"Der Marshmallow Effekt"
Die positiven Effekte der Willensstärke
Vor mehr als 40 Jahren sorgte ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung des US-amerikanischen Persönlichkeitspsychologen Walter Mischel mit Versuchen zu Selbstregulierung und Willensstärke für großes Aufsehen.
Heute gehört der sogenannte Marshmallow-Test zu den bedeutendsten Experimenten der Psychologie: Ein Kind bekommt einen Marshmallow angeboten und hat die Wahl, ihn sofort aufzuessen oder etwas zu warten, um später zwei zu bekommen. Manchen Kindern gelang es abzuwarten, anderen nicht. Nun hat Walter Mischel, der auch Genetiker, Neurowissenschaftler und Kognitionswissenschaftler ist, ein Buch zu den wissenschaftlichen Ergebnissen geschrieben: eine umfassende Studie über die positiven Effekte der Willensstärke.

Mehr Selbstvertrauen und größere Resilienz
Erst Jahre später fand Mischel heraus, dass es den Kindern, die ihre Wahrnehmung steuern, ihre Selbstkontrolle aktivieren und abwarten konnten, im Erwachsenenleben besser gelang, sich zu beherrschen. Sie entwickelten mehr Selbstvertrauen, eine größere Stressresistenz und soziale Kompetenz als die Kinder, die spontan zur Süßigkeit griffen. Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub beeinflusste also tatsächlich, wie die Kinder später ihr Leben meistern. In diesem Buch erklärt Mischel, warum das so ist:
„"Ich beschreibe, was ‚Willenskraft‘ ist und was sie nicht ist; ich zeige, welche Umstände die Willenskraft schwächen, auf welchen kognitiven Fähigkeiten und Motivationen sie basiert und welche Folgen es hat, wenn man Willenskraft ausübt.“"

Zunächst definiert Mischel Willensstärke als Leitkompetenz, die der emotionalen Kompetenz zugrunde liegt. Selbstkontrolle, so betont er, ist für sozial angepasstes Handeln ausgesprochen wichtig. Wenn wir unsere Wahrnehmung steuern, verbessert sich auch unsere Selbstkontrolle. Zu viel Selbstkontrolle kann allerdings -– ebenso wie zu wenig -– zu einem Problem werden. Von zentraler Bedeutung ist für ihn die Frage, worin die Ursachen für stärkere Willenskraft liegen und ob sie genetisch veranlagt oder erlernbar ist. Hier kommt Mischel zu der Erkenntnis, dass man Strategien der Selbstkontrolle durchaus auch lernen kann.

Veränderung ist immer möglich
"“Der Teil des Gehirns, der vorne, direkt hinter der Stirn liegt. Hier sitzen die Imagination, die Impulskontrolle und die Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Ich nenne dieses das Cool System. Anders als das Hot System ist es nicht reflexartig, sondern reflektiv. Es erlaubt uns, Probleme anders zu lösen, statt bloß reflexhaft zu reagieren."“
Diese wichtige und ausgesprochen tröstende und motivierende Erkenntnis bedeutet, so Mischel, dass die Architektur des Gehirns keineswegs durch die DNA oder die Entwicklung im Mutterleib vorherbestimmt ist. Die Möglichkeit zur Veränderung ist stets gegeben.

"„So entsteht ein Bild der menschlichen Natur, das uns potentiell mehr Freiheit und Verantwortung zugesteht als die rein deterministischen wissenschaftlichen Theorien des 20. Jahrhunderts.“"
Fazit: Der Psychologe dokumentiert unmissverständlich, dass unser Verhalten nicht nur vorherbestimmt ist und liefert für die Umsetzung notwendige verschiedene Strategien zur Selbstkontrolle gleich mit.

Das 400seitige Buch liest sich ungemein spannend und enthält viele interessante Informationen.

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"scobel"
donnerstags, um 21.00 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
Selbstsabotage
Info
Walter Mischel
Der Marshmallow Effekt
Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt
Pantheon 2016
ISBN-13: 978-3570553107