© REUTERS Marko Djurica
Briefe aus irren Ländern
Autorinnen und Autoren verstehen ihr Europa nicht mehr. Im Krisenjahr 2016 schrieben sie einander deshalb Briefe. Diese sind jetzt in einem Buch erschienen – und sie haben Leben verändert: so auch diejenigen der Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert und der französischen Literaturredakteurin Cécile Wajsbrot.
Es war das Netzwerk der Literaturhäuser, das die Initiative startete. Es forderte 14 deutschsprachige Autorinnen und Autoren auf, ein Jahr lang in Briefkontakt zu treten mit einem anderen Schreibenden in Europa. "Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? Was daran droht zu zerbrechen?"

Der daraus entstandene dicke Band trägt eine Europa-Grafik auf dem Cover, auf der die Grenzen zwischen den Ländern kaum zu erkennen sind. Dafür gehen etliche Pfeile von den deutschsprachigen Ländern aus und reichen nach Frankreich und Albanien, Mazedonien und Schottland, bis in die Türkei, nach Russland und Israel. Die Vision eines intensiven politischen Austauschs über Grenzen hinweg ist hier auf beeindruckende Art realisiert.

Bevor Ece Temelkuran aus der Türkei zu einer Lesereise nach London aufbricht, fragt sie ihren deutschen Kollegen Björn Bicker, ob es Ausländer überhaupt interessiere, wie Menschen in der Türkei mit Traumata umgehen. Sie befürchtet, ihr Land sei nun in der "Kategorie der irren Länder gelandet, in denen alles Mögliche geschehen kann."

Die Not spüren
Aber egal, wo in Europa sie wohnen: Alle sind in diesem Jahr 2016 alarmiert und besorgt; alle suchen sie nach Worten und bekräftigen die Dringlichkeit von Gespräch. Und immer wieder verschlägt es ihnen auch die Sprache.

Als die Berliner Schriftstellerin Annika Reich ihre Korrespondenz mit der Israelin Zeruya Shalev begann, steckte sie gerade in einer Krise. Sie hatte ein Jahr lang das Schreiben zurückgestellt, um stattdessen Flüchtlingen beim Ankommen zu helfen, hatte sogar einen Verein gegründet.

Dann geriet sie aber selbst in eine Art Zusammenbruch, erlebte den "Verlust der Selbstgewissheit" Europas so am eigenen Leib, dass sie nicht mal mehr U-Bahn fahren konnte.

Sie habe zwar auch vorher um die Schattenseiten unseres europäischen Wohlstands gewusst; über strukturellen Rassismus und Zusammenhänge der Ausbeutung. Aber gespürt habe sie das alles erst, als sie sich konkret und tagtäglich mit geflüchteten Menschen und ihrer Not konfrontierte. Sie schreibt: "Die Festung Europa ist ein Zusammenbruch."

Heilende Brieffreundschaft
Im Gespräch führt sie aus: "Menschen ertrinken an unseren Aussengrenzen und wir halten an unseren humanistischen Ideen fest; nehmen sie weiter für uns in Anspruch." Das einzige, was sie in dieser Zeit geschrieben habe, seien die Briefe an Zeruya Shalev gewesen. Von dieser fühlte sie sich im Verlust ihrer Illusionen ebenso verstanden wie im Versuch, sich dennoch zu engagieren.

Dieser Austausch, so Annika Reich, habe es ihr ermöglicht, den Schock über eine neue Wahrnehmung von Europa zu verarbeiten. Er habe ihr Schreiben und ihr Leben verändert.

Shalev schrieb ihr, dass sie als Israelin das Gefühl, in einem sicheren Land zu leben, ja gar nicht kenne. Schon viele Jahre habe sie das "absurde Gefühl, dass ich mich in Europa sicherer fühle als in meinem eigenen Land, das dazu gegründet wurde, den aus Europa geflohenen Juden Schutz zu bieten."

Vielleicht, so Annika Reich, liege Europas Hoffnung ja dort, wo man sich ein Scheitern des Wertesystems eingestehen – und sich da heraus neu erfinden müsse.

Dieser Artikel erschien zuerst auf srf.ch.

Auszüge aus dem Briefwechsel von Ruth Schweikert und Cécile Wajsbrot

Auch im Sammelband findet sich die Korrespondenz der Schweizer Schriftstellerin und Theaterautorin Ruth Schweikert mit Cécile Wajsbrot, Literaturredakteurin in Paris. In ihren Briefen geht um ein Europa, das allmählich zerfällt, um Mauern, die Brücken ersetzen, um ein menschenleeres Paris, um ein "Rechtsaussen" in der Schweiz und darum, was Hannah Arendt zu all dem sagen würde.

