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Anlegen der Beinschrauben - Kupferstich 1676
Hexen und Folter
Exzesse des Mittelalters
"Mit den Daumenschrauben wurden die vordersten Glieder des Folteropfers langsam zerquetscht, bis das Blut hervorspritzte. Dies konnte eine halbe Stunde dauern. Kam ein Geständnis nicht zustande, griff man gewöhnlich zu den Beinschrauben, auch 'Spanischer Stiefel' genannt. Eisenplatten wurden an den Unterschenkel angelegt, die mit einem Gewinde verbunden waren. Beim Anziehen der Schrauben drangen Eisenspitzen der hinteren Platte in die Wade ein, während die vordere das Schienbein zerquetschte. (...)" So beschreibt der Historiker Franz Luschberger eine "normale" Folter. Daumen und Fußschrauben waren nur der Einstieg in die mehrstündige Tortur.
"Peinliche Befragung" - eine unmenschliche Tortur
Die weiteren Stadien bestanden aus dem "Aufzug", bei dem der Gefangene an den rücklings zusammengebunden Händen bis unter die Decke gezogen wurde, oft beschwert mit Gewichten. Danach kamen siedendes Öl oder Pech, glühende Zangen, brennender Schwefel, gespickter Hase, spanischer Bock, Hackerscher Stuhl und die Eiserne Jungfrau. Der Fantasie der Folterknechte war keine Grenze gesetzt.

"Peinliche Befragung" - so verharmlosend heißt die Folter im Amtsdeutsch. Sie stellte ein gängiges unumstrittenes Instrument der Wahrheitsfindung bei Gericht dar. Die Erfolgsquote war überragend groß, oft reichte nur die Androhung, und die Gefangenen bezichtigten sich der schlimmsten Verbrechen. Besondere Bedeutung erlangte die Folter bei den Hexenprozessen. Die "Hexen" und "Hexer" haben alles gestanden: Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, mit dem Besen durch die Luft geflogen oder einen Schadenszauber verübt zu haben. Im Gegensatz zu "normalen" Strafprozessen, bei denen es einen Geschädigten, eine Leiche, ein Moderwerkzeug, Diebesgut oder andere Beweise gab, war bei Hexenprozessen das Geständnis einziger "Beweis". Die Anzeige konnte auch anonym erfolgen und es mussten nicht einmal Zeugen vernommen werden.


Der Glaube an Magie beherrschte das Mittelalter
Hexenverfolgung ist nicht nur eine Erscheinung des dunklen Mittelalters, sondern auch ein Phänomen der beginnenden Neuzeit. Zwischen 1450 und 1750 wurden zwischen 100.000 und 400.000 Menschen (zu ca. 80 Prozent Frauen) wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet. Wie konnte es zu diesen schrecklichen Verbrechen an Unschuldigen kommen?

Der Glaube an Zauber und Magie beherrschte das Mittelalter. Er war tief in den regionalen Volksgebräuchen beheimatet. Mit ihm wurden "Übernatürliches" einfach erklärt. Doch der Volksglaube lebte vor dem Jahr 1400 oft in einer Symbiose zum christlichen Glauben und wurde nicht, bzw. sehr selten verfolgt. Mythischem Gedankengut ist also kein alleiniger Erklärungsgrund für das Ausbrechen des Hexenwahns.


War eine Eiszeit schuld an den Exzessen?
Zur Hochzeit der Hexenverfolgung gab es eine "Kleine Eiszeit", die zu Ernteausfällen, strengen Wintern und Unwettern führte. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich dramatisch. Die Temperatur fiel während dieser Klimaschwankung um zwei Grad Celsius. Dennoch ist die historische Forschung der Meinung, das die Hexen zwar für Missernten und Unwetter als Sündenbock dienten, aber der Kälteschock niemals auslösendes Moment für die Hexenverfolgung gewesen sei. Auch verworfen wurde eine alleinige feministische Deutung: Kräuter und Heilkundige "Weise Frauen" seien in das Fadenkreuz der frauenfeindlichen Gesellschaft gerückt. Zwar ist die überwiegende Zahl der Opfer Frauen, oft auch Hebammen, und die Gesellschaft der frühsten Neuzeit durchaus (aus heutiger Sicht) frauenfeindlich, doch erklärt das nicht die 20 Prozent Männer, die ermordet wurden. An Einzelfällen konnte nachgewiesen werden, das starke Persönlichkeiten und weise, angesehene Frauen unterdurchschnittlich Opfer des Hexenwahns waren. Kräuterkundige "Druidenweiber" wurden von der Gemeinschaft eher geachtet, schwache Außenseiter und schutzlose Witwen verfolgt.

