© srfhanshaldimann
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Andere Lebensentwürfe: Mitglieder der Genossenschaft Ökodorf-Projekt Pianta Monda und Gäste
Einfach leben - kein einfaches Leben
Interview mit dem Dokfilmer und Autoren Hans Haldimann
Alternative Lebensformen haben ihn schon in jugen Jahren interessiert. Aber so ganz abgesondert in einer Holzhütte leben: Das könnte und möchte der frischpensionierte Journalist nicht. Auf seiner Suche nach spannenden Protagonisten, die so ein einfaches, auf das Wesentliche reduziertes Leben führen, stiess Hans Haldimann auf eine Genossenschaft, die seit 25 Jahren im bergigen, unwegbaren Tessin eine Bleibe gefunden hat. Ein Gespräch.
Sehnsucht nach dem einfachen Leben
© dvorburger Er hat den Blick für andere Lebensentwürfe: Dokumentarfilmer Hans Haldimann
Er hat den Blick für andere Lebensentwürfe: Dokumentarfilmer Hans Haldimann
Der vitale 65-Jährige trägt wie viele eine Sehnsucht in sich. Die Sehnsucht nach dem einfacheren Leben. Selbst in der Stadt Zürich lebend, in einem Haus mit Garten, sagt er dennoch: "Ich habe keine Probleme damit, mich einzuschränken".
Als er von den Aussteigern erfährt, die sich in Hippie-Zeiten zu neuen Lebensformen zusammenschlossen und die mittlerweile "in die Jahre gekommen sind", packt ihn die Neugier. Gibt es Junge, Nachfolger dieser Kinder der 68er, die dieses karge Leben auch leben möchten? Er macht sich auf die Suche, findet zwar welche. Aber sich filmen lassen: nein danke.


Schliesslich lässt sich die 1993 gegründete Genossenschaft " Ökodorf-Projekt Pianta Monda" im Tessin auf Film und Filmer ein. Ulrico, einer der Protagonisten im Dokumentarfilm, ist der einzige der Gründerväter, der noch aktiv dabei ist. Er lebt mit Lebenspartnerin Sanna und der ausgebildeten Bäuerin Katharina in einer einst verlassenen Hütten-Siedlung im Val Lavizzara. Und immer wieder leben Männer und Frauen auf Zeit bei den "Aussteigern". Haldimann beobachtet subtil, ist dabei, wenn Wäsche von Hand gewaschen wird, Bäume gefällt, Gemüse angebaut.
Aber so ganz autark, das realisiert der Filmer schnell, lässt es sich heute gar nicht leben. "Mit rund 1000 Franken Einkommen muss man rechnen, alleine schon die Krankenkasse kostet hierzulande ja fast 500 Franken. Das Geld muss von irgendwoher fliessen!"
Um nicht ganz vergessen zu gehen von der"normalen" Gesellschaft, verfassen die Anderslebenden regelmässig einen Lagebericht. Verschicken ihn an Freunde, Bekannte und ja, auch an Sponsoren....

Keine Aussteiger, aber Träume-Verwirklicher
© srfhanshaldimann Die Geissen (Ziegen) sind Bäuerin Katharinas Lieblinge.
Die Geissen (Ziegen) sind Bäuerin Katharinas Lieblinge.
"Alle drei Protagonisten stehen zwar irgendwie am Rande der Gesellschaft, ja. Aber: Sie sehen sich nicht als Aussteiger. Katharina, die gelernte Bäuerin, setzt ihren langgehegten Traum um. Und der ehemalige Lehrer Ulrico will als gutes Beispiel vorangehen. Zeigen, dass man auch anders leben kann. Eben: einfach. Alle drei hoffen, dass sie durch ihre Lebensart auch andere dazu überzeugen können." Der Filmer ist beeindruckt, wie unermüdlich gerade Ulrico Schulklassen, die zu Besuch kommen, zum Mitmachen animiert.

Es "menschelt", überall
© srfhanshaldimann Ulrico bearbeitet Steine für eine Trockenmauer.
Ulrico bearbeitet Steine für eine Trockenmauer.
Ein Jahr lang hat Hans Haldimann die Protagonisten begleitet, immer wieder besucht. Mit seiner unaufdringlichen Art, ganz ohne Regie zu führen, gehört er schnell "zum Inventar". Das erlaubt ihm, nahe dabei zu sein. Und er spürt, dass es eben auch in solch alternativen Lebensformen "menschelt". Spannungen gehören dazu:
"Die drei haben unterschiedliche Ansichten, wie das Ganze umzusetzen sei. Die gelernte Bäuerin und der 'alte Gründervater' sind sich oft nicht grün. In der Zwischenzeit ist Katharina ins Dorf gezogen."

Eigenes Gemüse und eine Wäscheleine im Garten
© SRF Hans Haldimann Sanna und Ulrico: 'Gründervater' und Lebenspartnerin.
Sanna und Ulrico: 'Gründervater' und Lebenspartnerin.
Ob sich etwas im Leben des Filmers verändert hat durch die Beschäftigung mit dem Thema? Haldimann lächelt leise. "Seit den Dreharbeiten pflanze ich eigenes Gemüse an. Zwar in bescheidenen Massen, bloss Salat, Bohnen, Zucchetti. Aber schon das gibt mir ein gutes Gefühl."
Und: Er hat quer durch seinen Garten eine Wäscheleine gezogen. "Das ist doch einfach schön anzuschauen: Wehende Wäsche an einer Leine. Und es macht schlicht mehr Freude, Wäsche im Garten aufzuhängen als im muffigen Keller!"

Sendedaten
Montag, 30.07.2018, 22.25h:
"Einfach leben"
Dokumentarfilm von Hans Haldimann
Info
Dokumentarfilmzeit