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Dienstag, 20. April
© ZDF/Steph Ketelhut Lupe
Beim Juwelier: Christine Nürnberg setzt ihren Schmuck in Bargeld um.
Zum Leben zu wenig
Wenn die Rente nicht mehr reicht
Altersarmut wächst rasant. Harry, Ilse und Christine sind drei Beispiele - Schicksale, die für eine massenhafte und ernüchternde Entwicklung in Deutschland stehen. Wie die Menschen darunter leiden und wie sie versuchen, sich mit letzter Kraft gegen ihr Schicksal zu stemmen.
Jeden Abend gehen bei Harry die Lichter aus. "So spare ich im Monat rund zwölf Euro", erzählt der 75-Jährige, während er die Deckenbeleuchtung in seiner kleinen Wohnung ausknipst. Danach dreht seine zittrige Hand die Kurbel einer Akkulampe, bis das Lämpchen ganz schwach die Umrisse seines ärmlichen Wohnzimmers ausleuchtet. Eine Stunde lang, dann geht die Lampe aus und Nowitzky muss wieder kurbeln. "Zum Lesen reicht das nicht, da muss ich dann noch Kerzen anzünden. Es ist erbärmlich, aber Hauptsache, ich spare. Die Rente reicht einfach nicht bis zum Monatsende."

Jetzt will er raus aus seinem Elend. Endlich wieder in Würde leben. Ohne Tafel. Ohne Flaschen sammeln. "Wenn ich nur 400 Euro mehr hätte, das wäre Luxus", schwärmt er. Er plant, einen Job zu finden. Aber wer wird den 75-Jährigen noch nehmen?

So wie Harry geht es Tausenden von Rentnern in Deutschland. Auch Ilse hat viel zu wenig zum Leben. Ihr Mann muss seit ein paar Jahren gepflegt werden, und das Heim wird von der Rente bezahlt. Wenn die ehemalige Feinkostfachverkäuferin sich ein gutes Stück französischen Camembert leisten will, muss sie auf zwei Abendessen verzichten, erzählt die 85-Jährige. Einmal im Monat geht sie ins Theater. Dafür lässt sie dann drei Tage das Essen ausfallen. "Das strecke ich dann über den Monat, also konsumiere in drei Wochen einen Tag gar nichts, trinke nur Leitungswasser. Das ist ein mieses Gefühl, und manchmal denke ich: Lieber Gott, lass mich morgen nicht mehr aufwachen." Eigentlich hätte Ilse sogar noch etwas Geld, ein Sparbuch mit 2.000 Euro. Aber das hält sie eisern zurück. Für die Beerdigung ihres Mannes.

Christine müsste eigentlich genauso streng rechnen. Aber als die 68-Jährige in Rente ging, hat sie erst einmal so weitergemacht, wie in den vielen Jahrzehnten zuvor als Postangestellte: Friseur, Sonnenbank, mal eine schöne Bluse kaufen, obwohl die Minirente das alles nicht mehr hergab. Jetzt hat sie Schulden bei der Bank und weiß nicht, wie sie die wieder zurückzahlen soll. Eine Lösung könnte sein, bei der Tafel kostenlos "Essensrationen" abzuholen und den Einkauf zu sparen. "Aber da schäme ich mich. Wenn die Leute aus dem Viertel sehen, dass ich da für umsonst Schlange stehe, dann denken die: Die ist eine Bettlerin geworden."

Christine könnte auch ihre erwachsenen Kinder um Hilfe bitten. Aber vor denen schämt sie sich noch mehr als vor ihren Nachbarn. Jetzt muss sie sich entscheiden. Wer oder was soll ihr in Zukunft in der Altersarmut helfen?

Sendedaten
23. Oktober 2012, um 0.10 Uhr
Info zum Film
Film von Ravi Karmalker und Alessandro Nasini
(Erstsendung: 17.04.2012)
Information zur Sendung
Länge: 30 Minuten
Dokumentationsreihe, Deutschland