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Mittwoch, 24. Juni
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Amira Hafner-Al Jabaji macht sich auch innerhalb ihrer Familie stark für den Dialog zwischen den Religionen.
"Du bist doch auch eine verkappte Islamistin!"
Wie erleben eigentlich Schweizer Muslime die angespannte Lage in ihrem Land? Zum Beispiel die Journalistin Amira Hafner-Al Jabaji: In der Schweiz geboren. Mutter, Moderatorin, Muslimin. Die studierte Islamwissenschaftlerin spürt eine zunehmende Radikalisierung. Auf beiden Seiten. Und befürchtet, dass sich die nicht mehr aufhalten lässt.
„Du bist doch auch eine verkappte Islamistin!" Seit den Anschlägen in New York nimmt sie zu, die Islamophobie. Amira, 45, TV-Moderatorin und –Journalistin, unverschleiert, adrett gekleidet, muss sich immer öfter solche Sätze anhören. „Die Unsicherheit in unserer Gesellschaft ist eine der Ursachen. Orientierungslosigkeit weckt Urinstinkte. Angst zum Beispiel.“

Simplifizierung
Ängste werden aber auch geschürt „durch die Simplifizierung der Sprache“, weiss Amira. „Denn wo Zeit und Platz fehlt, etwas genauer zu erklären, da wächst Unwissen und Angst.“ Sie fügt hinzu: „Scharia (das sogenannte islamische Recht) ist ein typisches Beispiel: Viele wissen wenig. Und keiner hat Raum und Zeit, sich genauer damit zu beschäftigen.“

Amiras Eltern: Der Vater Muslim, die Mutter protestantisch, konvertiert mit über 40 zum Islam. Aufgewachsen auf dem Land - in der weit und breit einzigen muslimischen Familie - wird sich Amira schnell bewusst: „Wir sind anders. Wir feiern andere Feste. Halten das Fasten im Ramadan ein." Und trotzdem fühlt sie sich nie als Aussenseiterin. "Aber ich war immer im ´Dazwischen´. Heute sage ich: Ich bin sowohl-als-auch!“

Schon in Amiras Jugend pflegt die Familie Al Jabaji den Diskurs. Amira will ihrer Religion auf den Grund gehen. Studiert Islamwissenschaften und trägt mit einem interreligiösen Think-Tank zur Kommunikation zwischen Christen, Juden und Moslems bei.

Tabuisierung
Amira heiratet einen Schweizer Katholiken (der formal zum Islam konvertiert). Ihre drei Söhne wachsen im islamischen Glauben auf. „Sie gehen unterschiedlich mit dem wachsenden Misstrauen auch unter Freunden um“, so Amira, „der eine verdrängt, der andere muss diskutieren. Und sie sind verunsichert über all das, was da via Medien zum Thema Islam auf sie einwirkt.“

Amira spürt sowohl in der Familie wie auch im Freundeskreis, wie Religion als Thema immer häufiger umschifft wird. „Religion an sich und der Islam im Speziellen kriegen etwas Anrüchiges!“

Oder aber Amira wird gleich ungeniert gefragt, wie sie heute noch Muslimin sein könne.
"Das tut weh.“

Polarisierung
Amira ist Muslimin aus Überzeugung. Nicht erst seit sie beim Schweizer Fernsehen die „Sternstunde Religion“ moderiert, kriegt sie die Emotionen von Herrn und Frau Schweizer mit und ab.
Da ist viel Wohlwollen und Unterstützung. Sie erhält aber auch hässliche anonyme Post mit islamophoben Inhalten. Sie selbst sieht sich öfters von allen Seiten unter Druck. „Den einen bin ich zu konservativ. Den andern zu liberal.“ Diese Polarisierung treibt Amira um: „Genau deswegen muss ich weiterhin frei reden können.“

Radikalisierung
Die gegenwärtige Diskussion rund um den Islam bereitet Amira oft Bauchschmerzen: „Die Radikalisierung auf BEIDEN Seiten ist nicht aufzuhalten.“ Hat sie denn schon aufgegeben?

„Nein, noch bin ich nicht ganz sprachlos. Eher hilflos.“ Aber Amira ist nicht tatenlos. Sie baut weiterhin Brücken zwischen den Religionen. Mit ihrem Think-Tank. Mit Vorträgen, Diskussionsrunden. Und dies, obwohl der Boden immer steiniger wird. Dazu beigetragen hat auch der "Islamische Staat" (IS). Amira, sec: „ Der IS ist so religiös wie Hitler demokratisch war!"

Notiz am Rande: Seit sechs Jahren erhält Amira Hafner-Al Jabaji anonyme Briefe. Inzwischen sind es über 150. Von der immer gleichen Person. Darin kleben negative Zeitungsssauschnitte, den Islam betreffend.
Nach anfänglicher Angst und Wut dreht Amira das Ganze ins Positive: Sie berechnet den Materialwert jedes einzelnen Briefes und spendet diesen Wert. An ein Hilfswerk.

Sendedaten
© srfVideo22.02.2016, 22.25h
Wie der Krieg nach Europa kam
Amira Hafner-Al Jabajis 10 Tipps
Gegen die Ängstlichkeit
1. Sich aus verschiedenen Quellen informieren (es gibt hunderte von neutralen Webseiten mit vertiefender Information).
2. Zuhören. Aber nicht nur.
3. Mund aufmachen. Aber nicht gegenreden.
4. Rückfragen: zB bei Pauschalverurteilung: „Kennst du persönlich so einen Muslimen/Christen?“ „Was für Erfahrungen hast du gemacht?“
5. Sachebene verlassen, auf der persönlichen Ebene fragen, zB: „Weshalb erzählst du mir das?“ Oder: "Wie berührt das Thema denn dein Leben konkret?"
6. Begegnung schaffen: Das Gespräch mit Andersgläubigen, Andersdenkenden suchen.
7. Diskutieren. In der Diskussion bleiben; wenn sie zu verhärten droht auf der menschlichen Ebene bleiben, Verhärtung aufweichen. Humor ist dabei oft hilfreich.
8. Nach positiven Erlebnissen, Erfahrungen suchen und von diesen berichten.
9. Sich selber eine Meinung bilden.
10. Sich bewusst werden: Radikalisierung beginnt bereits bei jeglicher Herabwürdigung eines Menschen.
Info
© srfDer Interreligiöse Think-Tank
Amira Hafner-Al Jabaji ist Mitbegründerin des Interreligiösen Think-Tanks, der den Dialog zwischen den Religionen fördern will.