wäre ich für immer taub. Rein wissenschaftlich betrachtet, müsste ich eigentlich taub sein, wenn es nur von den Ohren käme."

Ironischerweise kann sie ihre Ohren nur deshalb ignorieren, weil sie als Kind hören konnte. Ihr Gehirn hatte die Bereiche, die für das Hören von Sprache und Musik zuständig sind, bereits fertig ausgebildet. Und die sind die Basis für ihre heutigen Fähigkeiten.

Sendedaten
05.07.2012, 20.15 Uhr
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