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Fokus Japan
Hektische Megacity, erholsame Landidylle und faszinierende Essregeln
Japanische Lebensart und der Blick hinter das Lächeln 1/3

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Folge 1Folge 1
In der ersten Folge erlebt Fotoreporter Patrick Rohr spontane Begegnungen in der hektischen Megacity Tokio: mit der Halbschweizerin Christine Haruka, als fröhliches TV-Talent in ganz Japan bekannt; dem Fischverkäufer Yuki, der von einer Karriere als Model träumt; dem Barkeeper Yugo, der genug hatte vom massiven Arbeitsdruck als Angestellter; und mit der Girlband Kamen Joshi, deren Ambitionen von der Popmusik-Industrie ausgenutzt werden.

Die Halbschweizerin Christine Haruka zog mit 16 Jahren von Zürich nach Tokio, um ihre japanischen Wurzeln kennenzulernen und eine Karriere als komisches TV-Talent aufzubauen. Sie ist gern gesehener Gast in japanische Fernsehsendungen, jedes Kind kennt sie. Christine zeigt Patrick Rohr die ersten Kirschblüten im Stadtpark, entführt ihn in ihr spezielles Lieblingsrestaurant und gibt ihm einen wichtigen Tipp: In Japan wird wenig erklärt, dass meiste muss gespürt werden.

Zusammen mit dem Halbschweizer Kultur- und Sprachübersetzer Dennis Kyosuke Ginsig erkundet Patrick Rohr das Tokioter Ausgehviertel Golden Gai. Der kurlige Barkeeper Yugo Matsuzaki hat als festangestellter «Salaryman» jahrelang oft im Büro übernachtet, wie so viele in der japanischen Leistungsgesellschaft. Jetzt ist er selbständig und betreibt auch einen Onlineshop für Secondhand-Kleider aus den USA. Patrick hilft ihm zu Hause beim Kleiderversand und lernt die japanischen Schriftzeichen kennen. Yukinobu Takanashi versucht den Spagat zwischen individuellem Leben und Familientradition: seinen Traum als Fotomodell zu erfüllen und gleichzeitig das Familienvermächtnis zu ehren - den Fischladen seiner Eltern weiterzuführen.

«Idoru» sind Idole, Starlets. Singen, Modeln, Schauspielen, davon träumen viele Mädchen. Kamen Joshi ist eine Girlband, die mit Hockeymasken auftritt. Patrick Rohr begleitet die junge Frontfrau Erina Kamiya einen Tag lang und stellt ernüchtert fest, wie mit dem Kindfrauen-Image viel Geld verdient wird und wie Talentfirmen die Träume junger Frauen ausnutzen.

Zwischen Sauberkeit, Hektik und Effizienz 2/3

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Folge 2Folge 2
In Folge 2 geht es um das Leben und Leiden mit der Naturgewalt Tsunami, japanische Effizienz im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen und dynamische Kampfkunst mit friedlicher Philosophie.

Am 11. März 2011 löst das Töhoku-Erdbeben einen 20 Meter hohen Tsunami aus. Die damals zerstörte Küstenstadt Onagawa wird seither von Grund auf neu gebaut. Patrick Rohr trifft den jungen Bürgermeister Yoshiaki Suda und staunt, als sich der Amtsträger als Heavy-Metal-Gitarrist entpuppt.

30 Minuten vor dem Tsunami kam der Alarm. Doch Fischer Nobuaki Aihara und sein Vater nahmen die Warnung nicht ernst. Aihara überlebte, sein Vater nicht. Patrick Rohr begleitet den Fischer der dritten Generation zu seiner Silberlachszucht auf dem Meer, das Aihara Leben und Einkommen gibt, aber auch Tod und Verderben über sein Dorf gebracht hat.

Auch das Spital von Onagawa, 16 Meter über Meeresspiegel, blieb nicht verschont von der Katastrophe, die über 800 Menschenleben kostete. Dank Schweizer Spendengeldern wurde es wiederaufgebaut. Im neu integrierten Alters- und Pflegeheim erlebt Fotoreporter Patrick Rohr als Pflegehelfer die Herzlichkeit von Menschen mit hoher Lebenserwartung, die nun in Form der Überalterung die grösste Herausforderung der japanischen Gesellschaft darstellen.

Sauberkeit und Effizienz sind Trumpf in Japan, auch im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. Der Fotojournalist tauscht seine Kamera mit dem Putzlappen und staunt, in welch unglaublichem Tempo die Züge gereinigt werden.

Fujiyoshida liegt am Fuss des berühmtester japanischen Bergs Fuji. Lokaler Leckerbissen ist die Udon Nudelsuppe in ihren unzähligen Variationen. Patrick Rohr lernt, warum es eine dreijährige Udon-Ausbildung braucht und warum ein Mittelschüler sein Herz an diese Nudel verloren hat.

In der ehemaligen Kaiserstadt Kyoto herrscht friedliche Kirschblütenzeit, als Patrick Rohr frühmorgens das Trainingslokal von Yoko Okamoto betritt. Die Powerfrau ist 62 Jahre alt und hochgradierte Lehrerin der defensiven Kampfkunst Aikido. Yoko zeigt Patrick gleich den Meister und am Ende auch ihren Humor. Sie erlaubt ihm Einblick in eine Persönlichkeitsschulung, die mit körperlichem Training lehrt, auch auf psychische Situationen angemessen zu reagieren: mit Klarheit, Respekt und eigener Stärke.

Japanische Schüchternheit und die verschlossene Gefühlswelt 3/3

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Folge 3Folge 3
In Folge 3 zu sehen: die Erleuchtung im strengen Zen-Tempel, das Geheimnis des langen Lebens auf Okinawa und das Familienglück im subtropischen Naturparadies.

In Kameoka ist einer der wenigen Tempel in Japan, in dem Ausländer Zen lernen können. Patrick Rohr unterwirft sich den strengen Regeln und versucht, Körper, Geist und Atmung durch Achtsamkeit in Einklang zu bringen. Zen-Schüler Rohr staunt über die Kraft des 80-jährigen Tempelmeisters und bekommt unerwartet den Stock der Erweckung zu spüren.

In der Millionenstadt Osaka unter vielen Menschen sein, und doch ohne Partner - das liegt nicht nur an der japanischen Schüchternheit. In einer Singlebar gewinnt Fotojournalist Rohr Einblick in die verschlossene Gedanken- und Gefühlswelt der jüngeren Generation, die immer mehr zum Individualismus neigt, der früher als Ausdruck westlicher Dekadenz galt. Manager Shingo Hashiguchi ist Experte im «omiai», der Partnervermittlung.

Im traditionellen Noh-Theater werden Masken getragen, Gefühle werden mit langsamen Bewegungen ausgedrückt. Patrick Rohr erlebt in Osaka die völlige Hingabe des Maskenschnitzers Yasuo Miichi, der erst nach 15 Jahre Ausbildung seine erste Maske fertigen durfte, und die Leidenschaft der Künstlerfamilie Kongo, die in der 26. Generation ein Theater führt. Noh ist beeindruckend, die Wirkung hypnotisch, aber für Patrick Rohr nur schwer zu verstehen.

Auf der Insel Okinawa verdient Reporter Rohr Essen und Unterkunft bei Familie Yamagami - mit dem Schneiden von Unkraut bei feuchter Hitze. Beim Nachtessen erfährt er den Grund der doppelten Diskriminierung Okinawas: Das früher eigenständige Königreich wird seit der Annektierung durch Japan vom Festland als Provinz zweiter Klasse behandelt. Und seit dem Zweiten Weltkrieg sind zwei Drittel der amerikanischen Militärbasen in Japan auf Okinawa stationiert.

Gegen die US-Militärpräsenz regt sich Widerstand - Protest in einem Land, wo sonst kaum jemand öffentlich die eigene Meinung kundtut. Fotojournalist Rohr beobachtet eine Demo, die von der Polizei aufgelöst wird, sehr höflich, japanisch eben.

Im Dorf Ogimi leben die ältesten Menschen der Welt. Patrick Rohr besucht die 93-jährige Hana Miyagi. Jeden Tag arbeitet Hana im Garten, pflegt ein aktives Sozialleben und isst das gesunde Gemüse Goya. All das trägt zur langen Lebenserwartung bei. «Hara hachibu», lacht die fröhliche Mutter von zehn Kindern: Füll den Bauch nur zu 80 Prozent!

Auf der südlichsten Kleininsel Ishigaki erzählt der sympathische Bootsbauer Tomohiro Yoshida, warum er dem krankmachenden Tokio entflohen ist und wie er mit seiner Familie hier das subtropische Paradies gefunden hat. Nach dem gemeinsamen Schnorchel Ausflug findet Patrick Rohrs grosses Japan-Abenteuer ein erkenntnisreiches Ende beim Lagerfeuer mit Tomohiros Familie - leben statt überleben, und so tieferes Glück finden.

Sendedaten:
© srf_Reto VetterliLupeFokus Japan:

Dienstag, 3. Juli 2018
ab 16.45 Uhr

Interview mit Patrick Rohr
© srf_Reto VetterliLupeWas fasziniert dich an Japan?

Mich berühren die Menschen, die alles, was sie tun, mit grosser Hingabe tun. Selbst Arbeiten, die wir als wenig inspirierend betrachten, wie zum Beispiel das Putzen eines Zugs. Ich bin begeistert von den wunderschönen, friedlichen Landschaften, den vibrierenden Mega-Cities, den stillen Tempeln, der sehr feinen und leichten Küche. Es sind die Gegensätze in diesem Land, die mich faszinieren – und immer auch wieder irritieren.

Du wolltest hinter das Lächeln schauen, hinter dem «öffentlichen Gesicht» auch das private kennenlernen. Wie bist du dabei vorgegangen?

Ich stellte auf einer ersten, privaten Reise vor eineinhalb Jahren fest, dass es nicht so einfach ist, Japanerinnen und Japaner wirklich kennenzulernen und sie zum Beispiel bei sich zuhause zu besuchen. Mir war klar, dass es für dieses ambitionierte Projekt – Japan hinter dem «öffentlichen Gesicht» zu zeigen – ohne ein gutes Netzwerk unmöglich sein würde, an die Menschen heranzukommen. Als Erstes kontaktierte ich in der Schweiz einen Halb-Japaner und eine Halb-Japanerin, die uns wertvolle Kontakte vermittelten. Reto Vetterli, der die Sendereihe «Fokus Japan» produzierte, spannte dann auch noch Fernsehkorrespondent Thomas Stalder in Tokio ein, der uns mit seinem Mitarbeiter Ali Dib zusammen ebenfalls unterstützte. Und schliesslich halfen uns noch die zwei Stringerinnen Toyo Tahara und Hinako Arao – das sind Leute, die für Journalisten vor Ort alles regeln – mit ihren Kontakten, an sehr spannende Leute zu kommen. Und ja, als wir vor Ort waren, passierte es sogar ab und zu, dass wir Menschen kennenlernten, die uns einfach so zu sich nach Hause einluden. Ich bin mit dem Resultat also mehr als zufrieden!

Nicht nur fotografieren und erleben, sondern auch verstehen, das war dein Ziel. Wo bist du mit deinem Verständnis an Grenzen gestossen?

In Japan gibt es gefühlte tausende Regeln und ungeschriebene Gesetze, die auf uns sehr fremd wirken. Im Nachhinein verstehe ich aus dem Kontext heraus die meisten, und ich respektiere sie auch. Aber es gibt immer noch Situationen, in denen ich nicht verstehe, warum ich etwas tun sollte, wenn es doch viel einfacher oder anders auch ginge. Aber man hält sich in Japan an die Regeln, egal, ob sie logisch sind oder nicht. Da sind wir Schweizer, die wir uns schon vor Jahrhunderten gegen eine Regel, wie einen Hut auf einer Stange zu grüssen, aufgelehnt haben, etwas anders gewickelt (lacht).

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es ist schwierig, aus den vielen Erlebnissen, die mich vom Megamoloch Tokio in die verschneiten Berge und auf die tropischen Inseln im Süden brachten, das eindrücklichste herauszupicken. Aber was mich nachhaltig beschäftigt, ist der Besuch in Onagawa, einer Stadt im Norden, die vom Tsunami komplett zerstört wurde. Auch sechs Jahre nach der Katastrophe leben noch immer Menschen in kleinen Containern und warten, bis die neuen Häuser fertig gebaut sind. Ich glaube, da hätten wir weniger Geduld.