© KeystoneDANIEL BOCKWOLDT
Zum 90. Geburtstag von Hans Küng
Ein Leben im Dienste des Weltfriedens
Der weltberühmte Schweizer Theologe widersetzte sich den katholischen Dogmen und zerwarf sich mit dem Papst. Seitdem widmet er sich seinem Lebensprojekt: dem Dialog der Weltreligionen.
© dpareuters Küng wehrt sich vergebens gegen ihn: Papst Johannes Paul II.
Küng wehrt sich vergebens gegen ihn: Papst Johannes Paul II.
Der Bannstrahl trifft Hans Küng auf der Skipiste. 1979, kurz vor Weihnachten, entzieht ihm Papst Johannes Paul II. die kirchliche Lehrerlaubnis. Hans Küng darf nicht länger im Namen der römisch-katholischen Kirche als Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie in Tübingen lehren.

Hans Küng, am 19. März 1928 in Sursee im Kanton Luzern geboren, wird von der Nacht- und Nebelaktion überrumpelt und schnauzt: «Ich halte es für einen Skandal, dass in einer Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, noch im 20. Jahrhundert Inquisitionsprozesse durchgeführt werden.»

Hans Küng wehrt sich entschieden, doch vergeblich. Die Universität richtet ihm eigens ein Institut für Ökumenische Forschung ein. Küng bleibt auch Priester.

Frontalangriff gegen den Vatikan
Wie kam es zum grossen Knall? Dunkle Wolken schieben sich bereits früh zwischen Hans Küng und die Hüter der Wahrheit.

Küng fordert seine Kirche zu radikalem Umdenken auf. Er will die Botschaft Jesu Christi den Menschen seiner Zeit verständlich machen.

Küng provoziert und hinterfragt die Unfehlbarkeit des Papstes. Ein Frontalangriff. Der Vatikan dagegen behauptet, Küng verunsichere mit seinen Thesen die Gläubigen.

Auswahl an Büchern von Hans Küng
© Piper
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Eine frühe Karriere
«Die Kirche», «Unfehlbar?», «Christ sein», «Existiert Gott?»: Mit seinen Bestsellern hatte sich der schneidige Theologe damals längst in die Herzen der Menschen geschrieben. Seine Karriere ist beachtlich.

In Rom studiert er an der päpstlichen Kaderschmiede Gregoriana Philosophie und Theologie. Priesterweihe 1954 und Dissertation am Institut Catholique in Paris über die Gnade beim reformierten Theologen Karl Barth.

Zeiten des Aufbruchs
© dpa Joseph Ratzinger, später Kontrahent Hans Küngs,  im Kreise seiner Familie
Joseph Ratzinger, später Kontrahent Hans Küngs, im Kreise seiner Familie
Dieser bescheinigt dem nicht einmal 30-jährigen Küng: Wenn Küngs Auffassung wirklich die Lehre der katholischen Kirche darstelle, dann bestehe in der Frage der Gnadentheologie keine Differenz zum Protestantismus.

1962 beruft Papst Johannes XXIII. Hans Küng zum theologischen Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil, gemeinsam mit dem jungen Joseph Ratzinger, seinem späteren Kontrahenten.

Küng legt Wert auf Stil, fährt einen Alfa Romeo. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, die für Küng mit dem Rauswurf endet.

Dialoge statt Dogmen
© ap Auch sie leiht Küng ihr Ohr: Angela Merkel. Im Jahr 2000 im Austausch über sein Projekt «Weltethos».
Auch sie leiht Küng ihr Ohr: Angela Merkel. Im Jahr 2000 im Austausch über sein Projekt «Weltethos».
Aus dem Knatsch mit seiner Kirche macht Hans Küng eine Tugend. Er sprengt den engen katholischen Denkhorizont.

Er sucht das Gespräch mit Vertretern aus Dichtung, Kunst, Musik, Psychologie und Wirtschaft. Küng öffnet sich für das Gespräch mit Atheisten und mit den Weltreligionen.

Mission Weltfrieden
Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden: Für diese These reist Küng fortan quer durch alle Kontinente und Kulturen und umgibt sich mit Prominenz.

Wie eine Gebetsmühle rezitiert der Weltbürger Küng: «Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein friedliches Zusammenleben der Menschen ohne ein Weltethos der Nationen.»

«Weltethos» als Lebensprojekt
In seinem «Weltethos» formuliert Küng 1990 ethische Werte, die Angehörige aller Religionen leben können. Dabei weiss Küng sehr wohl, dass Religionen Gewalt und Kriege inspirieren oder legitimieren.

Er ist aber überzeugt: «Was Religionen im Negativen können, das können sie auch im Positiven.»

Reibungen mit Ratzinger
© dpa Ein langes Gespräch, aber keinen Segen: Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI.
Ein langes Gespräch, aber keinen Segen: Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI.
2005 wird der deutsche Kardinal und Glaubenshüter Joseph Ratzinger Papst. Küng und Ratzinger haben das theologische Heu bei weitem nicht auf derselben Bühne.

Gleichwohl führen sie in lauschiger Umgebung am Sommersitz der Päpste in Castel Gandolfo ein langes Gespräch. Kontroverse Themen kommen nicht auf's Tapet.

Späte Rehabilitation
© dpa Er schrieb Küng zwei Briefe: Papst Franziskus.
Er schrieb Küng zwei Briefe: Papst Franziskus.
2013 betritt Papst Franziskus die Weltbühne. Sein Denken entspricht eher dem theologischen Gusto von Hans Küng.

Der Papst aus Argentinien schreibt ihm zwei Briefe. Hans Küng bilanziert: «Das ist auf jeden Fall eine informelle Rehabilitation.»

Ein facettenreiches Gesamtwerk
Krankheitsbedingt zieht sich Hans Küng im Jahr 2013 zurück: Parkinson. Ein Leben lang hat er Fragen gestellt, jetzt stellen sich ihm existenzielle Fragen.

In seiner Biografie schliesst Hans Küng Suizidbeihilfe nicht aus. Typisch für Küng, er kennt kein Tabu.

Hans Küng ordnet sein Reich. Der Jubilar versöhnt sich mit seiner Krankheit und veröffentlicht Memoiren sowie die Gesamtausgabe seines Werkes. Mit seinen 90 Jahren kann er auf ein umfangreiches und vielschichtiges Schaffen zurückblicken.



Dieser Artikel von Norbert Bischofberger erschien zuerst auf www.srf.ch