Übersicht
TV-Programm
Dienstag, 25. November
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Video
Das Tal der Wunder am Fuße des Mont Bégo: der Berg in Südfrankreich wurde zu einer der ersten Pilgerstätten der Menschen in den Alpen
Mythen der Alpen
Die Geheimnisse hochalpiner Landschaften
In extremen Landschaftsräumen wie den Hochalpen treffen die Gewalten der Natur und die Bedürfnisse der Menschen besonders hart aufeinander: Ewiges Eis und Schneemassen machen Gebirgspässe monatelang unbegehbar. Gewitter, Sturm und Hagel vernichten die Ernten. Lawinen, Muren und Blitzschlag zerstören im Bruchteil einer Sekunde nicht nur die Existenzgrundlage der Menschen, sondern bringen manchmal auch den Tod in die Bergdörfer.
Entlang dem Mythos vom ewigen Eis, dem Mythos von den magischen Orten und dem Mythos vom heiligen Wasser entwickelt der Film seine Erzählstruktur. Die Kamera spürt die Plätze mythischer Vergangenheit auf und verbindet die meist realen Geschichten, die sich hinter den Sagen und Riten verbergen, mit der grandiosen hochalpinen Natur- und Kulturlandschaft Österreichs, Italiens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz.
Wenn man heute von Mythen hört, denkt wahrscheinlich kaum jemand an die Alpen. Doch gerade in diesem extremen Lebensraum, wo die Gewalten der Natur und die Ansprüche und Bedürfnisse der Menschen besonders hart aufeinandertreffen, sind unzählige Sagen, Mythen und Legenden bis heute erhalten geblieben. Manfred Corrines "Universum"-Dokumentation "Mythen der Alpen" geht auf Spurensuche und präsentiert längst in Vergessenheit geratene Kultplätze, Höhlen und Steintürme, erzählt Sagen von versunkenen Städten, tapferen Einsiedlern und geheimnisvollen Bergleuten und zeigt heute noch lebendiges Brauchtum.

Opferplätze und Rituale gegen die Urgewalten und Götter
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Lupe
Das Auenjoch in Südtirol war ein Hexentanzplatz. Das gestand zumindest die Hexe "Pacher-Zottl" 1540 unter der Folter.
Die Menschen in der Wildnis des Hochgebirges versuchten seit jeher, die Kräfte der Natur zu begreifen, sie zu zähmen und sich Untertan zu machen. Doch was hatten die bäuerlichen Siedler von der Jungsteinzeit bis in das 21. Jahrhundert den übermächtigen Naturgewalten entgegenzusetzen? Den Kult: Opferplätze und Rituale sollten die Urgewalten bannen und die Götter gnädig stimmen. Heilige Quellen und Orte der Kraft versprachen Genesung. Unendlich viele Sagen und Mythen entstanden - vom ewigen Eis, von "saligen Frauen", von Dämonen und Hexen, von guten und bösen Mächten. Sie dienten in den hochalpinen Regionen zur Angstbewältigung vor der Willkür der Naturkräfte - Reste davon leben noch heute.

Sonnenrituale trotzen den Dämonen der winterlichen Kälte
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Lupe
Rätselhafte Steinsetzung am Ritten in Südtirol. Der Stein wurde in der Kupferzeit gen Westen ausgerichtet. Dort, so glaubte man, lag das Totenreich.
Die Sonne, das große Zentralfeuer, wurde seit frühester Zeit in vielen Kulturen als Gottheit verehrt und angebetet. Bei den Sumerern ebenso wie bei den Ägyptern, den alten Griechen und auch den nordischen Völkern. In engen Alpentälern, wo sich die Wintersonne oft nur für wenige Augenblicke am Tag zeigt, haben sich bis heute Fastnachtsbräuche erhalten, um die Dämonen der winterlichen Kälte auszutreiben. Im Vinschgau in Südtirol üben die Jungbauern die Kunst des "Scheibenschlagens" aus. Dabei werden am ersten Fastensonntag auf weithin sichtbaren Anhöhen Lagerfeuer entzündet, die Scheiben von Birkenholzstämmen im Feuer zum Glühen gebracht und talwärts geschleudert. Dieses Ritual soll der Frühjahrssonne helfen, wieder an Kraft zu gewinnen. "Zusätzlich ist an jede der glühenden Scheiben ein Wunsch für die Zukunft geknüpft. Von alters her überlieferte Sprüche begleiten ihren Flug", weiß Manfred Corrine vom Dreh zu berichten und: "Die kleinen Sternschnuppen sind aber nicht ganz ungefährlich. Schon vor etwa 1.000 Jahren ist eine der glühenden Scheiben am Dach des Klosters Lorsch gelandet und hat es in Brand gesteckt. Heute sind sicherheitshalber die Löschzüge der Feuerwehr vor Ort."

