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Ilija Trojanow im Gespräch in der Bakuninhütte
Ilija Trojanow im Gespräch in der Bakuninhütte
Gelebter Widerstand
Schriftsteller Ilija Trojanow beschäftigt sich seit seiner Jugend mit dem Anarchismus. Im Interview spricht er über Freiheit, Ideologie und darüber, was wir von Anarchisten lernen können.
Martin Hanni, Gestalter der neuen 3sat-Dokumentation "Oasen der Freiheit - Anarchistische Streifzüge", hat Ilija Trojanow für das neue 3sat TV- & Kulturmagazin interviewt.

Was bedeutet für Sie Anarchismus?
Für mich ist Anarchismus zum einen eine Schule des kritischen Denkens, zum anderen des widerständigen Handelns. Wennman sich die großen historischen Scheidepunkte des 20. Jahrhunderts anschaut, kann man feststellen, dass es die Anarchisten waren, die als Erste erkannt haben, wenn gesellschaftliche und politische Entwicklungen in die falsche Richtung gingen. Der Anarchismus beruht auf der Grunderkenntnis, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass es Strukturen gibt, die unsere Freiheit garantieren, wie viele Leute irrtümlicherweise meinen. Sondern dass unsere Freiheit immer nur durch den gelebten Widerstand ein Stück weit zu verteidigen ist - im Rahmen dessen, was für jede Generation möglich ist.

Es gibt Namen, die man sofort mit Anarchismus in Verbindung bringt, zum Beispiel Michail Bakunin. Wie wichtig sind solche Figuren?
Die meisten Leute verstehen nicht, dass Anarchismus keine Ideologie ist, weil sie selbst ideologisch aufgestellt sind. Das heißt, Marxisten gehen davon aus, dass Anarchisten auch so einen Übergott haben, dessen Wort von prophetischer Bedeutung ist. Der Weg ist aber einer des autonomen, selbstkritischen Nachdenkens, des Suchens und nicht des Nachplapperns von dem, was andere vorgekaut haben. Insofern ist es ganz normal, dass es nicht irgendwelche Überfiguren gibt, die an der Wand hängen, einmal im Jahr mit Girlanden umkränzt werden und alle verbeugen sich. Auch große Klassiker wie Bakunin, Proudhon und Kropotkin sind ja nicht mehr als Anreger für gewisse Ansätze, sei es für eine gewisse revolutionäre Praxis oder für die staatskritische Analyse. Aber selbstverständlich müssen sie in die Moderne fortgedacht und fortgeschrieben werden.

Wenn man sich mit dieser Denkrichtung beschäftigt - welche Lehren kann man daraus ziehen?
Man bekommt eine realistische Vorstellung davon, wie der Staat und wie Macht funktioniert. Und man begreift, dass es eine Grundhybris gibt: Nämlich, dass die Gewalt, die der Staat ausübt, die er hat, niemals ausreicht. Es kommt eigentlich nie vor, dass ein Staatsapparat sagt: Ich werde mich jetzt von Befugnissen und Eingriffsrechten freiwillig wieder trennen. Im Gegenteil: Es wird ständig damit argumentiert, dass wir mehr Sicherheit brauchen, wobei Sicherheit natürlich ein Euphemismus für verschiedene Formen der Repression ist. Und deswegen ist es ganz normal, dass der Staat jede Form des Widerstandes nutzt, um diese Machterweiterung zu legitimieren.

Sie haben das Buch "Anarchistische Welten" herausgeben. Worum ging es Ihnen dabei?
Mit diesem Sammelband wollte ich zeigen, dass es eine große Vielfalt des vom Anarchismus inspirierten Denkens gibt. Oftdort, wo man es gar nicht vermutet. Zum Beispiel bei James Joyce, dem wahrscheinlich größten literarischen Revolutionärdes 20. Jahrhunderts. Er war zwar kein Anarchist im eigentlichen Sinne, aber in seiner Bibliothek sind 500 anarchistischeBücher zu finden. Und wer seine Briefe und auch "Ulysses" genauer liest, merkt in jeder Zeile ein tief empfundenes Misstrauen gegenüber Staat und Kirche. Dann weiß man auch, wieso das Buch jahrzehntelang verboten war. Oft wird Anarchismus auf die kleine autonome Szene reduziert oder auf Leute, die irgendetwas an die Wände schmieren oder längst tot sind. Aber Tatsache ist: In sehr vielen verschiedenen Projekten und Bewegungen sind Grundgedanken des Anarchismus enthalten. Selbst wenn man nicht zur Gänze von ihm überzeugt ist, müsste man anerkennen, dass er einer der großen, vielfältig inspirierenden Denkansätze der Geistesgeschichte ist.

An welche Utopien glauben Sie?
Ich halte in politischen Fragen nicht viel von Glauben, mehr von Analysen und Fakten, die dann dazu dienen können, ein wenig in die Zukunft zu schauen. Wenn man sich die inneren Widersprüche des Spätkapitalismus anschaut, zum Beispiel dieeklatante soziale Ungerechtigkeit und die scheinbar unlösbaren ökologischen Probleme, dann muss man sich die Frage stellen, wie wir die Gesellschaft neu organisieren können. Ich glaube, dass es die große Herausforderung kritischen Denkens und revolutionären Handelns ist, entscheidende historische Momente halbwegs gut vorzubereiten, um aus der Krise oder Katastrophe heraus eine Neugestaltung in Angriff zu nehmen. Die im Moment vorhandenen politischen Überzeugungen bieten ja keine Lösungen für die herrschenden Krisen. Ich bin davon überzeugt, dass die Wachstumsökonomie ein Ende finden wird. Es gibt diesen schönen Satz: 'Jeder weiß, dass Wachstum endlich ist, außer die Ökonomen.' Und dann muss man sich fragen, wie eine Gesellschaft jenseits von Profit, Gier und unbändigem Verbrauch zu denken sein könnte. Und da bieten die vielfältigen Ansätze des Anarchismus die interessantesten Lösungen.

Dokumentation
Oasen der Freiheit - Anarchistische Streifzüge
Der Schriftsteller Ilija Trojanow begibt sich auf Spurensuche nach Oasen der Freiheit in Europa. Er findet sie - in der anarchistischen Geschichte und Gegenwart, in der Literatur und im Internet.

Mittwoch, 11. April 2018
um 21.45 Uhr