VideoVideo
Video: Gartenpfad Osterfingen
Osterfinger Bauerngärten
Reihe "Die schönsten Schweizer Gärten" 1/5
3sat online stellt in einer Web-Serie spezielle Schweizer Gärten und ihre GärtnerInnen vor. Der Gartenpfad Osterfingen mit seinen Bauerngärten fasziniert vor allem dadurch, dass fast ein ganzes Dorf mitmacht. Immer häufiger erfreuen sich Besucher aus nah und fern an den vielfältigen Gärten.
Der Bauerngarten

© D.Vorburger Gern gesehen im Bauerngarten: Die Akelei (Aquilegia vulgaris). Sie wächst überall und verbreitet sich schnell.
Gern gesehen im Bauerngarten: Die Akelei (Aquilegia vulgaris). Sie wächst überall und verbreitet sich schnell.
Gärten, in denen Kräuter und Heilpflanzen kultiviert wurden, gab es bereits im 8. Jahrhundert. Es waren Mönche und Nonnen in den Klöstern, die am meisten über Heilkräuter und Gemüse wussten.Wegbereiter des heutigen Bauerngartens aber war Karl der Grosse: Er erliess 812 eine Landgüterverordnung, in der er minutiös aufschreiben liess, was seine Landbevölkerung zu pflanzen habe - dabei ging es ihm primär darum, seiner Bevölkerung eine bessere Grundversorgung an Nährstoffen und Vitaminen zu gewährleisten. Dass ihm und seiner grossen Entourage dadurch bei seinen langen und weiten Reisen quer durch sein Reich auch eine ausgewogene Kost vorgesetzt werden konnte, sei nur am Rande vermerkt. Diese Landgüterverordnung listet 89 (!) Pflanzen und Heilkräuter auf, die es zu kultivieren galt. Und selbst das Pflanzen von 16 Obstbaumarten wurde der Bevölkerung ans Herz gelegt.

Im Bauerngarten waren reine Zierpflanzen vorerst unwichtig. Pflanzen mussten essbar sein oder heilend. Jedoch: Der Übergang von Heil- zu Zierpflanze ist fliessend: Rosen, Lilien oder Pfingstrosen wurden auch zu Heilzwecken verwendet.

Circa im 16. Jahrhundert zogen erste Zierelemente in die Gärten ein, beeinflusst durch die italienischen Renaissancegärten. Man übernahm unter anderem die Einfassung der Beete mit Buchs.
Beim heutigen Bauerngarten sind die Verhältnisse verkehrt: die Zierpflanzen dominieren, Gemüse und Kräuter rücken in die zweite Reihe – sind aber nach wie vor fester Bestandteil. - Allen Bauerngärten gemein sind ausserdem Gehwege, oft gekiest, die den Garten in vier Teile unterteilen. Oft findet sich am Eingang auch ein Rosenbogen.

Der Gartenpfad Osterfingen

Eine ehemalige "Mistlegi", umfunktioniert zum Bauerngarten.
Eine ehemalige "Mistlegi", umfunktioniert zum Bauerngarten.
Wer Bauerngärten in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt erleben möchte, reist am besten nach Osterfingen, in der Nähe von Schaffhausen. 360 Einwohner, viele Isländer-Pferde, Schafe, einige Ziegen und ein Gartenpfad. Hier fahren mehr Traktoren als Autos durchs Dorf und Kinder können noch ungehindert auf der Strasse Fussball spielen.

Wir sind mit Barbara Linsi verabredet. Ihr obliegt die Betreuung des „Gartenpfads Osterfingen“: 30 Hobbygärtnerinnen aus dem Dorf haben sich zum Ziel gesetzt, die Bauerngarten-Tradition aufrecht zu erhalten. Eine derartige Dichte von Bauerngärten gibt es sonst nirgends.

Bei der Auswahl der Blumen für die Gärten gibt es keine Regeln, nichts ist vorgeschrieben. Was die eine mag, pflanzt eine andere weniger. Die eine liebt Tränende Herzen, der andere findet die zu kitschig. Viele Osterfinger Gärtner verschreiben sich allerdings dem Erhalt alter Pflanzen; und alle Gärten des Gartenpfades haben eines gemein: Es sind Vorgärten. Sie können also von jedermann bewundert werden.

Lustwandeln von einem schönen Bauerngarten zum andern

Mit Barbara Linsi schlendern wir entlang der Blütenpracht durchs Dorf. So wie es hunderte von Garten-Fans tun, die jeden Sommer aus ganz Europa hierher pilgern. Auf den Dorfstrassen von Osterfingen wandelt man durch eine einmalige Gartenlandschaft. Alles ist mit viel Hingabe gehegt und gepflegt. Es duftet herrlich, es summt und brummt. Und es macht viel Arbeit!

