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Buchcover: "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens"
Buchcover: "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens"
"Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens"
Krimi, Politthriller, Wirtschaftskrimi und Familiendrama
Auf der Autobahn gerät die Familie Winter in einen Sandsturm. Es kommt zu einer Karambolage. Die Mutter und beide Kinder kommen um. Zurück bleibt der Vater, