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Es ist Zeit, sich Sorgen zu machen (und zu handeln)
Superkeime nehmen zu
An multiresistenten Bakterien, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt, sterben schon jetzt jedes Jahr in Europa mindestens 25 000 Menschen. Die WHO spricht von der vielleicht grössten globalen Bedrohung dieses Jahrhunderts. Die Zeit der Antibiotika scheint abgelaufen, aber noch gibt es kaum valable Alternativen. 3sat online stellt einige davon vor. Und sagt.....
Was jeder einzelne von uns tun kann
  • Kritisch sein und Fragen stellen! Mit seinem Arzt reden und ruhig fragen, was für Medikamente sie kriegen und ob Antibiotika wirklich nötig seien.
  • Antibiotika so einsetzen, wie der Arzt es verschreibt. Nicht aufhören, weil man keine Symptome mehr hat.
  • Keine geplanten Operationen in ausländischen Spitälern.
  • Nach Reisen ins Ausland: Vergangene Reiseziele angeben, wenn man krank wird.
  • Kaufen Sie Ihr Fleisch wenn möglich da, wo der Landwirt grossen Wert auf das Tierwohl legt.
  • Verwenden Sie für Hühnchen kein Schneidebrett aus Holz.
  • Waschen Sie Gemüse zum rohen Verzehr gut und lassen Sie es nicht mit rohem Fleisch in Berührung kommen.
  • Leeren Sie keine Antibiotika in die Toilette, sondern bringen Sie sie zurück in die Apotheke.
  • Kaufen Sie Ihre Lebensmittel wenn möglich da, wo der Landwirt weniger intensive Landwirtschaft betreibt.
  • Lassen Sie sich gegen Grippe impfen.

Auf der Suche nach neuen Antibiotika
© dvorburger
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Prof. S. Harbarth, Infektiologe, an der "Zukunftsdebatte" der NZZ
Bereits in den frühen 70er Jahren warnten Wissenschafter und Ärzte vor möglichen Antibiotika-Resistenzen.
Viel, sehr viel wurde in den vergangenen Jahrzehnten geredet. Gehandelt wird jetzt immer öfter, denn es ist 5 vor 12.
Es gibt ganz verschiedene Ansätze:
Neue Antibiotika suchen und finden ist eine Möglichkeit, die immer öfter in der Sackgasse endet. Denn die neuen Antibiotika sind meist "Cousins und Cousinen" der bereits bekannten. Und deshalb dauert es auch nicht lange, bis Bakterien auch gegen diese "Neuen" resistent sind. Und trotzdem herrscht unter den Pharmafirmen bereits wieder eine Goldgräberstimmung.....
Professor Stephan Harbarth, Infektiologe, im Video dazu.

Phagen - die neue (alte) Geheimwaffe?
© srf So sehen Phagen unter dem Mikroskop aus.
So sehen Phagen unter dem Mikroskop aus.
Auf der Suche nach alternativen Therapiemöglichkeiten richten die Forscher ihre Aufmerksamkeit vermehrt wieder auf die Phagentherapie. Bakteriophagen (Phagen vom griechischen phagein für «fressen») sind Viren, die sich in Bakterien vermehren und dabei ihren Wirt zerstören. Sie kommen überall in der Natur vor, umfassend entsprechend viele Arten, greifen jeweils aber immer nur eine bestimmte Bakterienart an.

Gezielter einsetzbar als Antibiotika
Diesen Wirkmechanismus macht sich die Phagentherapie zu Nutze, indem die Viren gezielt gegen krankmachenden Bakterien eingesetzt werden.
«Im Gegensatz zu Antibiotika zerstören Phagen dabei nur die problematischen Keime und verschonen die für den menschlichen Organismus nützlichen Bakterien», erklärt Martin Loessner, Mikrobiologe an der ETH Zürich und einer der führenden Phagenforscher in der Schweiz.

