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© Lojze Wieser 2012
Peter Handke im Herbst 2012
Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts
Peter Handke im Gespräch mit Katja Gasser
Peter Handke: einer der bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart, zugleich einer der umstrittensten: im Dezember 2012 wurde er 70 Jahre alt.
Peter Handke: ein Mensch des Gleichgewichts?
Sich selbst sieht der gebürtige Kärntner mit slowenischen Wurzeln als einen, der in das Ungleichgewicht der Welt schreibend eingreift, um mehr Gleichgewicht - und das heißt nicht zuletzt Gerechtigkeit - in eben diese zu bringen. In diesem Kontext ist auch seine bis heute währende, häufig als 'Handkes Parteinahme für Serbien' zusammengefasste Haltung dem ex-jugoslawischen Raum gegenüber zu lesen. Im Gespräch mit Katja Gasser geht es auch um jenes Jugoslawien, das in der Form, wie es Peter Handke nach wie vor beschwört, nicht mehr existiert, um die Tücken des Politisierens, um den Versuch zu verstehen, was es bedeutet, wenn Peter Handke etwa eine Wahlempfehlung für Tomislav Nikolic abgibt.

Nur Literatur kann Gerechtigkeit herstellen
Peter Handke ist überzeugt: Gerechtigkeit herstellen kann, wenn überhaupt, nur die Literatur - weil sie die Welt mitschreibt, nah am Menschen ist und jenseits jeder Ideologie. Literatur, die den Namen verdient, geht, davon ist Peter Handke überzeugt, vom Rand aus immer ins Offene, nie auf einen Endpunkt zu - es ist kein Zufall, dass dieses Gespräch am Rande Wiens stattfindet, im 'Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen', wohin Peter Handke fast immer kommt, wenn er sich in Wien aufhält: hier, an diesem wie aus der Zeit gefallenen Ort, wollte er, dass das Interview stattfindet.
Die Hinwendung zur Abweichung, zur Peripherie, zum Entlegenen und Unbeachtet-Gebliebenen durchzieht Peter Handkes gesamtes Werk. "Jeder, der schreibt", sagt Peter Handke im Gespräch mit Katja Gasser, "muss ganz tief in sich hinein, damit etwas allgemein Gültiges rauskommt dabei." Das Erzählen davon, das Erzählen von der Notwendigkeit von Veränderung und Verwandlung prägt sein ganzes Werk: es ist durchdrungen vom Glauben an die Veränderbarkeit des Menschen, durchdrungen vom Wunsch nach Transformation zum Besseren hin. Jene Passagen im Gespräch, in denen Peter Handke über die Dringlichkeit von steter Veränderung spricht, darüber, was aus Menschen wird, wenn sie diese Herausforderung, die nicht selten das Leben an sie heranträgt, nicht annehmen, gehören zu den eindringlichsten und berührendsten des Interviews.

Das Slawische beseelt mich
Ein Land, in dem Veränderung nur sehr schwer und zäh vonstatten geht: das ist Kärnten. Die Beschäftigung mit seinen kärntnerslowenischen Wurzeln prägt wesentlich, bis in die jüngste Vergangenheit, Peter Handkes Texte - so geht es in diesem Gespräch auch um seine kärntnerslowenische Herkunft, es kreist um die Frage, was es heißt, eine 'slawische Seele' zu haben, von der Peter Handke meint, dass er sie hat und dass sie wesentlich seine Literatur bestimmt. "Die deutsche Sprache begeistert mich", sagt Peter Handke in diesem Interview, "das Slawische beseelt mich".

Entspannteres Verhältnis zu Herkunftsland
Dass Peter Handke anlässlich seines 70.Geburtstages Ehrenbürger seines Heimatortes, Griffen, wird, freut ihn sichtlich - auch darüber spricht Peter Handke mit Katja Gasser. Überhaupt hat sich Peter Handkes Verhältnis zu seinem Herkunftsland, über das er ehemals den legendär gewordenen Satz "Das Fette, an dem ich würge: Österreich" niederschrieb, sichtlich entspannt: das Gerücht, er sei zu Zeiten der schwarz-blauen Koalition, in Frankreich wohnhaft zu einem Patrioten geworden, dementiert er im Gespräch jedenfalls nicht.

Peter Handke zeigt sich in diesem Interview insgesamt versöhnlicher gestimmt als ehemals, Ecken und Kanten verliert er dadurch keineswegs. Dass er kein leichter Interviewpartner ist: auch dafür ist dieses Gespräch ein wundersam-unterhaltsamer Beleg. Etwas macht dieser Dialog in jedem Fall unmissverständlich deutlich: Hier spricht jemand, der sich der Literatur verschrieben hat, mit Haut und Seele, und damit der Erforschung von und Suche nach Wahrheit, die kein endgültiges Ende kennt.

Sendedaten
Donnerstag, 4. Juli 2013
um 13.00 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Ein Film von Katja Gasser, Österreich 2012
Kinotipp
Griffen - Auf den Spuren von Peter Handke
Kinostart: 14.9.2012
Österreich-Premiere: Diagonale 2012
Buchtipp
Sonderedition zum 70. Geburtstag von Peter Handke
Prachtedition in limitierter Auflage
Wieser-Verlag 2012
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