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Wie ein Tourist erlebt Arlette Europa
Arlette - Mut ist ein Muskel
Film von Florian Hoffmann
Arlette ist ein kriegsversehrtes 15-jähriges Mädchen aus der Zentralafrikanischen Republik. Seine Reise von Afrika nach Berlin wird zu einer Reise von der Kindheit ins Erwachsenenleben.
Die filmische Langzeitbeobachtung ist konsequent aus der Perspektive der jungen Afrikanerin erzählt. Alles begann im Jahr 2010, als eine Szene aus Zentralafrika im Film «Carte Blanche» von Heidi Specogna das Publikum beim Filmfest von Locarno schockierte.

Darin sieht man, wie der damals erst fünfjährigen Arlette eine Schussverletzung am Knie mit einem einfachen Kräutersud ausgewaschen wird. Arlettes Leid, ihre Schreie bleiben dem Publikum im Gedächtnis. Es formiert sich ein Unterstützerkreis, der Arlette eine medizinische Behandlung nach europäischem Standard ermöglichen möchte.

Dies ist der Initiationsmoment des Films «Arlette - Mut ist ein Muskel»: Arlette geht auf Reisen - in ein Land mitten im Winter, in dem niemand ihre Sprache teilt. Ein letzter Blick über das Dorf. Arlette steht vor ihrem Haus. Mit festem Griff hält sie ein zum Bündel geschnürtes Tuch in der Hand. Darin befinden sich ein paar Utensilien für die Reise ins Unbekannte: Maniokmehl, Erdnüsse, zwei Hosen und ein Foto der Familie.

Es ist so weit, das Taxi wartet. Arlette nimmt sich die Zeit, geht von Nachbar zu Nachbar, gibt jedem die Hand, den Babys wie den Greisen. Sie zeigt weder Aufregung noch Angst. Eine bedrückende Stille herrscht in dem sonst so lebhaften Dorf: Für wie lange ist der Abschied? Wird sie gesund zurückkehren? Dann bricht die jüngste Schwester doch in Tränen aus. Arlette kehrt ihr den Rücken zu und humpelt Richtung Taxi.

Die plötzliche Aufmerksamkeit im Universitätsklinikum Charité Berlin überfordert Arlette. Bislang war sie es gewohnt, ihr wundes Knie unter dem Rockzipfel zu verstecken. Nun soll sie es allerorts vorzeigen - Röntgen, MRT, Ultraschall. Der medizinische Hightech übermannt sie. Alle wollen ihr helfen, doch keiner weiss letztendlich wie. Wie nähert man sich einem Menschen, mit dem man nichts teilt, keine Erinnerung, keine Kultur, keine Sprache? Und wie geht Arlette damit um?

Das Mädchen kämpft auf seine Weise gegen die erdrückende Stille an. Sie dreht ihre afrikanische Popmusik auf oder plappert einfach die deutschen Worte ihrer Besucher nach, was sich immerhin anfühlt wie ein Dialog. Die Operation gelingt: Über Nacht wird Arlette von den Schmerzen befreit. Die Befreiung wird in Arlettes ganzem Wesen spürbar. Sie fasst neues Selbstvertrauen, tanzt zu ihrer Lieblingsmusik - trotz Katheter und Bettpflicht. Oder sie stiehlt sich aus dem Krankenzimmer und geht auf Erkundungstour.

Als Berlin über Nacht von Schnee eingedeckt wird, findet der Wachschutz sie frühmorgens im Flügelhemd vor dem Spital. Eine Handvoll Schnee stopft sie sich gerade in den Mund und lässt ihn sich bibbernd auf der Zunge zergehen. Der erste Schnee in Arlettes Leben.

In der Rehaklinik wartet eine Überraschung auf sie: die Physiotherapie findet von nun an im Schwimmbad statt. Arlette setzt sich in den Kopf, in den verbleibenden Wochen noch schwimmen zu lernen. Ein Anruf zu Hause im Dorf: «Wenn ich zurück bin, kann ich schwimmen!» - «Wo willst du das vorführen - bei uns in der Trockensavanne?» Arlette verschwendet keinen Gedanken daran und lacht in den Hörer.

Sendedaten
Montag, 13. November 2017
00.45 Uhr

(Nacht Mo/Di)

(Erstausstrahlung November 2015)

Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr