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Statt zu meditieren würden wir uns besser gegenseitig inspirieren, sagt Theodore Zeldin.
Statt zu meditieren würden wir uns besser gegenseitig inspirieren, sagt Theodore Zeldin.
Macht uns Meditation zu Egoisten?
Auch bei uns gehört Meditation immer mehr zum Alltag. Gleichzeitig wird Kritik laut: Wer meditiert, verliert den Dialog aus dem Blick, sagt der Historiker Theodore Zeldin.

Inmitten von farbigen tibetischen Rollteppichen, beleuchtet von einigen Lichtstrahlen hat sich Richard Davidson in Meditationshaltung hingesetzt. Der Neurowissenschaftler ist der führende Experte, wenn es um Fragen zu Meditation und ihrer Auswirkung auf das Gehirn geht. Hier spricht er von den positiven Effekten des Meditierens.

Der breiten Öffentlichkeit ist Davidson durch die aufsehenerregenden Tests mit meditierenden buddhistischen Mönchen in MRI-Röhren bekannt geworden. Dort zeigte sich, was lange nur eine Vermutung war: Während der Meditation verändern sich die Hirnströme – die Hirnstruktur ist formbar.


Naive Schönfärberei?

Gute Nachrichten für Meditierende also? Ja, aber nicht nur, sagt Theodore Zeldin. Der britische Historiker und Skeptiker hält die von Davidson und seinen Kollegen vertretene Ansicht, dass Meditation die Welt verändern könne, für schönfärberisch und gänzlich naiv.

In schwierigen Zeiten gelte es, den Blick nach aussen und nicht nur nach innen zu richten, sagt Zeldin. Der Welt fehle es nicht an Meditation, sondern an inspirierenden Gesprächen.

Damit meint Zeldin nicht einfach den Austausch von Argumenten und Gedanken, sondern gegenseitige schöpferische Stimulation. Mediation stelle die Menschen scheinbar ruhig, wenn es doch so wichtig sei, dass sie neugierig bleiben. Nur mit einem Wissenszuwachs könnten die Probleme der Welt bewältigt werden.


Austausch zwischen Musen

Aus diesem Anliegen heraus hat Theodore Zeldin die Stiftung "Muse", Link öffnet in einem neuen Fenster gegründet. Mit ihr will er eine neue Konversationskultur schaffen. Eine, die vom Willen und von der Bereitschaft geprägt ist, aus jedem Gespräch als veränderte Personen herauszugehen.

Zeldin wünscht sich, dass sich Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, Altersgruppen und Berufsrichtungen treffen und austauschen. Dabei sollen sie sich gegenseitig aus der jeweiligen denkerischen Komfortzone herausinspirieren.

So könne jeder Mensch dem anderen eine Muse sein. Zeldins Haltung ist klar: Ein richtig gutes Gespräch bringt ihnen und der Welt mehr als schweigsames Meditieren.


Zähneputzen fürs Gehirn

Auch Richard Davidson will die Gesellschaft voranbringen – wenn auch mit ganz anderen Methoden. Er ist sich sicher: So wie heute die körperliche Betätigung durch Joggen oder Fitness zum Alltag gehört, so wird sich in Zukunft die mentale Gymnastik einbürgern.

Meditation gehört für Davidson zur gesundheitlichen Vorsorge, der wir uns als Gesellschaft annehmen müssen. Für ihn ist Meditieren eine Frage von Verantwortung unserem Gehirn gegenüber. Genauso wie Zähneputzen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unserem Körper gehört.

Doch Meditation ist für Davidson nicht nur eine rein medizinische oder gar narzisstische Angelegenheit, bei ihr gehe es massgeblich um die Kultivierung von Altruismus und Mitgefühl.


Anhaltende Wirkung braucht Zeit

Zumindest die Wissenschaft gibt Davidson zunehmend recht: Studien zeigen, dass die Meditation unsere Aufmerksamkeit, Resilienz und Stressresistenz verbessert, den Alterungsprozess verlangsamt und das Mitgefühl steigert.

Veränderungen sind schon nach etwa 20 bis 30 Meditationsstunden erkennbar, wenn auch nicht nachhaltig. Bis in den Grundstrukturen des Gehirns längerfristig Änderungen eintreten, braucht es einen etwas längeren Atem: bis zu 27'000 Stunden kann das dauern – oder umgerechnet etwas mehr als drei Lebensjahre.


Gleichzeitig nach aussen und innen?

Aber auch wenn man sich jetzt keine dreijährige Auszeit nehmen kann, kann man trotzdem Davidsons in den Alltag integrierte Achtsamkeitsmeditation anwenden. Etwa beim Abwasch oder beim Gang auf die Toilette. Schon wenige achtsame Momente am Tag erhöhen die Lebensqualität.

Oder man startet selber ein Konversations-Projekt à la Zeldin, wie man es diese Tage etwa in Wien, Link öffnet in einem neuen Fenster finden kann. Denn vielleicht lassen sich die beiden Konzepte weit besser miteinander verbinden, als Zeldin selbst glaubt.









Dieser Artikel erschien zuerst auf www.srf.ch