© USC Shoah Foundation
Aufgenommen in virtueller Realität
Ein neues Projekt der "USC Shoah Foundation" soll sicherstellen, dass die Zeitzeugen-Aussagen von Holocaust-Überlebenden auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Anne Franks Stiefschwester und Ausschwitz-Überlebende Eva Schloss beantwortet virtuell Fragen zu ihrer Geschichte.
Ein etwa zehnjähriges Mädchen steht vor einem Mikrofon im «Museum of Jewish Heritage» in New York und fragt die 89jährige Eva Schloss nach ihrer Lieblingsfarbe. Anschliessend danach, was sie glücklich macht und welche Erinnerungen sie an den Zweiten Weltkrieg hat. Auf all diese Fragen erhält sie von der 3D-Version der Holocaust-Überlebenden, einer Art interaktivem Doppelgänger Evas, sofort eine Antwort.


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Die virtuelle Realität macht es möglich: ein interaktives, dreidimensionales Video von Eva Schloss wurde konzipiert, um möglichst vielen – nicht nur – Kindern in Schulen und Ausstellungen die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen, die vermutlich sonst so nicht gestellt werden würden. Über 1`000 Fragen wurden der Zeitzeugin gestellt und ihre Antworten von 116 Kameras rundum erfasst.

Dies ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie menschliche Erinnerungen mithilfe neuer Technologien dokumentiert und abgerufen werden können. Auch wie es die Technik ermöglicht, Generationen besser dabei helfen zu können, wichtige Erfahrungen der Vergangenheit verstehen und gar nachempfinden zu können.

Evas Geschichte
Denn Eva Schloss` ist eine Frau, der man zuhören will. Als "posthume" Stiefschwester von Anne Frank – ihre Mutter heiratete 1953 Otto Frank, den Vater Annes –ist sie bekannt. Aber sie hat auch eine eigene Geschichte: Am 11. Mai 1929 in Wien geboren, emigrierte die Familie 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, über Belgien in die Niederlande. Genau wie Anne Frank musste auch sie sich verstecken. Im Mai 1944 wurde die jüdische Familie ebenfalls verraten - von einer niederländischen Krankenschwester - , gefangen genommen und in das Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau gebracht.

Eva Schloss’ Vater und Bruder überlebten das Lager nicht, ihre Mutter und sie selbst wurden 1945 von sowjetischen Truppen befreit. Anschließend kehrten beide nach Amsterdam zurück, wo Eva später Kunstgeschichte an der Universität von Amsterdam studierte. Mit ihrem Mann Zvi gründete sie eine Familie und lebt heute in London.

"Hör auf zu hassen"
Eva Schloss musste lernen, wieder an das Gute im Menschen zu glauben. Der Hass auf die Nazis, die Deutschen, aber auch die Länder, die die flüchtenden Juden nicht aufnehmen wollten, sass bei ihr tief. Ihr Stiefvater Otto Frank sagte einst zu ihr: "Hör auf zu hassen." Dieses Motto hat sie sich zu Herzen genommen und versucht, danach zu leben und zu handeln.

Sie scheut sich auch nicht, Parallelen zur heutigen Situation der "Refugees", der Flüchtlinge zu ziehen, denen wie damals der Eintritt in die sicheren Länder verwehrt wird. Umso wichtiger ist daher die Aufklärungsarbeit, was damals geschehen ist und was nie wieder geschehen soll.

Schon vor ihrer virtuellen Version berichtete Eva Schloss in Schulen über ihre Erlebnisse im Holocaust. Diese "Zukunftsarbeit" für kommende Generationen geleistet zu haben, war ihr ein grosses Anliegen. Vor allem auch deshalb, weil sie eine der letzten und wenigen Zeitzeugen des Holocaust ist.

Weitere Informationen
© The Museum Of Jewish Heritage John HalpernLupe