Kirche wusch ihre Hände in Unschuld - oft zurecht!
Unwahr ist auch, dass die Kirche treibende Kraft hinter den schrecklichen Entwicklungen steht. Die Kirche steckte durchaus hinter der Inquisition im 11. bis zum 14 Jh., wo sie mit schrecklicher Härte gegen Abweichler vorging, so zum Beispiele gegen die Katharer. Doch die Inquisition und die Hexenverfolgung hängen nur in sofern zusammen, das die menschenverachtenden Methoden, die Rechtfertigungsmuster und die unnachgiebige Härte eine bisher verschlossene Tür öffneten. Das Christentum war Staatsreligion und Häresie (die während der Inquisition bekämpft wurde) griff in das Machtgefüge ein, so bei den staatlich autarken Katharern. Die Hexen bedrohten nie die kirchliche Gewalt.

Auch die kirchliche Theorie selbst war alles andere als einheitlich. Grundsätzlich galt einerseits das Wirken von Teufeln in der Welt durchaus als ernstzunehmende Möglichkeit, andererseits wurde aber auch damit gerechnet, dass Phänomene von der Art der nächtlichen "Ausflüge" und Orgien der Hexen reine Einbildung überhitzter Fantasie seien. Es war eher das Volk, welches Hexenverfolgungen forderte. So kam es vor allem in kleinen und schwach gefestigten Herrschaftsbereichen zu Exzessen bei der Hexenverfolgung. In den großen, mächtigen Flächenstaaten dagegen konnte sich das Volk oft nicht durchsetzen. Wieso war es aber die Bevölkerung, die plötzlich den Hexen Schuld an allem Übel gab?

Die überwiegende Meinung bei den Historikern geht von der Hexenverfolgung als einem komplexen sozialen Prozess mit starken regionalen Unterschieden aus. Vor allem soziale Konflikte wurden über die Hexenverfolgung aufgerollt. Der Historiker Walter Rummel führt am Beispiel der Pfalz aus, dass unliebsame Gegner im Kampf um Wirtschaftsinteressen ihre Nebenbuhler denunzierten, dass Bürger sich so unliebsame Landvogte entledigten, dass Gemeinden durch die selbstverwaltete Hexenverfolgung gegenüber ihrem Herren und Fürsten erstarkten, dass selten vollkommen Mittellose angeklagt waren, weil sie den Prozess, die Folter und die Verbrennung nicht hätten zahlen können: "Die Verfolger der Hexen bedienten sich derselben Alchemie wie die Zauberer: Sie kochen aus Menschenblut Gold."

Verheerend wirkte sich auch das Rechtssystem aus. Die Beweiskraft des Nennens weiterer Hexen unter Folter, die hierzulande ihre schreckliche Rolle spielte, wurde lange nicht angezweifelt.

Die epidemisch einsetzenden Hexenprozesse hingen mit der Einführung des eigentlich fortschrittlichen römischen Rechts zusammen. Das neue Strafgesetzbuch Kaiser Karls V. (1534) setzte anstelle der früheren Privatklagen das Verfahren "von Staats wegen", das noch heute im Strafrecht gillt. Dadurch musste aber der Hexereigeschädigte beim Prozess nicht als Kläger auftreten und schon auf ein bloßes Gerücht konnte "von Staats wegen" ein Verfahren angestrengt werden.

Zu Beginn der Neuzeit wurde Hexerei vom Volk als bedrohliches Massenphänomen wahrgenommen. Der Zeitpunkt hat auch mit den gravierenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen zu tun. Sie versetzten Obrigkeiten und Untertanen in Weltuntergangsstimmung. Im Christentum der beginnenden Aufklärung sowie der auch konfessionell absolutistischen Herrscher war die bis dahin kaum angetastete magische Volkskultur inakzeptabel geworden. Johann Wolfgang von Goethe wusste aus seiner Jugendzeit in Frankfurt noch von solchen Folterungen und Hinrichtungen zu berichten und leitete davon das Motiv für seine Gretchen-Tragödie ab.


Literatur:
Rainer Decker, "Die Päpste und die Hexen". Aus den geheimen Akten der Inquisition. Primus Verlag, Darmstadt 2003. 24,90 Euro.

Klaus Kiefer: "Die famose Hexen-Epoche". Sichtbares und Unsichtbares in der Aufklärung. Kant - Schiller - Goethe - Swedenborg - Mesmer - Cagliostro. R. Oldenburg Verlag, München 2004, 353 S., 44,80 Euro.

Walter Rummel: "Bauern, Herren und Hexen" - Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 94, Göttingen 1991. ISBN 3-525-35757-5.

Franz Luschberger: "Hexenprozesse zwischen Taunus und Main" 1991 Hochheim. ISBN 3-9801970-3.


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27. Dezember 2010
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