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Lassen sich die Flüchtlinge wirklich integrieren?
Lassen sich die Flüchtlinge wirklich integrieren?
Flüchtlinge in der Schweiz - 4 Filme zum Thema
Wie gehen Herr und Frau Schweizer mit dem Thema "Flüchtlinge" um? Oder besser: Was machen die Eidgenossen mit den hier gestrandeten fremden Menschen? Vier Filme aus der Schweiz zum gleichen Thema, aber alle unter verschiedenen Aspekten. Und aus ganz unterschiedlichen Gegenden.
Neuland - Film von Anna Thommen
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Christian Zingg bereitet seine Integrationsklasse auf eine ungewisse Zukunft vor

Christian Zingg unterrichtet in Basel eine Integrationsklasse. Seine Schüler sind Jugendliche aus aller Herren Länder und sollen innerhalb von zwei Jahren Sprache und Kultur des Landes kennenlernen. Sie alle hoffen, ihre harte Vergangenheit hinter sich zu lassen, um in einem fremden Land neu zu beginnen.

Der 19-jährige Ehsanullah ist aus Afghanistan geflüchtet und kam mit dem Schlauchboot übers Meer und zu Fuss über die Berge in die Schweiz. Die albanischen Geschwister Nazljie und Ismail wiederum verliessen ihr Land nach dem Tod ihrer Mutter und wurden bei Verwandten aufgenommen.

Sie alle hoffen, ihre harte Vergangenheit und die teils traumatischen Schicksalsschläge hinter sich zu lassen und in der Schweiz ihre Träume leben zu können. Aber der Weg ist steinig, im fremden Land einen beruflichen Einstieg zu finden, wird nicht allen gelingen. Darüber macht sich Herr Zingg keine Illusionen und wird gleichwohl nicht müde, den Migrantinnen und Migranten den Glauben an sich selber und eine bessere Zukunft zu lehren. Aber je näher das Ende der zweijährigen Ausbildung rückt, desto drängender wird die Frage, ob es denn überhaupt einen Platz für sie gibt im neuen Land.

Beobachtend und einfühlsam zeigt «Neuland» die Realität der jungen Menschen in der für sie so fremden Kultur und wirft ein ungewohntes Schlaglicht auf die globalisierte, kriegerische Welt der Gegenwart. Dafür gab es am «Zurich Film Festival» 2013 ein «Goldenes Auge» für den Besten deutschsprachigen Dokumentarfilm.

Zum Beispiel Neftenbach - Film von Karin Bauer
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Der Asylchef von Neftenbach: Urs Wuffli betreut die Flüchtlinge fast rund um die Uhr

Kein Tag ohne neue Schlagzeile: «Flüchtlinge als Terroristen!» «Die Asylkosten treiben die Gemeinden in den Bankrott!» Wie aber sieht der Alltag wirklich aus: Lassen sich die neuen Nachbarn in Gesellschaft und Arbeitsmarkt integrieren? Und wie viel kostet das?

Zum Beispiel Siamand, 17 Jahre alt aus Syrien: Er lebt seit drei Jahren als anerkannter Flüchtling in der Schweiz. In der Schule bemüht er sich zu wenig. Plötzlich ändert Siamand sein Profil auf WhatsApp. Sein Bild zeigt jetzt einen Mann mit einem blutigen Messer und einem bedrohlichen Text. Was tun?

Zum Beispiel Semhar, 24 Jahre alt aus Eritrea: Die anerkannte Flüchtlingsfrau lebt seit 1,5 Jahren in der Schweiz, aber sie spricht kein Wort Deutsch. Deutschkurse will sie nicht besuchen, weil sie ihr Baby alleine erziehen muss. Auf das Asylgesuch des eritreischen Vaters des Kindes ist die Schweiz gar nicht erst eingetreten. Was ist mit unseren Gesetzen los.

Urs Wuffli: 62 Jahre alt, Sozialvorstand von Neftenbach im Kanton Zürich. Der pensionierte Fluglotse ist erst seit zwei Jahren im Amt. Er heisst die Flüchtlinge willkommen, aber er fordert sie auch. Schafft es der Asylchef, die 55 neuen Nachbarn zu integrieren, und wenn ja: Zu welchem Preis?

Karin Bauer ist in den Mikrokosmos von Neftenbach getaucht und hat den Puls des Landes gespürt: Die einen wollen helfen, die andern die Grenzen schliessen. Das Thema Asyl ist verpolitisiert, entweder ist man ein sogenannter Gutmensch oder ein Hardliner. Dieser Film will mit Kategorisierungen brechen. «zum Beispiel Neftenbach» zeigt ein ungeschminktes Bild vom Umgang mit den Flüchtlingen. Er zeigt die Probleme auf, diskutiert aber auch Lösungsansätze.

