Vierteilige Dokumentationsreihe
Von Rittern und Turnieren
Wege aus der Finsternis – Europa im Mittelalter (1/4)
Ein Ritter zu Pferd ist so stark wie 80 bewaffnete Männer zu Fuß. Das machte die Ritter zum Kriegerstand des Mittelalters. Gut gerüstet zogen sie als Vasallen für ihre Lehnsherren in den Krieg und riskierten auch im Frieden auf Turnieren ihr Leben für Ruhm und Ehre und "das Lob schöner Jungfrauen und edler Damen". Von den Rittern haben wir Höflichkeit und Manieren gelernt, aber auch das Konkurrenzdenken. Einer von ihnen war unser Held, Don Antonio Fernandez Pacheco aus Portugal.
Im Jahre des Herrn 1345 geht er auf "Grand Tour" durch Europa. Was bleibt ihm auch sonst, er ist zwar ein Edelmann, aber als zweitgeborener Sohn ohne Anspruch auf das Familienerbe - ein Ritter ohne Land und Leute. Deshalb will er sich auf Turnieren einen Namen machen, in Fehden und Kriegen seinen Unterhalt verdienen. Er gelobt, am Kreuzzug des Deutschen Ordens gegen die letzten Heiden Europas in Lettland teilzunehmen.
Als Don Pacheco seine große Reise antritt, herrscht in ganz Europa ein regelrechter Boom im Burgenbau. Hunderte hat uns das Mittelalter hinterlassen, eine schöner und größer als die andere. In Guédelon in Frankreich wird eine Burg völlig neu gebaut - von Grund auf. Eine Großbaustelle wie im Mittelalter. Architekten, Handwerker, Historiker und Archäologen versuchen dabei herauszufinden, wie man mit den Werkzeugen und den Methoden des 14. Jahrhunderts arbeitete. Einfache Mittel, wie eine Schnur mit 13 Knoten, ersetzen teure optische Geräte und Computer. Und dennoch wird Präzisionsarbeit geleistet. Guédelon steht weltweit für ein einzigartiges Projekt.
Auf seiner Reise wagt es Don Pacheco, den Besten beim Lanzenstechen herauszufordern. Die Ritterturniere sind die Grands Prix des Mittelalters. Man weiß, da blieb mancher tot im Sand des Turnierfeldes. Aber warum? Schützen nicht die raffinierten und schweren Panzerrüstungen? Was für das Auge unsichtbar ist, zeigen High-speed-Kameras der Crash-Test-Anlage von Opel Rüsselsheim. Mit 2000 Bildern pro Sekunde ist ein Treffer mit der Lanze zu sehen, der den Ritter aus dem Sattel hebt. Jede Prellung, jeder Rippen-, jeder Wirbelbruch kann an dem Ritterdummy mit Elektroden gemessen werden. Der Versuchsleiter kommt zu überraschenden Erkenntnissen.
Bei den Turnieren geht es nicht nur um Ruhm, Ehre und große Preisgelder. Sie sind zugleich Manöver für den Ernstfall, für Krieg und Kreuzzug. Nach dem Fall der letzten Kreuzfahrerburgen im Heiligen Land suchten die Ritter eine neue Betätigung. Der Deutsche Orden hatte 1231 mit der Eroberung Preußens, dem Land der Prussen, begonnen. Die Marienburg, eine der größten Burgen der Welt, war Sitz des Hochmeisters. Von dort organisierte er den "Heiligen Krieg" gegen Europas letzte Heiden. Alljährlich kamen Tausende Ritter aus ganz Europa, um an den lukrativen Treibjagden gegen die Heiden teilzunehmen. Auch Don Pacheco schließt sich den Deutschordensrittern an. Dörfer werden zerstört, die Einwohner gefangen; sie werden zwangsweise getauft und von den Rittern als Sklaven verschleppt.
Bevor er aber heimkehren kann, folgt Pacheco dem Ruf der französischen Krone. Ein angelsächsisches Invasionsheer steht im August 1346 vor Paris. In der historischen Schlacht von Crécy muss Pacheco erleben, wie das französische Heer untergeht. Walisische Bauern holen die Elite der europäischen Ritterschaft mit ihren berüchtigten "long bows" - den Langbögen - vom Pferd. Die Zeiten des "ritterlichen" Kampfes sind mit der Schlacht von Crécy vorbei, das Ritterturn geht militärisch seinem Ende entgegen. In ihren schweren Panzerrüstungen sind sie zu Dinosauriern geworden.
Mehr als zwei Jahre war er unterwegs. Auch wenn er bleiben würde, was er war, ein Ritter ohne Land und Leute: Don Pacheco hatte sein Kreuzzugsgelübde erfüllt, sich einen Namen gemacht und die Welt gesehen.
Sendedaten
Sonntag, 19. August 2012, 14.00 Uhr
Info
Film von Uwe Kersken und Christian Feyerabend
(Erstsendung: 4.4.2004)