Dieser Therapieansatz wurde bereits 1917 vom Französisch-Kanadier Félix d’Herelle in Paris entdeckt. In den folgenden Jahren wurden Phagen mit unterschiedlichen Erfolgen gegen Typhus, Cholera, Ruhr, eitrige Infekte und Harnwegsinfektionen eingesetzt.

Durch die Entdeckung der Antibiotika Ende der 1930er-Jahre geriet die Phagentherapie jedoch wieder in Vergessenheit. Denn mit den Antibiotika hatten die Mediziner nun ein einfach herzustellendes und äusserst wirksames Medikament gegen die meisten Infektionskrankheiten zur Hand.

Aus der Not geboren
Einzig im früheren Ostblock, wo der Zugang zu Antibiotika schwieriger war, wurde der Therapieansatz in den letzten 60 Jahren weiterhin erforscht und betrieben. Noch heute bietet beispielsweise das Eliava-Institut in Georgien Phagentherapien unter anderem gegen chronische Harnwegsinfektionen, chronische Sinusitis oder chronisch entzündete Wunden an.
In Tiflis lagert die weltweit grösste Phagensammlung der Welt. Denn für medizinische Behandlungen müssen die Forscher die jeweils passenden Phagen aus der Umwelt isolieren, im Labor vermehren und zu einem Arzneimittel verarbeiten. Die Georgier sprechen bei ihren Behandlungen von einer Erfolgsquote von über 95 Prozent, auch bei antibiotikaresistenten Keimen. Diese Erfolge sind jedoch nur ungenügend dokumentiert.

Liposome - Kugeln gegen Keime
© srf
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Liposome - kleine Kügelchen aus Fettproteinen- sollen mehrfach resistente Bakterien gezielt angreifen, oder genauer: die Giftstoffe, die die Bakterien produzieren.
Forschungsleiterin Dr. Annette Draeger von der Universität Bern: "Ziel ist es, die Toxine (Giftstoffe) zu neutralisieren. Damit schützen wir Immun- und andere Zellen. Die Immunzellen töten dann die Bakterien, ohne dass man Antibiotika einsetzen muss."

Noch immer wird diese neue Methode in klinischen Studien untersucht. Definitve Resultate sollen im ersten Quartal 2018 vorliegen. Samareh Azeredo da Silveira Lajaunias, Direktorin der Herstellerfirma, sieht gute Chancen, dass ihr CALO2 zum Standard in der Pflege schwer infektionskranker Patienten werden könnte.

Die Antibiotika-Menge verkleinern
Ein Forscherteam der ETH Zürich sieht drei Wege, wie man den Antibiotika-Gebrauch weltweit senken könnte:
1. Den Fleischkonsum verringern.
Wenn wir von heute durchschnittlich 260 Gramm Fleisch pro Tag auf immer noch 165 Gramm runtergehen, würden wir den Antibiotika-Verbrauch um mehr als 20 Prozent verkleinern.
ABER: Momentan läuft der Fleischkonsum in eine andere Richtung. Es wird immer mehr Fleisch konsumiert.

2. Eine Obergrenze setzen von 50mg Antibiotika pro kg und Jahr (bei den Schlachttieren)
Weltweit gibt es noch keine festgelegte Obergrenze! Die Studie verspricht sich eine Antibiotika-Reduktion um 60 Prozent.

3. Steuern auf Antibiotika für die Viehzucht erheben
Die Idee dabei: Antibiotika derart zu verteuern, dass sich sowohl Bauern wie auch Tierärzte gut überlegen, wo sie Antibiotika einsetzen.

Laut Teamleiter Thomas Van Boeckel wäre eine Kombination aller drei Massnahmen die effektivste Lösung: So liesse sich die Antibiotika-Konsumation um 80 Prozent reduzieren.


Sendedaten
18.10.2017, 20.15h:
Unsere Zukunft (1/4): Besiegen wir die Superkeime?
Info
LupeWie die Schweiz handelt
Info
Internationale Programme
Eine Auflistung diverser internationaler Programme gegen Antibiotika-Resistenz.
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