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Bussfeier für die Opfer von sexuellen Übergriffen, 2016 in Sion.
Bussfeier für die Opfer von sexuellen Übergriffen, 2016 in Sion.
Streit wegen Entschädigung für Missbrauchsopfer der Kirche
Die Schweizer Bischöfe der römisch-katholischen Kirche haben versprochen, Opfer von sexuellem Missbrauch schnell und unbürokratisch zu entschädigen. In der Praxis passiere oft das Gegenteil, sagt die unabhängige Kommission "Cecar".
Seit Jahren gilt in der römisch-katholischen Kirche eine rote Linie beim Thema sexueller Missbrauch. "Null Toleranz", beteuern die Bischöfe, und schicken ihre Priester in Präventionskurse.

Sie haben eine lückenlose Aufarbeitung von Missbrauchsfällen angekündigt. Dazu gehört auch die Entschädigung der Opfer.

Unabhängige Kommissionen
Hierfür gibt es verschiedene Gremien, sowohl innerhalb der Kirche als auch ausserhalb. Eine dieser unabhängigen Kommissionen ist "Cecar". Sie hat nun aus Protest ihre Arbeit unterbrochen.

Präsidentin Sylvie Perrinjaquet wirft den Bischöfen vor, die Arbeit ihrer Kommission infrage zu stellen. "Viele unserer Empfehlungen werden angezweifelt", kritisiert Perrinjaquet.

Auf Dauer zu teuer?
Die Kommission "Cecar" hört die Opfer an und stellt daraufhin einen Antrag auf Entschädigung – und empfiehlt auch einen Betrag. 10'000 Franken seien für weniger schwere Fälle üblich, schwerwiegender Missbrauch werde mit 20'000 Franken entschädigt.

Als unabhängige Kommission geniesse "Cecar" grosses Vertrauen bei den Opfern, sagt Sylvie Perrinjaquet. Deshalb behandle die Kommission viele schwerwiegende und komplizierte Fälle.

Sylvie Perrinjaquet vermutet: Die Bischöfe seien argwöhnisch geworden, weil ihre Kommission sehr oft für eine Entschädigung von 20.000 Franken plädiert habe.

Dem widerspricht Liliane Gross. Sie arbeitet für die Landeskirche Zürich, prüft aber für die ganze Schweiz die Anträge auf Missbrauchszahlungen. Sie findet: Die Entschädigungen müssten verhältnismässig und nachvollziehbar sein.

Entschädigungen sollen verhältnismässig sein
Die Missbrauchsfälle seien höchst unterschiedlich, berichtet Liliane Gross. Es gebe Priester, die Kinder bei angezogener Kleidung berührt hätten. "Auch das ist Missbrauch, aber eine andere Dimension als eine Vergewaltigung, in der ein Kind gezeugt wurde", sagt Liliane Gross.

Vorwurf: zu wenig Informationen
Die Juristin der Zürcher Landeskirche sagt, sie schätze die Arbeit von "Cecar". Allerdings enthielten die Anträge oft nicht alle gewünschten Informationen. Manchmal stehe da nur: "Er hat sie misshandelt." Das Ausmass des Missbrauchs werde nicht klar. Daher seien Rückfragen notwendig.

Dem widerspricht Sylvie Perrinjaquet. Die "Cecar"-Dossiers enthielten alle relevanten Informationen. Sie vermutet im Verhalten der Kirche ökonomische Motive. Immer 20'000 Franken auszuzahlen, das gehe ins Geld – und da wolle die Kirche sparen.

"Die Kirche steht zu ihrer Verantwortung"
Ein Vorwurf, den Liliane Gross zurückweist. Die Kirche stehe zu ihrer Verantwortung: "Den Opfern geht es häufig gar nicht um den Betrag. Es geht darum, dass sich die Opfer endlich anerkannt, gehört, gesehen fühlen."

Die römisch-katholische Kirche beteuert, auf der Seite der Opfer zu stehen. Doch daran hat die "Cecar"-Präsidentin Sylvie Perrinjaquet ihre Zweifel: "Ich habe das Gefühl, dass die Kirche noch nicht in der Realität angekommen ist. Sie hat kein Gespür dafür, was die Opfer in ihrem Alltag durchmachen müssen."

Am Freitag kamen in Freiburg Kirchenvertreter zu einer Krisensitzung zusammen. Sie hoffen, sich bald mit der "Cecar" zu verständigen. Wann und wie das der Fall sein wird, ist aber noch unklar.

Dieser Artikel erschien bereits auf www.srf.ch/kultur.

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© KeystoneLupeSylvie Perrinjaquet, Präsidentin der Kommission "Cecar": Sie übt Kritik am Vorgehen der Kirche.
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