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Die Schweiz kennt ihre Beziehung: Schreiber vs Schneider. Beziehungsalltag in pointierter (Selbst-)Ironie.
Die Schweiz kennt ihre Beziehung: Schreiber vs Schneider. Beziehungsalltag in pointierter (Selbst-)Ironie.
Das öffentlichste Paar der Schweiz - eine Deutsche und ihr Schweizer Mann
Sybil Schreiber und Steven Schneider schreiben seit 18 Jahren gemeinsam eine Kolumne über ihr Leben als Paar
1000 Kolumnen. Woche für Woche, ohne Unterbruch. Seit 18 Jahren. Sie und er machen in der auflagestarken Coopzeitung ihre Beziehung, ihre Sorgen, Nöte und K(r)ämpfe öffentlich. Seit geraumer Zeit auch auf der Bühne, bei Lesungen, die längst mehr sind als pures Vorlesen. Die 55-jährige Deutsche und ihr 54-jähriger Schweizer Ehemann erzählen, provozieren, witzeln und improvisieren lustvoll drauflos.
Das Geheimnis dieser ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte: Herr und Frau Schweizer erleben hautnah, dass andere die gleichen Probleme haben wie sie.
Die wöchentliche Kolumne "Schreiber vs Schneider" gehört  bei vielen Schweizern zum Alltag.
Die wöchentliche Kolumne "Schreiber vs Schneider" gehört bei vielen Schweizern zum Alltag.
"Seit 18 Jahren lesen wir uns jeden Sonntagmorgen Ihre Kolumne vor. Sie beide gehören zu unserem Leben!" Letzte Woche in der Ostschweiz. Nach einem Auftritt. Schreiber und Schneider werden umringt von Fans: "Ich rege mich auch immer auf über meine Frau, wenn sie sinnlos Geld ausgibt!". "Mein Mann hat auch schon falsches Benzin getankt!" "Sie reden mir aus dem Herzen!" Sybil Schreiber ist gerührt. Solche und ähnliche Aussagen hören sie oft.
Sybil Schreiber und ihr Mann Steven Schneider sind quasi öffentliches Gut. Wer ihre Kolumnen liest - die Zeitung hat 2,5 Millionen Leser! - weiss so ziemlich alles über die beiden.
Und erkennt gleichzeitig: Das ist Alltag, uns allen bekannt.

So mokiert sich Schneider zum Beispiel über Schreibers Freude, einen Franken gespart zu haben, indem sie Abfallsäcke (mehr als) randvoll füllt. Um dann aber wiederum sinnlos Geld zum Fenster rauszuwerfen, zum Beispiel für einen Hometrainer. Der dann nach ein paar Versuchen nur noch rumsteht..

Schreiber wiederum ulkt, dass sich ihr Schweizer Gatte an Zugluft im Restaurant stört, aber natürlich nicht reklamiert. Um danach über diese "furchtbare" Gaststätte herzuziehen ...


Die Kolumne als eigene Paartherapie
Für Schreiber und Schneider ist dieser allwöchentliche Austausch selbst wertvoll. "In vielen Beziehungen ist dafür kaum Zeit", da sind sich die beiden - für einmal - einig. Und: "Es wird immer lustiger, je älter man wird. Man wird mit dem Alter gelassener. Wir sorgen uns immer weniger darum, wie wir gegen aussen wirken. Wir können also aus dem Vollen schöpfen."

Tipps für ein gutes Zusammen-Leben und -Lieben:
  • Eine Familie ist auch eine Firma - darum machen wir jedes Jahr eine Retraite, buchen ein Hotel mit Sitzungszimmer und dann halten wir eine Konferenz ab, bei der jeder seine Traktanden anbringt. Zum Beispiel: Ich wünsche mir eine Woche Ferien allein mit dir. Ich räume nicht gerne die Wäsche weg, muss das aber immer machen, können wir das ändern. Ganz kleine Sachen, die sich im Alltag so einspielen und vielleicht gar keinen Sinn machen.
  • Im Zweifelsfall über sich selbst lachen (müssen aber beide tun, sonst wirds zu einseitig),
  • Den anderen überraschen, auch mal mit einem Gedanken, mit einer Idee, mit einer Geste, einem Ausflug
  • Umarmt euch! - das tut einfach gut. Und zwar ohne Hintergedanken!
  • Wenn wir streiten, dann geht es um die Sache.– Laut und heftig, aber nie beleidigend. Das ist einfach ein gewisses Mass an Respekt und Anstand.
  • Dem anderen einen Ausweg offen hält. Als wir auf meinen Wunsch von der Stadt aufs Land gezogen sind, habe ich Sybil angeboten, dass wir nach einem Jahr zurückgehen, wenn sie es nicht aushält.
  • Ab und zu getrennte Betten, und zwar ohne vorher Streit zu haben - zwischendurch allein schlafen ist herrlich.

