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Montag, 22. Dezember
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Das Geheimnis der Zwerge
Aus den Erzählungen und Geschichten unserer Kindheit sind wohlbekannt: die Zwerge. Allein in Deutschland gibt es Hunderte von verschiedenen wundersamen Sagen, Legenden und Märchen über sie. Was ist die historische Grundlage, auf die sich die Märchen stützen? Sind es geheimnisvolle kleinwüchsige Schatzsucher, die im Mittelalter Nordeuropa in geheimer Mission durchwanderten?
Das Rätsel des Einsen und der magischen Waffen
Das Leben im Mittelalter gründete sich auf Glauben und Geheimnisse. Wo ein Verständnis für Naturwissenschaft noch in weiter Ferne lag, mussten den Menschen Naturphänomene als große Rätsel erscheinen. Doch es gab schon immer aufgeschlossene Beobachter, die Wissen anhäuften. Zum Beispiel die "Weisen Frauen", denen bekannt war, welche Kräuter medizinisch wirkten. Sie gerieten beim gemeinen Volk in den Verdacht, übernatürliche Kräfte zu haben. Ähnlich verhielt es sich mit den Alchemisten und den Menschen, die sich mit der Metallverarbeitung beschäftigten. Metalle und die Verfahren, wie daraus scharfe Waffen und widerstandsfähige Rüstungen wurden, war Herrschaftswissen und ein gut gehütetes Geheimnis. Die Härte der Schwerter war von der Qualität und Verarbeitung des Eisenerzes abhängig und entschied über Sieg oder Untergang von Kulturen.

Körpergröße war endscheidend
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Die Mystische Skulptur "Kinga" in Wieliczka
Eisengewinnung und Eisenverarbeitung waren im Mittelalter umgeben von Mythen und Legenden: Nordische zwerghafte Schmiede fertigten Schwerter an, die sagenhaft scharf waren. Und in der Tat, der kleine Wuchs war bei der Gewinnung des Eisenerz von Vorteil. Manche Stollen in den Alpen geben zu Schätzungen Anlass, dass sie nur von Bergleuten mit einer Körpergröße von unter 150 Zentimeter benutzt werden konnten. Die Stollen mussten von den kleinen Bergarbeitern in gebückter Haltung begangen werden, darauf weisen die Stollenfirste hin: Noch heute sind diese seltsam glatt. Die großen Mützen (die eine Funktion wie ein heutiger Helm hatten), die Rücken oder die mit Erzen oder Gestein beladenen Rucksäcken der kleinen Bergleute wetzten und polierten die Firste.

Große Einheimischen und kleine Besucher
Stammen von diesem historisch verbürgten kleinen Bergleuten die Mythen und Geschichten der Zwerge ab? Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass zum Beispiel im Alpenraum die zwerghaften Bergleute und Schmiede der Bronzezeit zugewanderte oder sogar von den Fürsten abgeworbene Südosteuropäer waren. Sie kamen vermutlich aus Gebieten, in denen sich in der mittleren Bronzezeit ein reger Bergbau entwickelt hatte. Den hochgewachsenen Einheimischen kamen sie vermutlich wie Zwerge vor. Es wird angenommen, dass die einheimische Bauernbevölkerung nicht genau verstand, was die metallkundigen Fremdlinge im Berg machten. Sie selbst blieben bei der Landwirtschaft und fühlten sich nicht zu dem mit dem Bergbau eng verknüpften Schmiedehandwerk hingezogen. Die kleinen Bergleute lebten zum Teil auch in ihren Stollen und mischten sich nicht unter die Einheimischen.

Zwerge mussten vorsichtig und verschwiegen sein
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Das Tunnelsystem in Zeitz stammt aus dem Mittelalter
In der Erinnerung und Geschichten der sesshaften Bevölkerung lebten die Bergleute als Zwerge weiter. Auch in überregional verbreiteten Märchen (wie "Schneewittchen und die sieben Zwerge", welches in verschiedenen Versionen im deutschen Sprachraum verbreitet war) sind die arbeitsamen und über zauberhafte Kräfte verfügenden kleinwüchsigen Bergmänner ein zentrales Element. Walchen, Wallische oder "Venedigermännchen" heißen sie an manchen Orten der Alpen und seltsamerweise auch in Schlesien. Diese haben am und im Berg gehaust und nach Gold, Silber und Blei gegraben.

Ein weiterer Punkt, der den Mythos der Zwerge begründete, war deren Vorsicht Verschwiegenheit und Zurückhaltung: Die die Metall-Kundigen im Mittelalter streiften oft umher, um neue Erz-Lagerstätten zu erkunden. Dabei mussten sie im Verborgenen vorgehen und arbeiteten wie Freibeuter. Das sogenannte Bergregal, also das Verfügungsrecht über die ungehobenen Bodenschätze gehörte dem König und Vergehen dagegen wurden hart bestraft.


Erdgeister, Hainmännchen und Heinzelmännchen
Von "Venedigermännchen" wird in vielen Regionen der Alpen erzählt. Vielleicht geht der "Venediger" auf venezianischer Schmiede oder Alchimisten zurück, die im nördlichen Gebirge Gold und Mineralien für ihre geheim gehaltene Glasproduktion suchten. Mit den Händlern oder vielleicht mit dem Bergbau in den Mittelgebirgen kamen die Sagen der Zwerge nach Deutschland und hielten sich, losgelöst von den historischen Tatsachen, in den Sagen von Erdgeistern, guten und bösen Zwergen, Hainmännchen oder vielleicht sogar den Heinzelmännchen.

Sehen Sie am Dienstag, 28. Dezember 2010, 11.55 Uhr die Dokumentation "Das Geheimnis der Zwerge", welche die Geschichte der mysteriösen Zwerge und "Venetianer" zeigt. Im Vergleich zu Feen, Elfen oder anderen Märchengestalten nehmen Zwerge eine geradezu dominierende Rolle in der internationalen Sagenwelt ein. Doch warum erzählen sich Menschen sagenhafte Dinge über Kleinwüchsige und wie wurde der Zwerg zum Mythos? Waren es geheimnisvolle kleinwüchsige Schatzsucher, die im Mittelalter Nordeuropa in geheimer Mission durchwanderten? Waren sie im Auftrag Venedigs auf der Suche nach Gold und seltenen Rohstoffen für die Glasherstellung? Dabei mussten ihre Missionen möglichst unbemerkt bleiben. Zu wichtig war das Geheimnis der Glasherstellung für die Machtposition Venedigs. Dennoch haben sie bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Nicht nur in den Märchen und Sagen oder als Gartenzwerg mit Spitzhacke und Grubenlaterne. Noch heute gibt es Bergwerksstollen, die direkt auf den Rohstoffabbau der kleinwüchsigen Venetianer schließen lassen. Und auch in Venedig lassen sich Hinweise auf ihre Tätigkeiten finden. Der Autor Sven Hartung führt den Zuschauer mit aufwendigen Spielszenen auf eine spannende Spurensuche im ausgehenden Mittelalter.


Sendedaten
Dienstag, 28. Dezember 2010, 11.55 Uhr
Thementag
Wie das Mittelalter wirklich war