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Essen wir bald alle Qualle?
Die Qualle als Dünger, als Nahrungsmittel, für die Kosmetikindustrie? 15 wissenschaftliche Institute aus acht Ländern sind am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel daran beteiligt, das Image der Qualle aufzubessern und sie zum Nutztier des 21. Jahrhunderts zu machen.
Essen wir bald alle Qualle? Dr. Jamileh Javidpour, Koordinatorin des "Go Jelly"-Projekts, spricht über die ersten Ergebnisse.

Schweizer Radio und Fernsehen: Wird die Qualle tatsächlich zum Nutztier des 21. Jahrhunderts?
Jamileh Javidpour: Dank erster Forschungsergebnisse wissen wir, wie man aus der Qualle Produkte machen. Und wie man sie als Nutztiere verwenden kann.

Geforscht wird in verschiedensten Bereichen: in der Agrarwissenschaft, in der Pharmazeutik und in der Lebensmittelindustrie. Die Quallen werden in Zukunft eine grosse Rolle spielen.

Warum ist die Qualle zu einer interessanten Ressource für die Forschung geworden?
Die Quallen sind 500 Millionen Jahre alt. Heute – mit der Erderwärmung, Überfischung und Meeresverschmutzung – vermehren sie sich schnell. Zu viele Quallen sind ein Problem für das Ökosystem Meer.

An einigen Orten der Welt, etwa im mediterranen Raum, stellen sie für Touristen oder Entwässerungsanlagen ein ernsthaftes Problem dar. Aber auch die Fischerei-Industrie leidet unter der Menge der Quallen. Es ist interessant zu wissen, dass man aus der Qualle etwas Nützliches machen kann.

Derzeit werden viele Zuchtfische mit Wildfischen gefüttert: Wäre da die Qualle als Fischfutter nicht nachhaltiger, wenn es so viele gibt?
Absolut. Wenn man weiss, dass Wildfische sich von der Qualle ernähren, warum sollte man sie nicht in der Aquakultur verwenden? Es gibt bereits Delfine, Pinguine und viele kleine Fische, die sich von der Qualle ernähren.

Die Weltmeere sind überfischt. Quallen zu essen wäre ökologisch sinnvoll. Bei "Go Jelly" tüfteln Lebensmittelingenieure an Quallen-Rezepten und Quallen-Diäten. Wird sich die Qualle à la carte in Europa durchsetzen?
Das sollte sie eigentlich. Die Qualle wird eigentlich schon seit tausenden Jahren gegessen – in Ostasien etwa. Aber für die Europäer ist die Qualle noch nicht schmackhaft. Deshalb arbeiten wir an unterschiedlichen Rezepten, an der Art und Weise, wie man die Qualle am besten zubereitet. Dabei kriegen wir Hilfe von einem Sternekoch aus Italien.

In Zukunft sollte eine Speisekarte voller Quallen-Rezepte angeboten werden. Schliesslich werden wir 2050 neun Milliarden Menschen auf der Erde sein, die werden Ressourcen knapp.

Die Ozeane leiden neben Übernutzung auch an massiver Verschmutzung – vor allem durch Plastik. Die "Go Jelly"-Forscher glauben, die Qualle könnte der Schlüssel zur Lösung dieses Problems sein. Inwiefern?
Durch die Forschung wissen wir, dass der Schleim, den die Quallen produzieren, über 90 Prozent der Partikel auf einmal aufnimmt.

Das heisst, dieser Schleim könnte in irgendeiner Form als sehr effizienter Filter funktionieren. In welcher Form wir diese Fähigkeit verwenden können, wissen wir noch nicht. Sollen wir den Schleim synthetisieren oder nicht?

Wenn wir die Antwort kennen, können wir das Problem Mikroplastik mit dem Problem der Quallen auf einmal lösen. "Go Jelly" arbeitet daran, wie man den Quallenschleim produziert. Und daran, wie man diese Filter aus Quallenschleim in Klärwasseranlagen einsetzen kann.

Falls die Forschung zeigt, dass Quallen sich als Plastikfilter oder als Fischfutter eignen, bräuchte man Unmengen von Quallen. Könnte eine Abfischung nicht auch wieder negative Folgen haben?
Das muss man unbedingt vermeiden. Wir arbeiten daran, eine Methode zu finden, wie man die Qualle nachhaltig fischen könnte. Wir reden aber über Quallen-Bluter, die massenhaft auftreten.

Wir machen keine Quallenfischerei. Und wir wollen eine Guideline für die EU aufstellen und festhalten, welche Menge man fischen sollte, um das Ökosystem nicht aus der Balance zu bringen.

Aus einer ökologischen Warte überzeugt das «Go-Jelly»-Projekt. Aber wie sieht es mit der Umsetzbarkeit aus? Wird die Qualle tatsächlich zum Nutztier des 21. Jahrhunderts?
Man sollte unbedingt daran arbeiten. Wir suchen ständig nach neuen Ressourcen – warum sollten Quallen nicht als nachhaltige Ressource gesehen werden? Schliesslich gibt es eine riesige Menge. Wir müssen nur herausfinden, was wir damit machen können.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

Dieser Artikel erschien bereits auf www.srf.ch/kultur.

Jamileh Javidpour
© Jamileh JavidpourLupeDr. Jamileh Javidpour ist Projektleiterin vom GEOMAR Helmholtz-Zetrum für Ozeanforschung in Kiel. Ihr Forschungsbereich ist die Marine Ökologie.