Zürich, den 7. Juli 2016
Liebe Cécile,

Unser Projekt nennt sich "Fragile“ – und ein zerbrechliches, fragiles, brüchiges Gebilde ist bekanntlich nicht nur Europa, sondern immer wieder auch das Leben selbst, das Leben des Einzelnen zumindest, eines einzelnen Menschen (...)

Zürich, den 9. Juli 2016
Liebe Cécile,

Dieser Brief kommt nicht vom Fleck; er stockt, wie mir der Atem zuweilen; kaum will ich weiterschreiben, anknüpfen an das, was ich in den letzten Tagen notiert habe – Auszüge etwa aus Hannah Arendts Lessingpreisrede 1959 in Hamburg, „Das dauernde Sprechen miteinander vereinigt erst die Bürger zu einer Polis. Denn menschlich wird die Welt erst, wenn sie Gegenstand des Gesprächs geworden ist“ – brechen mir die Sätze weg. „Schon wieder ein Attentat“, begrüsst mich unser achtzehnjähriger Sohn Ruben heute Morgen (15. Juli), bevor er mir Happy Birthday wünscht (...)



Paris, den 18. August 2016
Liebe Ruth,

Dein Brief ist gut angekommen; während ich ihn lese, strömen Tausende Gedanken auf mich ein, da man aber unmöglich alles sagen kann, will ich versuchen die verschlungenen Lianen ein wenig zu entwirren.
Wir leben in einer Epoche, in der die Ereignisse sich scheinbar überstürzen: Kaum ist ein Gedanke ausgesprochen, wird er vom nächsten Ereignis bereits widerlegt. Auf der Oberfläche der Welt ereignet sich seit jeher immer irgendetwas zu jedem Moment. Was sich jedoch seit der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg verändert hat, der unsere existenzielle und geistige Referenzgröße ist – Hannah Arendt, die Du zitierst, hat diese Welt gedacht, in dieser Welt gedacht – was sich jedoch verändert hat und vielleicht einen Übergang zwischen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem beginnenden 21. Jahrhunderts markiert, ist die Geographie der Ereignisse. Europa hat seit 1945 keinen Krieg gekannt – dies war der Sinn, das Ziel der Europäischen Union –, so zumindest ein weit verbreiteter Eindruck, der nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, denn schließlich hat es den Kalten Krieg gegeben – ich erinnere mich an meine Kindheit, in der wir in der ständigen Angst vor einem Dritten Weltkrieg gelebt haben –, die Niederschlagung des Arbeiteraufstands in Ostberlin im Jahr 1953, den Einmarsch der Sowjetarmee in Budapest im Jahr 1956, den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag im Jahr 1968, und dann die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Ganz zu schweigen von den Kolonialkriegen, in die England und vor allem Frankreich verwickelt waren. Man kann also schwerlich sagen, es hätte zwischen 1945 und dem Ende des Jahrhunderts in Europa universellen Frieden gegeben, aber davon abgesehen, dass diese Dinge nichts mit der riesigen Umwälzung zwischen 1939 und 1945 zu tun hatten, galt doch zumindest für das westeuropäische Gebiet und entsprechend für Frankreich, das ehemalige Westdeutschland oder die Schweiz (...)

Buchhinweis + Homepage
Netzwerk der Literaturhäuser (Hrsg): "Interessante Zeiten, könnte man sagen. Fragile. Europäische Korrespondenzen"
Wallstein, 2017
Ruth Schweikert
© KEYSTONE Ayse YavasLupeRuth Schweikert wurde 1964 in Lörrach geboren und ist in der Schweiz aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Zürich und ist als Schriftstellerin und Theaterautorin tätig. 1994 debütierte sie mit dem vielbeachteten Erzählungsband ›Erdnüsse. Totschlagen‹, es folgten die Romane ›Augen zu‹ (1998), ›Ohio‹ (2005) und ›Wie wir älter werden‹ (2015). Für ihre Arbeit wurde sie u.a. beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Bertelsmann-Stipendium (1994), mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1999), als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim (2015) und mit dem Solothurner Literaturpreis (2016) ausgezeichnet.
Cécile Wajsbrot
© Imago Christian ThielLupeCécile Wajsbrot, geboren 1954 in Paris, studierte Romanistik und Komparatistik an der Sorbonne, arbeitete als Französischlehrerin und Literaturredakteurin. Seit 1989 ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Zuletzt erschienen von ihr Totale Éclipse (Zyklus Haute Mer IV), dtsch Éclipse, 2016 und Une autobiographie allemande, 2016. Sie wurde u.a. mit dem Eugen-Helmlé Übersetzerpreis (2014) und dem Prix de l’Académie de Berlin (2016) geehrt.