© SRFPlayground Media Productions AG_Rebecca Panian
Ganze Sendung ab 29.11.16 Ganze Sendung ab 29.11.16
Tom, Anfang 50, krebskrank, verspielt und nicht verzweifelt
"Zu Ende leben" war der Anfang
Es klingt paradox: Durch den Krebstod ihres Vaters begann für die 33-jährige Schweizerin Rebecca Panian ein neues Leben. Als Regisseurin. Ihr Dok-Erstling über den krebskranken Tom wurde zum Seelen-Berührer. Und Publikumsliebling am Zürcher Filmfestival. Ein Film über das echte Leben, mit dem Tod im Nacken.
Vor mir sitzt eine zarte junge Frau. Sie lacht viel. Versprüht Charme.
In ihren Augen spiegelt sich das Leben.
Die Regisseurin Rebecca Panian ist über Umwege zu ihrer grossen Passion, dem Film, gelangt. Sie lernt erst mal "was Richtiges". Schriftenmalerin. Das exakte Arbeiten schärft ihre Sinne.
Aber Panian spürt, dass da noch mehr ist, in ihr. Sie liebte es schon immer, Geschichten zu erfinden, sie auszumalen.

Nach der Ausbildung und diversen Praktika lässt sie sich als Redakteurin auf das Experiment "Big Brother" ein.
Schon sind wir mittendrin. Man kann Panians Brennen für die Sache spüren:
"Von Big Brother kann man halten was man will. Ich werde für diese Erfahrung ewig dankbar sein, weil die Arbeit bei mir die Passion für das Geschichten erzählen mit bewegtem Bild ausgelöst hat. Ab da habe ich jeden Sonntag in einem Buch über Drehbuch-Schreiben gelesen und das ganze Buch zusammengefasst."

Rebecca Panian dreht ihren ersten Kurzfilm, realisiert mit Freunden in einem Hotel. Er ist "die beste Erfahrung, die ich bis dato gemacht hatte. Nach Drehschluss auf der Heimfahrt habe ich gleichzeitig geweint und gelacht. Es war unbeschreiblich. Ab da wusste ich: Das ist es, was ich in Zukunft machen will!"

Laaangweilig!
So kanzelt ein der Chef ihres nächsten Praktikums den Kurzfilm ab. Jemand anderes hätte ernüchtert aufgegeben. Nicht so die junge Schweizerin. "Im Gegenteil: Ich wollte besser werden!"


Und dann kam Tom.
Tom mit seiner Mutter
Tom mit seiner Mutter
Tom: der einzige Name, den Panian von einem befreundeten Arzt erhält. Tom ist auch die einzige Person, die die Jungregisseurin für ihr Dokumentarfilmprojekt trifft.
"Es hat einfach sofort gepasst - fast schon magisch."

Es braucht keine Überwindung, Tom so nah, fast schon intim, zu filmen.
Panian: "Ich hab es einfach gemacht. Habe gespürt, dass es für ihn OK ist. Dadurch, dass meistens nur ich gefilmt habe, war alles sehr locker und flexibel. Nicht erst noch 10 Scheinwerfer umbauen oder ähnliches. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden. Das blieb so, bis zuletzt".

Die Nähe zwischen Protagonist und Filmemacherin bleibt auch nach Abschluss der Dreharbeiten bestehen. Sie trifft ihn einige Male zum Billardspiel. Mit seiner Familie, seinen Freunden. Ihr kann er anvertrauen, was ihn bewegt.

Tom ist in der Zwischenzeit verstorben.


Über den Tod reden!
Die Menschen, die den Film gesehen haben, gehen auf Panian zu und erzählen ihr, dass sie nach Hause gegangen sind und mit ihrer Familie über den Tod geredet haben.
"Genau deshalb habe ich den Film gemacht!" strahlt Panian.

"Meine Intention war es nicht, dem Rätsel des Todes auf die Spur zu kommen. Mein Ziel war es, Menschen zu ermuntern, den Tod wieder ins Leben zu lassen, ihn zu akzeptieren. Denn nur im Angesicht des Todes wird das Leben wertvoll. So ist es zumindest für mich. Seit dem Tod meines Vaters lebe ich viel mehr im Jetzt und im Bewusstsein, dass meine „Normalität“ sehr schnell ändern könnte. Unglaublich schnell. Und – ich bin viel dankbarer für alles, was gut ist in meinem Leben und rege mich weniger (lange) auf über Dinge, die in nicht so laufen wie geplant. Tief durchatmen, weitermachen."

Abschied und Neuanfang, Trauer und Freude
Zurecht gewinnt "Zu Ende leben" den Publikumspreis des Zurich Film Festivals. Was folgt, ist viel Lob. Und dann? Fällt sie in das berühmte Loch, in das jeder Filmemacher fällt, wenn sein "Baby" flügge geworden ist?
"Ich kenne diese Löcher auch, und mittlerweile heisse ich sie willkommen und lasse sie einfach Loch sein. Es ist schmerzlich, wie jeder Abschied aber gleichzeitig auch wunderbar, weil ich alles Revue passieren lassen und mich über all das freuen kann, was war, ist und noch sein wird."

Reife Worte. Und: Als Neuling im "Filmkuchen" sieht sie ihre Situation realistisch:
"Früher brauchte man (noch mehr) Geld und teure Ausrüstung, um überhaupt einen Film drehen zu können. Dafür gab es weniger Filme. Heute kann man mit relativ kleinem Geld Filme drehen, dafür gibt es unglaublich viele davon. Für mich ist diese Arbeit keine Arbeit, es ist mein Leben. Ich bin ein Emotionsjunkie (lacht). Ich führe aktuell das Leben, von dem ich immer geträumt habe – wenig Geld zwar, aber dafür unglaublich glücklich mit dem, was ich tue, und stolz darauf, wer ich geworden bin."

Sendedaten
Montag, 28.11.2016, 22.25h
Zu Ende leben
Dokumentarfilm von Rebecca Panian
Info
© srfLupe
In Kürze
© GiannipisanoLupeRebecca Panian
Gelernte Schriftenmalerin. Studium Journalismus und Organisationskommunikatio an der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft) .
Master Spielfilmregie an der ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste).
Gewinnt mit 'Zu Ende leben' am Zurich Film Festival 2014 den Publikumspreis.
Heute Filmverantwortliche an der ZHAW in Teilzeit. Schneidet momentan an einem neuen Kurzfilm, schreibt ein Drehbuch zu einem Spielfilm ('Touch Screen') und an einem Episodenfilm ('For the first Time'). Lebt in Berlin und Zürich.