Barbara Linsi führt uns vorbei an einem knorrigen, uralten Quittenbaum - die meisten Bauerngärten haben einen Obst- oder Nussbaum. Ihn umranden kleine Buchshecken. Uns fallen überhaupt die vielen Buchshecken auf. Sind sie ein „Must-Have“ für einen ordentlichen Bauerngarten? Expertin Linsi klärt uns auf: "Die Buchs-Umrandung gehört beim Schaffhauser Bauerngarten nicht zwingend dazu, er ist eher ein "Nice to have"." Überall lugen Akeleien hervor, bunt, frech, ihr Köpfchen nickend.

Viele der Osterfinger Gärten bestehen bereits seit Generationen. Unter ihnen finden sich auch ausgediente Misthaufen-Plätze, schweizerisch "Mistlegi", die zum Garten umfunktioniert worden sind.

Fasziniert bleibe ich an einem Gärtchen stehen, das schon bessere Tage gesehen hat. Es ist umrandet von einem schiefen Holzstaketenzaun. "Der gehört immer zum original Schaffhauser Bauerngarten", erklärt Barbara Linsi. Mitten im Beet harmonieren Vergissmeinnicht mit Glockenblumen, im Hintergrund dominieren Rhododendren an der schön verwitterten Lehmwand. „Dieser Garten gehörte einer über 90-jährigen Bäuerin. Sie hatte die schönsten alten Stauden und wusste noch alles über Heilpflanzen! Doch sie ist kürzlich verstorben, und wir rätseln alle, wie es mit dem Garten weitergehen wird“. Von dem arg zerzausten Stück Boden geht eine Faszination aus. Etwas verwunschen Märchenhaftes liegt in ihm.

Blumen im Bauerngarten
Oft anzutreffen im Bauerngarten: Tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis). © D. Vorburger Oft anzutreffen im Bauerngarten: Tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis).
Manchmal sind es auch die ganz Kleinen, die einen näheren Blick verdienen: Vergissmeinnicht (Myosotis). © D. Vorburger Manchmal sind es auch die ganz Kleinen, die einen näheren Blick verdienen: Vergissmeinnicht (Myosotis).

Filigrane Pracht: Jungfer im Grünen (Nigella damascena). Einjährige Pflanze mit hohem Dekor-Potential. Filigrane Pracht: Jungfer im Grünen (Nigella damascena). Einjährige Pflanze mit hohem Dekor-Potential.
Pfingstrosen (Paeonia officinalis) sind typische Bauerngarten-Stauden. Pfingstrosen (Paeonia officinalis) sind typische Bauerngarten-Stauden.

Eine Tradition erhalten

Beim Weiterschlendern erzählt mir Barbara Linsi, dass die Idee eines Gartenpfades vor 12 Jahren entstanden sei. Der ehemalige Stadtgärtner von Schaffhausen gab den Anstoss dazu. Jahr für Jahr machten mehr Familien mit. Sie alle sehen einen Sinn darin, eine alte Tradition zu erhalten. Auch, wenn das Ganze viel Arbeit bedingt: Barbara Linsi zum Beispiel, die als Finanzsachbearbeiterin viel am Computer sitzt, verbringt ihre gesamte Freizeit in ihren wild durcheinander gemischten Blumen-Beeten. Unter all den farbigen Blüten fällt uns noch ein besonderer Schmuck auf: Frau Linsi sammelt leere Schneckenhäuser und steckt sie sie auf schlichte Holzstäbe. Und die wiederum drapiert sie geschickt in adretten Gruppen mitten im bunten Grün.

Web-Serie mit Video
Die schönsten Schweizer Gärten:
Info
Info
Die spezielle Pflanze
LupeDer Diptam
Seit 1936 steht der seltene Diptam (Dictamnus albus) unter Naturschutz. Die Pflanze wird auch als 'brennender Busch' bezeichnet, weil sich ihre ätherischen Öle bei grosser Hitze selbst entzünden können. Diese Eigenschaft hat manche Spekulationen erzeugt. So gibt es die These, dass es sich beim biblischen "brennenden Busch", in dem Gott Moses begegnet, um einen Diptam gehandelt haben könnte.
Diptam-Staude
LupeDie mehrjährige Staude wird im Herbst bodeneben zurückgeschnitten und treibt im Frühjahr wieder aus. Diptam liebt magere, kalkhaltige Erde.
Wurzeln, aber auch die Blätter des Diptams wurden früher als Heilmittel benutzt: Hildegard von Bingen wandte das Wurzelpulver des Diptam zur Herzstärkung und zur Vorbeugung von Schlaganfällen an. 'Rohrputzer' war denn auch ein weiterer Übername.

Geschichte am Rand:
In den Harry-Potter-Büchern taucht der Diptam als Zaubertrankzutat auf. Und Harry, Ron und Hermine behandeln ihre Brandwunden mit Diptam.
Idee zum Selbermachen
LupeGartenschmuck
Eine simple aber attraktive Idee: Leere, gewaschene Schneckenhäuser auf einen Holzstab stecken. In diversen Höhen in die Erde stecken. Fertig!