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Mittwoch, 24. Juni
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Szene aus dem Film: Alessandro Stambene trainiert täglich, eisern. Auch während seiner Ferien.
Body-B(u)ilder - Kunst, Können oder Kinderei?
Fitnesscenter sind die neuen Tempel des Glücks. Junge Männer und Frauen verbringen darin täglich zig Stunden. Um ihren Körper zu formen, zu gestalten. Manchmal geht dieser Fitness- oder Bodybuilding-Wahn weit. Vier junge, schöne Schweizer Frauen sinnieren über Sinn und Sucht.

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Macht Fitness schön? Und intelligenter? Eine muntere Diskussion entspinnt sich.
Sophie ist 19 und perfekt. Eine Schönheit. 90-60-90, das Mass aller Dinge (respektive Traum-Frauen). Aber Sophie ist nicht zufrieden. Die Single-Frau schaut sich Fotos von Jungs an. Nur eine Zehntels-Sekunde braucht Sophie, um zu entscheiden. Meistens gegen den Typen. "Zu schmal, zu bleich. Zu langweilig, zu picklig. Zu wenig schön!" Gnadenlos.


Gretel, in Ausbildung zur Maurerin, ist ebenfalls attraktiv. Etwas schlanker vielleicht, mit apartem Gesicht. Und Loretta, die kann essen, was sie will. Die Gymnasiastin verliert nie die Form. Sie ist eigentlich ganz zufrieden mit sich. Die drei Freundinnen gehen (noch?) nicht ins Fitness…

Anders Selina. Die dunkelhaarige Kauffrau war manchmal ziemlich eifersüchtig auf ihre schönen Freundinnen. Seit sie ins Fitnesstraining geht, hat sich die Eifersucht gelegt. Sie hat mehr Selbstbewusstsein, sagt sie.

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Sie reden Tacheles: Vier 19-jährige Schweizer Frauen mögen keine Männer, die nur von ihrem Körper und dessen Ernährung reden.
Wenn sich die vier jungen Frauen treffen, ist das Aussehen oft ein Thema. Wie wirke ich? Was müsste ich an meinem Körper ändern, um noch attraktiver zu werden?
Besonders beschäftigt sie, dass der Druck zunimmt, auch ins Fitness gehen zu müssen. Selina zeigt, wieviele Fitness-Seiten es auf Facebook gibt. „FitnFemale“, „Fitnessmagnet“, „Fitness Schönheiten“, „Fitness Junkie“: Die Liste ist endlos. Alle zeigen sie muskelbepackte Fitnessfreaks. Männlein und Weiblein. Viele Freunde der jungen Frauen posten Fotos ihrer gestählten Körper.

Was sagt ein Gesellschafts-Philosoph zu dieser Entwicklung? Philipp Tingler, in Zürich lebender Autor und Philosoph aus Berlin, sieht einen noch nie dagewesenen Druck, ein attraktives Erscheinungsbild abgeben zu müssen. Und zwar für Frauen wie neu auch für Männer:
„Noch vor 20 Jahren war es total akzeptabel, dass Männer über 45 Jahren in Führungspositionen einen Bauch hatten. Das waren dann „Männer in den besten Jahren“. Dieses Konzept gibt es heute nicht mehr."

Körperbildung gibt es seit langem. Schon die Griechen priesen die Athleten. „Aber“, so Tingler, „die alten Griechen hatten ein anderes Ideal. Das war ganzheitlich. Also eine Einheit von Schönheit und Gutsein. Die alten Griechen verstanden das als wechselseitige Durchdringung von innen und aussen. Das heisst: Wer schön ist, ist auch gut. Und umgekehrt. Schönheit ist Ausdruck der moralischen Reifung einer Person."
Tingler weiter:"Heute ist von wechselseitiger Durchdringung nichts mehr zu spüren. Stattdessen haben wir es oft mit einer eindimensionalen moralischen Zuweisung zu tun. Man sieht jemanden, der nicht so attraktiv ist. Sofort entsteht der Rückschluss: Mit dessen Lebenswandel muss etwas nicht in Ordnung sein. Der ist nicht diszipliniert genug. Achtet nicht auf seine Ernährung. Es wird also ein moralisches Urteil gefällt anhand der äusseren Erscheinung.“

Wer drei Kilo zuviel wiegt, wird gemobbt!
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Unzählige Fitness-Seiten nicht nur auf Facebook boomen und rufen zu Disziplin auf
Die vier jungen Frauen beunruhigt, dass Vorurteile zunehmen. Wer schon drei Kilo zuviel wiegt, wird gemobbt. Sophie: „Manchmal realisiere ich, dass ich auch schon so denke. Dem kann man sich schwer entziehen“.

Für den studierten Ökonomen und Philosophen Tingler ist klar: Der Einzelne habe heute zwar viel mehr Optionen, stehe aber genau deshalb viel mehr in der Eigenverantwortung. Konnten einst Dinge wie zum Beispiel eine krumme Nase an das Schicksal delegiert werden, fragt man heute den Betreffenden, wieso er nichts dagegen mache. „Durch den Rahmen der technischen Möglichkeiten, aber auch durch die Körpermodifizierung, die sich heute (fast) jeder leisten kann, entsteht ein neuer Druck, tätig werden zu müssen“.

Damit nicht genug: „Das Paradoxe ist, dass wir heute auch durch die Medien vermittelt bekommen: Sei du selbst! Sei authentisch! Andrerseits wächst der Druck, Normen zu entsprechen, enorm."