Alltags-Szenen einer Ehe - unter die Lupe genommen und seziert
Am Anfang war da die Idee, kontrovers über das eigene Familienleben zu schreiben. Die Geburt, die ersten Worte, Schritte und Einschulungen der beiden Töchter: Das alles wurde zum Thema. Aber auch Banales wie Autofahren, Wäsche machen, Flirts des einen, Schwärmereien der anderen wurde und wird immer noch "auseinandergebeinelt". Ironisiert. Mit Selbst-Kritik und ebenso -Lob gespickt.
Schwierigkeiten damit, ein quasi öffentliches Ehe-Leben zu führen, haben beide nicht. Wohl schon eher die Töchter, dem Kindheitsalter entwachsen: Wer will schon, dass jede(r) über deine Macken und Marotten Bescheid weiss?
So hat sich im Laufe der Jahre aus der Familien- eine Paar-Kolumne entwickelt.

Und nun also Lesungen. Die Münchnerin und der Aargauer treten live und öffentlich gegen- und miteinander auf. Bei den ersten lasen sie aus ihren Büchern - sechs sind es bis dato, das siebte im Entstehen. Allesamt gesammelte Kolumnen.
Aus den Lesungen wird mit der Zeit ein komödiantisches, "öffentliches Duellieren". "Stand-up Comedy im Sitzen" nennen die beiden heute ihre Auftritte.

Die "Seismographen der Alltagsbeben" haben den Mut, öffentlich auszutragen, was sonst unser aller Tabu ist.Sie reden Tacheles miteinander, verschonen sich nicht, werden dabei aber nie bösartig.Kultivierte Sticheleien, die auch ein bisschen weh tun können? "Es kam schon vor, dass wir zu weit gegangen sind. Uns verletzten mit Bemerkungen", gibt Schreiber zu. Eine Gratwanderung seien die Auftritte. Man dürfe Spannungen trotz allem nicht in die Show hineinbringen....

Die Ideen gehen nie aus
© dvorburger
"Montag und Dienstag sind unsere Kolumnentage", sagt Schreiber, "Die Kolumne begleitet uns unbewusst dauernd, das Schreiben dauert dann manchmal ein paar Tage, je nach Thema und Schreibfluss. Oft landen Kolumnen auch im Abfall."

Panik, dass ihnen die Themen ausgehen könnten, haben die beiden längst nicht mehr.

"Wir haben die Antennen immer draussen", erklärt Sybil Schreiber. Und ihr Mann doppelt nach: "Besonders wenn Schreiber sauer ist, spricht sie druckreif. Dann muss ich sofort Schreibpapier und Stift holen, um mir das zu notieren."

Zynischer klingt es beim Auftritt. Da sagt Schneider: "Kommt uns kein Thema in den Sinn, muss ich mich nur bei Sybil ins Auto setzen. Schon gibt es wieder vier Themen, über die wir schreiben können."

Auch eigene Wege gehen!
© schreiber Sybil Schreibers Erzähldebüt: 'Sophie hat die Gruppe verlassen'.
Sybil Schreibers Erzähldebüt: 'Sophie hat die Gruppe verlassen'.
Sybil Schneider, die einst Modedesign studiert hatte und in New York City als Schauspielschülerin von Woody Allen entdeckt werden wollte (was nie geschah), schreibt heute Artikel für diverse Zeitschriften. Ihr Gatte, ehemaliger Lehrer, kriegt immer wieder Aufträge als Journalist. Es gibt also ein Leben als Individuum?Schneider: "Wir brauchen das beide: Zeit für uns alleine, Zeit für eigene Ideen, Artikel und Projekte!"

So deftig das Wortduell zwischen den beiden Kolumnisten ausfällt, wenn es um ihre eigenen Buch-Projekte geht, schwärmen beide vom andern.
So zeigt Schneider einem Verleger Sybils Manuskript mit mehreren Erzählungen. Heimlich. Sie hätte es nie gewagt. Schreiber fand ihre Schreibe zu wenig gut. Ihr Mann freut sich unheimlich, als das Ja zu Texten und Buch feststeht. Schreibers Erzähldebüt "Sophie hat die Gruppe verlassen" wird an die Solothurner Literaturtage eingeladen. Schneider geht mit, stolz und im Bewusstsein, dass er nur in der Rolle eines "Herrn Merkel" fungiert..

Sybil Schreiber wiederum erzählt mit leuchtenden Augen, dass ihr Mann gerade eben ein Buch fertiggestellt habe. Ein Buch über Männer. Darin lässt Schneider ausgewählte Protagonisten über sich und das Leben sinnieren. Diesen Herbst wird Schneiders Buch in Buchhandlungen zu finden sein.

Kommt da nie Eifersucht auf? Schreiber dementiert. Dezidiert.
Und Machtkämpfe? "Jeder von uns ist mächtig; mal mehr, mal weniger. Das Wechselspiel macht Spass und hält die Liebe lebendig."
Mit ihrem launigen, lustvoll improvisierten Geplänkel wollen Schreiber und Schneider nun auch Deutschland erobern.
Die Chancen stehen nicht schlecht.
Denn Alltag findet auch da statt.

Info
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