Willkommen in Losone - Film von Patrik Soergel
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Asylbewerber im Bundeszentrum in Losone

Die Tessiner Gemeinde Losone hatte viele Pläne: zum Beispiel ein Museum oder eine Sportarena mit Eisbahn. Die stillgelegte Kaserne San Giorgio sollte auf jeden Fall neu genutzt werden. Nur ein Plan wurde nicht so favorisiert: ein Bundeszentrum für Asylbewerber.

Als diese Pläne bekannt wurden, regte sich Widerstand: Unterschriften wurden gesammelt, Drohungen geäussert. 2014 wurde aus der Kaserne dennoch ein Bundeszentrum, die ersten Asylsuchenden zogen ein, und Dokumentarfilmer Patrik Soergel begann zu filmen– bei den Asylbewerberinnen und -bewerbern sowie im Dorf.

Die Eröffnung 2014 war auf vorerst drei Jahre beschränkt und fiel in eine Zeit, in der im Tessin in Sachen Migration eine Notsituation herrschte. Nun, über zwei Jahre später, haben sich über 4500 Asylsuchende kürzer oder länger in der ehemaligen Kaserne San Giorgio aufgehalten. Losone hat 6500 Einwohnerinnen und Einwohner. Der anfängliche Protest hat sich gelegt, doch nicht alle sehen die Asylbewerber ohne Argwohn.

Der Filmautor sucht ihre Nähe –die der Asylsuchenden und die der Dorfbewohner. Er trifft auf interessante und bewegende Geschichten, auf Nähe und Distanz. Ohne persönlich Stellung zu nehmen, fängt der Filmautor verschiedene Ansichten ein: Wie sieht die lokale Bevölkerung die Präsenz des Zentrums? Und wie nehmen die Asylbewerber das Leben ausserhalb des Zentrums und die Bevölkerung wahr? Die Kamera ist auch dabei, als sich einige Menschen aus Losone mit jenen aus aller Welt zu begegnen beginnen, miteinander spielen, essen und reden. Und man merkt, dass diese Begegnungen ein Gewinn sind, für beide Seiten.

Erhan, der Schweizermacher - Reportage von Kathrin Winzenried
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Lehrmeister Erhan Erman versammelt seine Lernenden regelmässig zur gemeinsamen Prüfungsvorbereitung.

Erhan Erman ist der Chef des Quartierladens in der Zürcher Grünau, einem einst berüchtigten Viertel in der Stadt Zürich mit hohem Ausländeranteil. Hier lebt der eingebürgerte Schweizer vor, wie man erfolgreiche Integrationsarbeit macht.

«Ich sage meinen Verkäuferinnen im Laden immer: Die Kunden dürfen in ihrer Muttersprache mit euch reden, ihr aber gebt ihnen auf Deutsch Auskunft.» Das ist einer der Grundsätze von Erhan. Und es gibt deren viele, die dem Secondo (Angehöriger der zweiten Generation von Zuwanderern) wichtig sind, damit das Zusammenleben verschiedenster Kulturen auf engstem Raum funktioniert.

Erhan Erman wuchs im Glarnerland als Kind türkisch-bulgarischer Fabrikarbeiter auf. Der heute 35-Jährige hat einen weiten Weg hinter sich. Eigentlich wollte er Banker werden, doch kriegte er keine Lehrstelle. Also entschied er sich für den Detailhandel. «Eidgenössisch diplomierter »Büchsenbeiger« wollte ich nie werden. Und jetzt bin ich glücklich dabei.»

Seit ein paar Jahren ist er Geschäftsführer der «Migros Voi» in der Grünau in Zürich. Als wäre dieses multikulturelle Umfeld nicht schon Herausforderung genug, setzt er auf Lehrlinge, bei denen meist schon einiges im Leben schief gelaufen ist. «Wer gibt diesen jungen Menschen sonst eine Chance?» Das sei sein Beitrag zur Integration, sagt der SVP-Sympathisant Erman. Und so lernen sie bei ihm, wie so banale Dinge wie Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit zum Erfolg führen können. Reporterin Kathrin Winzenried hat ihn und zwei seiner Schützlinge auf dem Weg zum Lehrabschluss begleitet.


Sendedaten
Montag, 20.03.2017:
22.25h:Neuland
Dienstag, 21.03.2017:
22.25h: Zum Beispiel Neftenbach
23.15h: Willkommen in Losone
00.05h: Erhan der Schweizermacher
Info
Gelungene Integration
Dass Integration gelingen kann, zeigt das Beispiel der Italiener in der Schweiz. Ein Interview mit Migrationsforscher Gianni D'Amato.