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Ein digitales Gehör
Thema zur Sendung "Musik - Feuerwerk im Gehirn"
Ein Patient Blake Papsins ist der 11 Monate alte Hayden. Er wurde taub geboren, wie etwa 600 Kinder jedes Jahr in Deutschland. Bei Hayden funktioniert die Weiterleitung vom Innenohr nicht. Papsin und sein Team vom Toronto Sick Children Hospital wollen den Fehler beheben.
Sie wollen ein winziges Gerät in Haydens Ohr einführen, ein so genanntes Cochlea Implantat. Eine gesunde Cochlea besitzt etwa 3000 Sinneshärchen, jedes für einen bestimmten Frequenzbereich. Wird dieser Bereich empfangen, schickt das Härchen einen elektrischen Impuls in den Gehörnerv und leitet den Reiz damit an die Hörrinde im Gehirn. Wenn die Sinneshärchen ihre Arbeit nicht verrichten können, kann man sie durch das Cochlea Implantat ersetzen. In den aktuellen Geräten arbeiten 12 bis 22 Reizelektroden.

Blake Papsin, HNO, Universität Toronto Kanada:
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass schon 8-9 Informationskanäle genügen. Das Gehirn erledigt den Rest. Das ist das Faszinierende an Cochlea Implantaten, wie gut das Gehirn darin ist, aus ein paar primitiven Informationen Sprache und eine musikalische Welt entstehen zu lassen. Es nimmt ein primitives Signal und macht daraus Dinge, die für die menschliche Wahrnehmung immens wichtig sind."

Der erste Ton im Leben
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Nun hat Hayden seine Cochlea Implantate eingesetzt bekommen. Die Wunden sind verheilt und der Tag ist gekommen, sie einzuschalten. Nach seinem ersten Lebensjahr in völliger Stille wird Hayden die Stimme seiner Mutter zum ersten Mal hören. Die Audiologin Laurie Macdonald sendet Hayden zunächst ein elektrisches Signal, um den leisesten Ton herauszufinden, den Hayden hören kann. Der Prozess wird für jede Elektrode wiederholt.

Erst wird der Kleine durch die Stimme seiner Mutter aufgeschreckt, und dann übermannt ihn die Angst vor einer anderen Stimme, seiner eigenen. Aber das ist normal und wird bald vergehen. Was genau hören Menschen wie Hayden eigentlich mit nur einer Handvoll Reizelektroden im Ohr? Niemand kann es exakt beschreiben, aber es gibt Simulationen, die auf den Erfahrungen erwachsener Patienten beruhen.

Gina Sohn arbeitet mit Implantatpatienten. Vor sechs Monaten bekam sie ein Implantat für ihr rechtes Ohr. Sie leidet selbst unter fortschreitender Taubheit. Die meiste Zeit ihres Lebens musste sie Hörhilfen tragen.

Gina Sohn:
"Bevor sie es einschalteten, wusste ich, dass es anders klingen würde. Ich habe so viele Jahre mit hörgeschädigten Kindern gearbeitet und ihre Reaktionen beobachtet. Meist weinen sie und sind schockiert. Ich wusste also, dass es fremd klingen würde. Trotzdem war es eigenartig für mich. Beim ersten Einschalten klang es wie R2D2, aus dem Star Wars Film. Viel Gepiepe und Gesumme und Gepfeife. Das ging einige Wochen so und mit der Zeit wurde das Pfeifen weniger und der Klang wurde ein bisschen natürlicher. Und nach etwa einem Monat oder so klang alles ziemlich natürlich, so wie ich es von vorher kannte."

Trickreiches Gehirn
Trotz ihrer Hörschädigung spielt Gina Sohn Klavier und begleitet einen Kirchenchor. Und hat sich auch hier erst wieder an das Hören gewöhnen müssen.

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Gina Sohn:
"In den ersten Wochen mit Implantat hab ich es vermieden Klavier zu spielen. Als ich es dann doch getan habe, klang es völlig anders. Ich hab meine Hände nicht koordiniert bekommen. Es klang völlig anders, als das Klavier, das ich kannte. Aber ich habe weiter gemacht. Und nach einigen Wochen wurde es etwas besser, natürlicher."

Die Signale, die das Implantat sendet, haben sich aber zu keiner Zeit verändert. Das Gehirn hat sich den neuen Gegebenheiten angepasst. Möglicherweise "erinnert" es sich an die frühere Hörsituation und versucht, sie wieder herzustellen. Eine Art geistiger Trick, den das menschliche Gehirn permanent anwendet.

So sind Geräusche eigentlich nichts anderes als verschiedene Tonwellen unterschiedlicher Stärke. Die Welt um uns herum produziert eine Menge solcher Tonwellen, jede mit einem ganz eigenen Muster. Sie vermischen sich, stören sich gegenseitig. Am Ende steht ein Wust von Tönen, Klängen und Geräuschen.

Davon erreichen uns aber nur zwei kleine Datenströme im linken und im rechten Ohr, die aus der Summe der auftreffenden Wellen entstanden sind. Daraus errechnet das Gehirn ein dreidimensionales Klangbild unserer Umwelt. Es sortiert und bewertet: Gefährlich oder Ungefährlich, Wichtig oder Unwichtig.

Sendedaten
05.07.2012, 20.15 Uhr
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