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© SWR
Sex im Internet - schnell verfügbar und leicht zugänglich.
Porno-Kids
Dass Jugendliche auch einmal einen Porno schauen, ist nicht überraschend: Manche 12- oder 14-Jährige konsumieren fast täglich Pornos. Die jungen Leute haben noch keinen ersten Kuss erlebt, aber schon jede Abart des Sex im Detail studiert. Sozialarbeiter, Pädagogen und Wissenschaftler warnen, die Jugendlichen würden sexuell verrohen. Wie dramatisch ist der Pornokonsum wirklich?
Eine Umfrage mit überraschendem Ergebnis
Auf der Haupteinkaufsstraße in Essen fragen wir junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren, wie hoch sie den Pornokonsum ihrer Altersgenossen einschätzen. Das Ergebnis der Umfrage überrascht: Über die Hälfte der Gefragten schätzen, dass Jugendliche mehrmals in der Woche Pornos schauen. Sicher ist die Umfrage nicht repräsentativ. Doch sie gibt einen Einblick in den Umgang, den Jugendliche mit Pornos haben. Auffällig ist, wie offen die Gefragten antworten. Für die meisten scheint es sogar normal zu sein, dass Jugendliche Pornos schauen.

Pornos sehen - gemeinsam mit den Eltern?
© dpa
Der Pornokonsum Jugendlicher beschäftigt zurzeit den Sozialarbeiter Thomas Rüth vom Jugendhilfe Netzwerk. Er betreut Jugendliche in Essen-Katernberg, einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt. Jugendarbeit ist dort besonders wichtig. Thomas Rüth und seinen Kollegen ist das Phänomen durch Zufall aufgefallen: "Der eine Mitarbeiter beobachtet, dass ein Porno während des Besuchs läuft, ein anderer bekommt mit, dass die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Pornos sehen und dann fällt dem nächsten auf, dass es keine Zärtlichkeit mehr unter den Jugendlichen gibt. Und wir haben uns gefragt: was ist da los?"

Viele der betreuten Jungendlichen stammen aus schwierigen Verhältnissen. Die Eltern kümmern sich nicht um sie, vernachlässigen sie. Soziale und sexuelle Verwahrlosung hängen offenbar eng zusammen. Doch nicht nur die Jugendlichen aus so genannten Problemvierteln konsumieren Pornos. Sie sind für jeden leicht zugänglich, wie die befragten Jugendlichen genau wissen. Das Internet ist demnach das Pornomedium. Diskret, günstig, verfügbar.

Internet-Pornographie gibt es in allen Spielarten. Geschätzter Umsatz: 30 Milliarden Euro. Kinder und Jugendliche werden vor den zum Teil extremen Inhalten nicht oder kaum geschützt. Und da sieht der Sexualtherapeut und Psychiater Andreas Hill ein Problem: "Jugendliche befinden sich in einer Lernphase, das sieht man am Umgang mit Mode, Musik etc. und das betrifft auch Anregungen durch Pornographie."


Pornos sind einzige sexuelle Referenz
Hill wäre nicht so besorgt, wenn er nicht zu gut über die Inhalte der Internetpornos Bescheid wüsste. Er hat sie untersucht und festgestellt: Internetpornos sind härter und extremer als die Vorbilder aus der Videothek. Illegale Inhalte, wie Gewaltpornographie, sind leicht zugänglich. Das Gefährliche sei, so der Psychiater, dass sich Heranwachsende daran gewöhnen könnten und denken, das sei normale Sexualität: "Man weiß aus der Medienforschung insgesamt, dass die Dinge, die man häufig sieht, zur Normalität werden."

Jugendliche werden oft mit den unrealistischen Bildern von Sex in Pornofilmen vor ihren ersten eigenen sexuellen Erfahrungen konfrontiert. Solche sexuelle Darstellungen sind für Jugendliche oft die einzige Referenz und werden zum Vorbild für die eigene Sexualität.