Lieber einen gestylten Body als eine Freundin!
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Diesen Druck erlebt Selina in den Fitness-Zentren ganz konkret: "Da kämpfen Gnadenlos-Freaks gegen die, die das Ganze „nur“ hobbymässig betreiben!“ Lau trainieren, das sei nichts wert. Sophie entmutigt: „Ich lerne nur noch Jungs kennen, die dauernd ins Fitness rennen und über ihre Ernährung reden. Und die besteht aus Reis, Huhn und Protein-Zusatz!“

Loretta erzählt von Typen, denen Fitness wichtiger ist als eine Freundin. „Die sagen: Ein guter Body bleibt dir treu. Eine Freundin kann dich verlassen.“ Und Gretel weiss von siebenjährigen Kindern aus ihrer Nachbarschaft, die ihre Körperchen im Fitness stählen! Für Tingler ist diese Entwicklung nur eines: „Scary“!
Bereits 50% aller Jugendlichen gehen ins Fitness. Einige davon widmen ihren Muskeln ihr ganzes Dasein.

Philipp Tingler stellt fest, dass hier ein Element des Wettbewerbs das Training charakterisiert: Männer, die viel trainieren, vergleichen sich mit anderen Männern, die viel trainieren.
Und immer seltener scheinen sie den Frauen gefallen zu wollen (denn die mögen eigentlich zuviele Muskeln gar nicht!).
Tingler: „Dass Männer sich zunehmend mit ihrer Körperlichkeit auseinandersetzen müssen, hängt zum einen mit der Visualität unserer Popkultur, zum andern mit der Veränderung des Rollenbilds zusammen. Und auch mit dem Boom der New Economy: Die Manager-Kaste wird immer jünger. Der Körper wird zum Austragungsort für Leistung. Zum Schauplatz für eigene Triumphe. Ein kulturgebundenes Phänomen, typisch für die westliche Welt!“

Jugend heute: Alles selbstverliebte, fettfreie Muskelberge?
Die Frauenrunde ist sich einig: Männer trainieren, um Muckis vorweisen zu können. Den Frauen liegt eher körperliche Fitness am Herzen.

„Wir leben in einer sportifizierten Gesellschaft“, so Tingler. „Der Sport als Metapher im Sinne von Messbarkeit, Leistung, Wettbewerb.“ Im Training vergleichen sich die Jungs untereinander. Bei den Mädchen gehe es eben drum, fit, aber auch sehr schlank zu sein. Denn Dünnsein suggeriert: Ich bin zerbrechlich.

„Sicher ist: Wir leben in einer Zeit, in der das Bild das Wort dominiert“, sagt Tingler. „Sichtbarkeit ist das Wichtigste. Sichtbarkeit verschafft Resonanz und ist heute oft schon ein Symbol für Prominenz, im Sinne von „Celebrities“. Und so werden auch die trainierten Körper zur Schau gestellt, beschriftet mit Tattoos.“

Körper-Bildung ist auch Bildung…
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Kein Fitness-Wahn bitte, aber eine starke Schulter zum Anlehnen wünschen sich alle vier jungen Frauen.
In der Frauenrunde herrscht immer noch ein altes Vorurteil: „Body-Builder sind doch immer geistig unterbelichtet.“
Fakt ist: Wer heute schön ist und fit, dem werden per se Durchsetzungsfähigkeit und Selbstbewusstsein attestiert. Und der (die) verdient auch mehr. 5 -10% sind nachgewiesen!

Ein Ende der Fitnesswelle ist nicht abzusehen. „Heute“, so Tingler, „ist es auch für CEOs wichtig zu zeigen, dass sie körperlich in Schuss sind.“
Und doch: Noch immer gibt es unter Akademikern einige, die sich über die Fitness-Freudigen mokieren. Tingler - der selbst seit Jahren einen Personal Trainer hat - hält gar nichts von diesem vorschnellen akademischen Naserümpfen.
„Das Sichauseinandersetzen mit dem eigenen Körper und der eigenen Körperlichkeit ist per se überhaupt nichts Schlechtes, im Gegenteil.“
Loretta aus der Frauen-Runde kann sich vorstellen, dass der Mensch damit versucht, den Tod zu verdrängen.
„Das bezieht sich auf den Verlust von Transzendenz“, meint Tingler. Wenn es kein Jenseits mehr gebe, müsse alles ins Diesseits verlagert werden. Alle Erwartungen an das Dasein müssten hier und jetzt erfüllt werden. Das führe zu einer Kultur der Anstrengung.

Tingler: „Wir leben in einer wahnsinnig beschleunigten Welt, in der es wichtig ist, den allerersten Eindruck zu benutzen, um anzukommen.“


Sendedaten
Mittwoch, 03.02.2016, 20.15 Uhr:
"Mein Körper - mein Werk"
Archiv-Schmankerl
© srfVideoTurnen für die Schönheit anno dazumal
1963 war es noch einfach: Es genügten zwei Gymnastikbälle und der Wille, seinen Körper schöner zu machen. Schwedische Frauen reisen in die Schweiz, um ihr Schönheitsrezept unters Schweizer Volk zu bringen.
Info
© kein & aberLupePhilipp Tingler
Philipp Tingler ist Schriftsteller, Essayist und Kolumnist. Er studierte Ökonomie und Philosophie an der Hochschule St. Gallen (HSG), an der London School of Economics und der Universität Zürich.
Tingler veröffentlichte neben Belletristik und Sachbüchern diverse Arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Oft widmet er sich darin der Gesellschaft und ihren Eskapaden.
Philipp Tingler macht seit bald 20 Jahren selbst Kraft- und Ausdauertraining.
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