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Gebaut, um nicht gesehen zu werden
Architektur will ästhetisch interessant und auffällig sein. Bunker und Festungen aber wurden gebaut, um nicht gesehen zu werden. Das Buch "Festungen in der Schweiz" will die "versteckte" Architektur einem breiten Publikum zugänglich machen.
Grün-Braune Bunker, die sich im Wald zu ducken scheinen, oder ein grau-braunes Artilleriewerk mitten in einer felsigen Landschaft am Gotthard – diese Architektur ist höchst paradox. Wenn Architekten ein Gebäude entwerfen, soll es ästhetisch interessant und oft auch auffällig sein.

Ganz anders verhält es sich in der Verteidigungsarchitektur: Sie wurde an strategisch wichtigen Orten geschaffen, um nicht gesehen zu werden. Der Historiker Juri Jaquemet hat sich zusammen mit dem Historiker Thomas Bitterli und dem Architekten Maurice Lovisa aufgemacht, das Schweizer Festungswerk, dieses aussergewöhnliche Architekturerbe, genauer unter die Lupe zu nehmen und in einem Buch zusammenzutragen.

Ein Spiegel der geopolitischen Verhältnisse
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Zwischen 1882 und 1990 sind gegen 13 000 Bauwerke entstanden. Diese abertausende Bunker, Sperren und Kampfstände sind das Resultat einer intensiven Bautätigkeit und spiegeln die damaligen geopolitischen Ereignisse.

Der Bau des Schweizer Festungswerks beginnt 1882 mit dem ersten Gotthard-Eisenbahntunnel und 1885 mit der Einsetzung einer Eidgenössischen Befestigungskommission. Sie sollte sich, jetzt, da die erste schnelle Nord-Süd-Verbindung vorhanden war, vor allem um die Verstärkung des Gotthardmassivs kümmern.

Verteidiger der Murmeltiere
Die militärische Bautätigkeit gipfelt im "Réduit national", an dem bis zum Ende des Kalten Krieges und dem Auseinanderfallen der Sowjetunion weitergearbeitet wurde.

Die Schweiz wollte gegen den Feind gerüstet sein, was Schriftsteller wie Hermann Burger oder Max Frisch zu bissigen Kommentaren animierte. Burger nannte den durchlöcherten Gotthard "eine künstliche Mutter", Frisch bezeichnete sich während seiner Aktivzeit selbst als "Verteidiger der Murmeltiere".

Das geheime Festungswerk
Dieses eigentlich geheime Festungswerk hat das Zeug zum Mythos und hat sich in der Schweiz ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Der Historiker und Mitautor der Buches "Festungen in der Schweiz", Juri Jaquemet, benennt einige Gründe. Da seien zum einen die Schweizer Wochenfilmschauen, in denen zu sehen war, wie ganze Lastwagen in das Tunnelsystem in den Gotthard fuhren.

Zum anderen kamen die meisten Männer im Militärdienst mit dem Festungswerk in Kontakt. "Und schliesslich musste sich das Schweizer Festungswerk nie beweisen und ist so – im Unterscheid zur französischen Verteidigungslinie Maginot – intakt geblieben. Gerade das Unbesiegte wird rasch zum Mythos", sagt Jaquemet.

Architektur der Täuschung und Tarnung
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Juri Jaquement und seine Kollegen nehmen uns in ihrem Buch mit auf eine spannende Reise durch ein sonderbares architektonisches Werk. Die Bilder des Fotografen Michael Peuckert liefern dabei eine ideale Ergänzung.

Seine Aufnahme des Maschinengewehr-Bunkers oberhalb von Andermatt ist eindrücklich: wie eine Science-Fiction-Burg scheint sie in einer steinigen Landschaft zu thronen. Die Aussenwände des Bunkers wurden kunst- und vermutlich liebevoll von den Soldaten zu Felsköpfen ausgeformt während die Panzertürme ungetarnt in den nebligen Himmel ragen.

Wer Lust bekommt auf noch mehr Anschauungsmaterial, nimmt das 2004 erschienene Buch "Falsche Chalets" mit den grossartiges Fotografien des Fotografen Christian Schwager zur Hand und staunt, über eine Architektur der Täuschung und Tarnung.

Buchhinweis
Thomas Bitterli, Juri Jaquemet, Maurice Lovisa: "Festungen in der Schweiz"
Gesellschaft Schweizerische Kunstgeschichte, 2017