Ein Beispiel dafür ist der sog. "Gang Bang", ein Begriff aus der Pornoindustrie, der bedeutet, dass möglichst viele Männer nacheinander mit einer einzigen Frau kopulieren. Erst durch die Pornoindustrie wurde "Gang Bang" bei den Jugendlichen populär. So weit, so bemerkenswert. Tatsächlich können einige Jugendliche nicht mehr zwischen Porno und Wirklichkeit unterscheiden. Mit fatalen Folgen, wie Thomas Rüth festgestellt hat: "Wir haben Fälle junger Frauen, die ungewollt schwanger wurden und bei der Frage nach der Unterhaltszahlung nicht angeben konnten, wer von vier oder fünf Männern der Vater ist. Da glauben wir, dass das kein guter Lebensentwurf ist, so mit Sexualität umzugehen."

Doch welche Rolle spielt Pornographie bei Jungendlichen wirklich und wie werden sie dadurch beeinflusst? Genau das sollte eine Studie in den nordischen Ländern klären. Knapp 1.800 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren wurden per Internet befragt, etwa zweihundert von ihnen persönlich interviewt. Zwar gelten die Skandinavier schon lange als besonders freizügig und tolerant, doch selbst für die beiden Wissenschaftlerinnen war das massive Vordringen der Pornographie in die Jugendkultur überraschend, wie Susanne Knudsen bemerkt: "Was wir gefunden haben, ist, dass es für junge Leute normal ist, Pornos anzuschauen und darüber zu sprechen. So haben 99 Prozent der Jungen und immerhin noch 86 Prozent der Mädchen, schon mal Pornos geschaut. Das ist mehr als wir dachten, bevor wir das Forschungsprojekt begannen.


"... sie gehen sehr kritisch damit um ..."
© dpa
Doch auch ein anderes Ergebnis der Studie fanden die Wissenschaftlerinnen überraschend: "Die Jugendlichen konsumieren die Pornographie nicht einfach ohne darüber nachzudenken", so die Projektleiterin Anette Dina Sorensen: "Sie nutzen sie, sie schauen sie an, sie diskutieren darüber und sie gehen sehr kritisch damit um."

Die Jugendlichen können also in der Regel sehr wohl die eigene Sexualität von Porno unterscheiden. Doch eins hat die nordeuropäische Studie auch gezeigt: Durch die Pornographie-Offensive werden alte Geschlechtsstereotypen wieder verstärkt. Frauen erlangen Attraktivität als Sex-Objekte. Heranwachsende Mädchen lernen so frühzeitig: wer Aufmerksamkeit will, muss sexy sein. Und sie orientieren sich daran. Auch Thomas Rüth vermutet, dass junge Frauen in manchen Kreisen ihre Gruppenbestätigung über Sex erlangen wollen. Wenn diese Vermutung stimmt, so der Jugendarbeiter, dann "wäre das eine schwierige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung von jungen Mädchen."

Thomas Rüth setzt deswegen darauf, dass den Jugendlichen durch Alternativen klargemacht wird, dass die Porno-Sexualität nicht die einzige Form ist, wie Partner miteinander umgehen. Doch dafür brauchen die Jugendlichen ein familiäres und soziales Umfeld, das es ihnen ermöglicht, Gesehenes und Erlebtes zu diskutieren und einzuordnen.


Seid nicht so besorgt - redet darüber
Auch die dänische Forscherin Anette Dina Sörensen sieht die Jugendlichen noch lange nicht im Pornosumpf untergehen: "Wenn wir herausgefunden hätten, dass die jungen Menschen nicht reflektiert wären, wenn sie nicht kritisch wären, dann würde ich mir Sorgen machen. Doch sie sind es. Deshalb würde ich sagen: Seid nicht so besorgt. Redet mit den jungen Leuten darüber: Was ist Pornographie? Was ist der Unterschied zu richtigem Sex. Also haltet den kritischen Dialog mit den jungen Leuten wach. Das ist das Beste!"

Und genau das wollen auch die jungen Leute. Bloß fällt anscheinend den Eltern in Deutschland das Reden besonders schwer. Laut einer UNICEF-Studie gibt mehr als die Hälfte der 15-Jährigen an, dass die Eltern keine Zeit für sie haben.

Sehen Sie am Mittwoch, den 17. März 2010, von 20.15 Uhr an - im Rahmen des "wissen aktuell" - eine Reportage von Hilmar Liebsch über Jugendliche und ihren Umgang mit Pornographie.


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