Übersicht
Kalender
November 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
03
TV-Programm
Dienstag, 21. November
© Dmitriy Tereshchenko Lupe
Laut Sektenexperten gibt es schätzungsweise 1000 esoterische und neue religiöse Bewegungen, die neben den traditionellen Kirchen in der Schweiz aktiv sind.
"Das Sektenhafte liegt im Wesen des Menschen"
Hugo Stamm hat Sekten scharf im Visier
Er schreibt seit fast 40 Jahren gegen Sekten und Sektierer an. Noch ist der Kampf des Sektenexperten und Schweizer Journalisten Hugo Stamm nicht zu Ende. Unsere Gesellschaft sei noch nicht soweit ohne Sekten auszukommen, erklärt Stamm im Gespräch mit 3sat.

Hugo Stamm, seit Ihrer ersten Recherche in den 70er Jahren hat sich Ihr Archiv von rund 60 Dossiers zu Sekten auf über 1000 vergrössert. Weshalb hat sich die Sektenlandschaft ausgedehnt, trotz moderner Medien und zahlreicher Aufklärungsversuche?

"Wissen alleine reicht nicht im Kampf gegen Sekten. Wir Menschen sind nicht Herr über unsere Seele. Vielmehr prägen uns genetische, hormonelle und neurologische Bedingungen. Der Mensch überschätzt sich oft masslos. Wir sind zwar kognitiv stark und haben uns zu einer Hochleistungsgesellschaft entwickelt, doch gleichzeitig leiden wir unter emotionalen Defiziten. Um unser Bewusstsein zu schärfen, müssen wir auch mit unseren Emotionen umgehen können. Deshalb geraten Menschen trotz weltweiter Informationsvernetzung noch immer in die Fänge von Sekten. Es sind meist Leute, die verunsichert sind, sich nach Heil und der Wahrheit sehnen und hoffen, die Sekten würden ihnen alle alltäglichen und übersinnlichen Probleme lösen."



© KEYSTONE Lupe
Rätselhafter Fall "Sonnentempler": eine Sekte und ein Drama.
Das Sektendrama um die Sonnentempler gilt als einer der bizarrsten Kriminalfälle der Schweiz. 1994 kamen im schweizerischen Cheiry und Salvan 48 Mitglieder der Sonnentempler ums Leben. Heute deutet alles auf einen Massenmord hin: Guru Joseph "Jo" Di Mambro zog seine Anhänger mit in den Tod, weil seine Macht zu schwinden drohte.



Warum sich jemand einer Sekte anschliesst und sein bisheriges Leben zugunsten eines selbsternannten Gurus und seiner Sektengemeinde aufgibt, ist für Aussenstehende zumeist unverständlich. Warum üben Sekten eine solche Anziehungskraft aus, dass sich Menschen bis zur Selbstaufgabe manipulieren lassen?

"Sie geraten in eine Falle. Alle Sekten proklamieren ein absolutes spirituelles Heilsprinzip, das vermeintlich todsichere Rezepte für alle Lebensfragen liefert. Gleichzeitig weist es weit über das Alltagsleben hinaus in die metaphysische Welt. Das fasziniert vor allem Menschen, die nach Antworten suchen. Diese unrealistische Sehnsucht macht sie gefangen und abhängig. Ausserdem zieht sie die raffinierte Gruppendynamik tief in den Strudel der Sekte. Alle Sektenmitglieder - auch die Sonnentempler - haben oder hatten immer wieder Zweifel. Sie spüren, dass sie spirituell nicht vorwärts kommen und die versprochene euphorische Glückseeligkeit ausbleibt. Es ist wie ein Verliebtsein, das sich mit der Zeit abnutzt. Schliesslich verströmen alle anderen Sektenmitglieder eine Euphorie, weil niemand zugeben kann, dass sie dem Heilsziel kaum näher kommen. Die Zweifelnden suchen dann die Fehler bei sich selbst, meditieren oder beten noch häufiger, leisten mehr Fronarbeit und unterordnen sich noch stärker. Damit verstricken sie sich immer stärker und kommen nicht mehr aus der Sektenfalle heraus."



© Reuters Lupe
Der Fall "Klatten": eine Liebesaffaire und eine Erpressungsgeschichte.
Ein Erpressungsfall machte 2009 Schlagzeilen. Deren Opfer war Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands. Ihr Liebhaber Helg Sgarbi erpresste sie mit Sexvideos und verlangte 14 Millionen Euro. Er handelte im Namen des Italieners Ernani Barretta, der sich als Sendbote Gottes stilisiert hatte. Seine Anhänger waren bereit, für ihren Guru die Existenz aufzugeben.



Sie kennen zahlreiche Lebensgeschichten von Sektenmitgliedern und -Opfern. Welche Prädispositionen können Sie bei Menschen ausmachen, welche Sekten in die Fänge gehen?

"Hinter jeder Sektenkarriere steckt eine individuelle Lebensgeschichte, die viele Nuancen und Facetten hat. Dennoch zeichnen sich drei Hauptkategorien ab. Oft erwischt es Menschen, die ein schwach ausgebildetes Selbstwertgefühl haben, die autoritär erzogen wurden und nicht fähig sind, Nein zu sagen. Meistens werden sie durch Bekannte hineingezogen und finden bei der Sekte eine warme Gruppenatmosphäre. 'Love bombing' heisst diese Methode des Einschmeichelns, eine Art emotionales Schaumbad, in das neue Mitglieder bei der Anwerbung hineingezogen werden. Die zweite Kategorie umfasst Menschen, die einen starken Drang zum Religiösen, zum Spirituellen haben und auf der Suche nach einem höheren Lebenssinn ausserhalb der materiellen Welt sind. Sie sind nicht zu retten, ihr innerer Drang zum extensiven religiös-spirituellen Enthusiasmus ist zu stark. Zur grössten Kategorie zählen Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, am Verzweifeln oder einsam sind. Diese dankbaren Sektenopfer finden Geborgenheit in einer Gruppe und einen Lebensinhalt. Ein Rezept, das am schnellsten über den seelischen Schmerz hinweg hilft."


Sekten sind also ein Geschäft den Emotionen der Menschen?

"Bei Sekten geht es immer auch um Geld und Abhängigkeit. Vieles dreht sich um diese beiden Schlüsselbegriffe, ähnlich wie in der säkularen Welt. Unsere Gesellschaft ist evolutionär weit zurück. Wir verhalten uns noch wie Jäger und Sammler, doch ist Sammeln in unserer Gesellschaft nicht mehr nötig. Wir können auch im Winter Kiwi essen. Kein Bär verfolgt uns mehr, aber wir tun immer noch so, als ob überall Gefahren lauerten. Das sind tiefe archaische Prägungen, die wir überwinden müssen. Wir verhalten uns so, wie es nicht mehr unserer Lebensart entspricht, denn wir haben uns zu einer hochtechnisierten Luxusgesellschaft entwickelt. Wir brauchen den Machtdrang nicht mehr. Aber Macht ist immer noch das absolut prägende Element in unserem Menschsein."



© Reuters Lupe
Weltuntergangsstimmung: Mitglieder der Sekte "Weisse Bruderschaft".
Die russischen Behörden verhinderten den geplanten Massenselbstmord von 500 000 Sektenmitgliedern. Die russische Sekte "Weisse Bruderschaft'" sah 1993 den Weltuntergang kommen, Hunderttausende Sektenmitglieder mit ihr. In weissen Gewändern, spitzen Hüten und exotischem Schmuck bereiteten sich damals auf den Weltuntergang vor.



Das bedeutet, dass es auch in einer aufgeklärten Gesellschaft immer Sekten geben wird?

"Sekten existieren seit es Glaubensgemeinschaften gibt. Die Gesellschaft bräuchte sie eigentlich nicht, denn sie schotten sich meist ab. Aber es liegt im Wesen mancher Menschen, dass sie nach Macht streben und religiöse oder spirituelle Bedürfnisse haben. Es wird auch immer autoritätsgläubige Leute geben, die Schwierigkeiten haben, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Solche Menschen finden bei Sekten vermeintliche Antworten auf spirituelle Fragen, aber auch auf Alltagsfragen. So gesehen, liegt das Sektenhafte im Wesen des Menschen. Wir suchen das Absolute, das Letzte, das Höchste, was dazu führt, dass wir anfällig sind für Machtmenschen, die sich als Guru aufspielen. Sie behaupten zu wissen, wo die Wahrheit liegt, wie die Welt beschaffen ist, wie es im Himmel aussieht usw. Aus diesem Grund haben Sekten immer Konjunktur - auch in Zukunft."

Sendedaten
Kreuzzug - Das neue Christentum
3.9.2014, 20:15
Verführt und erpresst
3.9.2014, 21:05
Das Sonnentempler-Drama
3.9.2014, 22:00
Sendungshinweis
© ReutersLupeDas Sektendrama um die Sonnentempler gilt als einer der bizarrsten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte. Der Dokumentarfilm "Das Sonnentempler-Drama" zeigt eine Reihe verblüffender Videodokumente aus dem Inneren der Sekte. Weiter zeigt 3sat „Erpresst und verführt“ über den Erpressungsfall und die Liebesaffäre um die reichste Frau Deutschlands, die Milliardärin und BMW-Grossaktionärin Susanne Klatten. Der Dokumentarfilm zeigt auch, wie leichtgläubige Menschen von einem Sektenguru verführt wurden und der "Meister" ungeheuren Reichtum anhäufte. Der Dokumentarfilm "Kreuzzug - das neue Christentum" porträtiert die Glaubenswelt der neuen Pfingstkirchen. Diese feiern auf mehreren Kontinenten Erfolge, sei es in Afrika, Südamerika oder auch in Osteuropa. Ob diese rasch wachsenden Kirchen nachhaltig funktionieren, ist nicht klar.
Beitrag
© SRFVideoSekten scharf im Visier
Trotz Morddrohungen gegen seine Person kämpft Hugo Stamm seit 40 Jahren vehement gegen Sekten. Schon als Kantonsschüler deckte er Skandale auf. Ende März verkündete der 65-jährige Journalist und Autor Hugo Stamm seine Teilpension. Aufhören kann er aber nicht. Was treibt ihn an? Ein etwas anderes Porträt über den Sektenspezialisten:
Info