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Meditation schadet nicht. Doch auch, dass sie alles besser macht, zweifeln neue Studien an.
Meditation schadet nicht. Doch auch, dass sie alles besser macht, zweifeln neue Studien an.
"Meditation macht dich kaum zum besseren Menschen"
Immer mehr Menschen hoffen durch Meditation achtsamer, konzentrierter und sozialer zu werden. Doch wissenschaftlich lassen sich diese Effekte nicht belegen, sagen neue Studien.

Die eigene Achtsamkeit trainieren, in der Stille und Konzentration zu sich selbst finden, vielleicht sogar ein besserer Mensch werden und damit seinen Teil beitragen zu einer friedlicheren Welt: Dagegen spricht eigentlich nichts.

Meditation sehen viele als universalen Heilsweg zum Besseren – frühere Studien schienen das auch zu bestätigen. Doch heute zweifeln immer mehr Wissenschaftler an der Qualität dieser Arbeiten und fordern bessere Forschung.


Positive Effekte verpuffen

© Imago/UIG Meditation macht mitfühlender: Nur Forscher, die selbst meditieren, konnten das nachweisen.
Meditation macht mitfühlender: Nur Forscher, die selbst meditieren, konnten das nachweisen.
Zu ihnen gehört Miguel Farias, Meditationsforscher an der Universität Coventry. Er hat über 20 Studien unter die Lupe genommen, Link öffnet in einem neuen Fenster, die dem Meditieren eine sozial positive Wirkung zuschrieben. Farias' Fazit: "Meditation macht dich kaum zu einem besseren Menschen."

Beim näheren Hinschauen lösten sich die vielversprechenden Resultate der Originalstudien praktisch in Luft auf. Diese hatten Meditierenden mehr Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Verbundenheit und weniger Aggressivität und Vorurteile attestiert – verglichen mit nicht-meditierenden Menschen.

In der Metaanalyse von Farias' Team zerbröselten diese guten Befunde jedoch. Einzig der Zusammenhang zwischen Meditationspraxis und dem Faktor "Compassion", das Bedürfnis anderen zu helfen, hielt einer ersten Analyse stand.

Nicht jedoch einer zweiten, detaillierteren: Meditierende schnitten in diesem Punkt zwar zunächst besser ab, wenn man sie mit einer passiven Kontrollgruppe verglich. Aber brisanterweise nur dann, wenn der Meditationslehrer gleichzeitig zu den Studienautoren gehörte.


Begeisterte Forscher verzerren das Resultat

Die Begeisterung der Meditationslehrer habe sich wohl auf die Schüler übertragen und so die Resultate beeinflusst, vermutet Miguel Farias. Es sei ihm zwar klar gewesen, dass vielen Menschen sehr grosse Hoffnungen in Meditationstechniken setzten, zum Beispiel in die boomende Achtsamkeitsmeditation.

Seine aktuelle Übersichtsstudie zeige nun aber zum ersten Mal, dass nicht nur Laien, sondern auch die Meditationsforscher selber überzogene Erwartungen hätten. Damit würden sie unwillentlich die Studienresultate verzerren, sagt Farias.


Achtung vor dem Hype

Marieke van Vucht von der Universität Groningen ist nicht erstaunt über diese ernüchternden Resultate der Übersichtsstudie. Sie hat kürzlich zusammen mit einer Gruppe weiterer Meditationsforscher einen kritischen Artikel veröffentlicht zur Meditations- und Achtsamkeitsforschung.

Der Titel: "Mind the Hype", Link öffnet in einem neuen Fenster – nehmen Sie sich in Acht vor dem Hype und den damit verbundenen Heilserwartungen, die selbst vor den Teppichetagen von Grosskonzernen nicht haltmachen.

Ihre Kritik ziele nicht auf die Meditationstechniken an sich ab, sondern auf schlecht ausgearbeitete Studien-Designs, sagt van Vugt, die selber regelmässig meditiert. Meditationsforschung sei ein junger Zweig. Vieles müsse noch verbessert werden. Es brauche dringend Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen und geeignete Kontrollgruppen.


Viele Fragen sind noch offen

© Imago/Zuma Press Was bringt der Hype? Meditieren mit den Massen in New York.
Was bringt der Hype? Meditieren mit den Massen in New York.
Das Problem beginne schon damit, dass man sich in der Forschergemeinde nicht einmal einig sei, was Meditation eigentlich ist und woran man deren Effekte messen soll.

Im klinischen Bereich zeigt die Achtsamkeitsmeditation zwar beobachtbare Wirkung. Sie kann Stress reduzieren und depressive Rückfälle verhindern. Doch die Forschenden wissen nicht, welche Mechanismen diesen Effekten zugrunde liegen – und warum manche Menschen von diesen Ansätzen profitieren und andere nicht.

Sollen Menschen nun aufhören zu meditieren? Nein, sagt Marieke van Vucht. Nein, sagt auch Miguel Farias. Aber wer ein besserer Mensch werden wolle, schreite immer noch besser zur Tat, engagiere sich zum Beispiel in der Freiwilligenarbeit, statt meditierend sitzen zu bleiben.









Dieser Artikel erschien zuerst auf www.srf.ch