Sitz der Götter?
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Lupe
In 2.800 Meter Höhe, am Gipfel des Mont Bégo in Südfrankreich, finden sich 36.000 Felsritzungen. Hier, wo Himmel und Erde zusammenstoßen, vermuteten unsere Vorfahren den Sitz der Götter.
Manche Gebirgszüge gelten wegen ihrer lokalen Gewitter bis heute als berüchtigt. In Frankreich stieß Manfred Corrine auf einen ganz besonderen Ort: "In Südfrankreich, am Mont Bego, zeugen mehr als 36.000 Felsritzbilder von der Verehrung dieses Berges. Die Menschen ritzten ihre Bitten und Wünsche in Stein. Sie flehten um Fruchtbarkeit für Ackerbau und Viehzucht. Offensichtlich gingen viele ihrer Hoffnungen in Erfüllung, so wurde der Mont Bego zu einer der ältesten Pilgerstätten der Alpen."

Pilgerscharen am Wolfgangsee
Doch nicht nur die höchsten Gipfel, sondern auch manche Seen haben ihre ganz spezielle mythische Vergangenheit. Gegen Ende des Mittelalters wurde ein Ort in Österreich zum drittgrößten Wallfahrtszentrum der Christenheit. Die Legende vom Einsiedlerleben des heiligen Wolfgang und die von ihm geschlagene Quelle, der heilsame Wirkung nachgesagt wird, lockt bis heute Pilgerscharen nach St. Wolfgang am Wolfgangsee. In der Höhle am Falkenstein, wo der heilige Wolfgang angeblich lebte, befindet sich ein sogenannter Durchschlupfstein. Wer sich hier durchzwängt, streift angeblich alles Übel, alles Negative ab. An diesem Ort zu drehen war für Manfred Corrine eine ganz spezielle Erfahrung: "Die Kapelle des heiligen Wolfgang am Falkenstein ist etwas ganz Besonderes. Hier schmiegt sich nämlich ein Kirchlein eng an eine steile Felswand. Und im Inneren setzt sich diese Zweiteilung fort. Die eine Hälfte ist eine christliche Kapelle und die andere Hälfte ist Felswand, Höhle und Schlupfstein, ein uralter heidnischer Kultplatz."

Alpines Paradies und versunkene Städte
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Lupe
Das fruchtbare Vinschgau bot schon dem Familienclan des Ötztalmannes ideale Lebensbedingungen. Hier entstanden viele Mythen und Sagen.
Sagen von versunkenen Städten findet man in den Alpen von den Tälern bis hinauf zu den Almwiesen und noch höher - bis in die eisige Welt der Gletscher. Einst soll es ein "goldenes Zeitalter" gegeben haben, ein "alpines Paradies", wo auf blühenden Almen Milch und Honig flossen. Damals, so die Sage, war auf den üppigen Almwiesen genug Futter für die Kühe vorhanden, die im Überfluss Milch gaben, sodass große Käse- und Buttervorräte angelegt werden konnten. Als jedoch eines Tages eine arme alte Frau diesen Wohlstand störte und um Almosen bat, wurde sie verstoßen. Daraufhin wurde der Sage nach die Alte riesengroß, stand oben über der Stadt und rief: "Dananä, Dananä, es gibt an Schnee, der apert nimmermeh!"

Den Realitätsbezug sieht Manfred Corrine, der bei den Dreharbeiten eng mit den Glaziologen der Universität Innsbruck zusammengearbeitet hat, gegeben: "Es stimmt schon, dass in all diesen Sagen ein Körnchen Wahrheit steckt. Heute wissen wir, dass tatsächlich hochgelegene Almwirtschaften wegen Klimaverschlechterung und vorrückender Gletscher aufgegeben werden mussten."

Wintersonnenwende - Zeit der Sagen und Mythen
© ORF/WEGA-Film/Mario Hopfgartner Lupe
Am Auenjoch, im Südtiroler Sarntal stehen Hunderte von Steintürme - auch "Steinere Manderln" genannt. Sie zeugen von einer Zeit, in der Missernten und Hungersnöte als Strafe Gottes interpretiert wurden.
Die Tage um die Wintersonnenwende scheinen seit Jahrtausenden eine bedeutsame Zeit für viele Völker und Kulturen zu sein. Angeblich zogen in den Raunächten, vom 21. Dezember bis zum Dreikönigstag, einst Götter, Elfen und Dämonen umher. In dieser Zeit steht nach altem Volksglauben das Geisterreich offen. In den Raunächten räuchert der Hausherr alle Räume des Hauses mit Weihrauch und besprengt sie mit Weihwasser, um alle Arten von Seuchen, Krankheiten und Gefahren von Haus und Hof, Mensch und Tier abzuhalten. Auch die Stallungen werden geräuchert.Die unzähligen Mythen, Sagen und Legenden des Alpenraums zeugen von der Suche der Menschen nach Erklärungen, vom Wunsch, die Kräfte der Natur zu verstehen. Heute kennen wir Erklärungen für die außergewöhnlichsten Naturphänomene, dennoch sind die Mythen des Alpenraums bis heute lebendig.

Sendedaten
Mittwoch, 19. November 2014
um 13.55 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Eine Dokumentation von Manfred Corrine, Österreich 2008
Buchtipp
Hans Haid

Mythen der Alpen: Von Saligen, Weißen Frauen und Heiligen Bergen

Böhlau, 2006
ISBN-13: 978-3205775416
Links