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Antonio Presti kämpft seit Jahrzehnten gegen die Mafia, durch die sein Vater reich wurde.
Antonio Presti kämpft seit Jahrzehnten gegen die Mafia, durch die sein Vater reich wurde.
Ein Millionär kämpft mit Kunst gegen die Mafia
Antonio Presti gibt in Sizilien viel Geld für Kunst aus. Damit will er den öffentlichen Raum von der Mafia zurückerobern.
Als junger Mann lässt es sich Antonio Presti gut gehen: schnelle Autos, rauschende Feste, teure Kleider, alles finanziert aus der schier unerschöpflichen Schatulle seines reichen Vaters. Der ist ein bekannter Baulöwe auf Sizilien.

Als dieser stirbt, übernimmt der erst 29-jährige Antonio Presti das Baugeschäft. Dabei entdeckt er, dass sein Vater nichts anderes als der Bauherr der Mafia war. Der junge Presti zerbricht fast an der eigenen Familiengeschichte.

Kunst als Kampfansage
Zuerst schliesst er sich lokalen Anti-Mafia-Organisationen an, überwirft sich aber schnell mit diesen. "Die Mafia kann man nicht besiegen, indem man gegen sie arbeitet", erklärt der heute 60-Jährige. Man müsse sie umgehen, ihr Projekte entgegenstellen, die sie nicht vereinnahmen und nicht zerstören könne. Kunst und Kultur erscheinen Presti das adäquate Mittel zu sein.

Anfang der 1980er-Jahre beschliesst er, in einem Tal am Meer einen Skulpturenpark erstellen zu lassen. Obwohl er die Einwilligung der Grundbesitzer und der Bürgermeister hat, überziehen ihn die Gegner seines Projekts mit unzähligen Prozessen.

Skulpturen trotzen der Wut der Mafiosi
Hinter der Prozesslawine stehen die lokalen Mafiabosse. Ihnen passt nicht, dass einer aus der Zivilgesellschaft im öffentlichen Raum Kunstwerke aufstellt – ohne ihr Einverständnis.

Denn die Macht der Mafia basiert auf der Kontrolle der Politik, der Gerichtsbarkeit und des "territorio", wie es auf Italienisch heisst: des Territoriums.

Nach 23 Jahren gewinnt Presti die Prozesse. Die "Fiumara d’Arte" steht noch heute und umfasst gegen ein Dutzend riesiger Skulpturen. Die Mafia hat es nicht gewagt, diese zu zerstören. Zu beliebt ist das Kunst-Tal unterdessen.

"Wir müssen den öffentlichen Raum zurückgewinnen, und die Bewohner müssen begreifen, dass dieser ihnen gehört", sagt Presti bei jeder Gelegenheit. Ein wunder Punkt in Italien, besonders im Süden.

Familie kommt vor Öffentlichkeit
Denn Italiener mögen die Verantwortung für familiäre Angelegenheiten übernehmen, die "res publica" hingegen, die öffentliche Sache, interessiert sie nicht.

Deshalb schaffen es Süditaliener locker, ihren Müll einfach auf die Strasse zu kippen. Hauptsache, er ist draussen und nicht drinnen im Haus, wo "la famiglia" haust.

Um ein Bewusstsein für die Öffentlichkeit zu wecken, wendet sich Presti an die Kinder des Slums Librino bei Catania. Librino wurde in den 1960er-Jahren auf dem Reissbrett geplant. Es hätte eine Modellstadt werden sollen. Die Pläne zeigen eine grüne, sehr wohnliche Stadt.

Das Gegenteil ist daraus geworden: eine monströse Betonanlage, in der 100'000 Menschen wohnen – der Bodensatz der Gesellschaft Catanias. Denn die Stadt liegt in der Flugschneise des Flughafens von Catania und an einem Ort, wo die Begüterten nicht wohnen wollen, weil er zu weit weg vom Meer ist.

Kacheln verschönern die Mauern
Presti lädt Künstler aus der ganzen Welt ein, welche die Wände des riesigen Umfahrungsrings von Librino mit übergrossen Figuren aus Kacheln versehen sollen. Kinder und Jugendliche montieren diese und übernehmen die Verantwortung für das gemeinsame Projekt.

Als ich mich beim Besuch in Librino einer Kachel nähere, um zu schauen, aus welchem Material sie ist, kommt ein kleines Mädchen angerannt und erklärt mir, das sei ihre Kachel. Ich dürfe sie nicht berühren, sie könnte herunterfallen und damit das gesamte Projekt ruinieren.

Porträts aus der Stadt
Um zu zeigen, wer alles in Librino lebt, veranstaltet Presti einen Fotowettbewerb. Die Bewohner fotografieren sich gegenseitig. Die Bilder lässt Presti seither nachts auf die tristen Fassaden der Wohnsilos projizieren.

Zu sehen sind hier alle Bewohner der Stadt: der Drogendealer neben dem Schwerstabhängigen, die Grossmutter neben dem kleinen Mafioso um die Ecke, der korrupte Politiker neben dem Quartiercoiffeur, die Verkäuferin neben einer Prostituierten.

"Wir haben sie alle versammelt. Zu meinem Gaudi begaffen sich die Mafiosi von Librino gleich gern auf den Wänden wie die normalen Leute", sagt Presti.

"Ein kleines Stück eigene Welt"
Dieses, wie auch die unzähligen anderen Projekte von Presti, sind von der Mafia kaum je behindert oder zerstört worden. Sie haben sich halt dran gewöhnt, mag man einwenden.

"Sicher", sagt Antonio Presti, "aber mit jedem Projekt, jeder bewachten Kachel, erobert sich die Zivilgesellschaft ein kleines Stück eigene Welt zurück." Die Mafia habe das nur noch nicht begriffen.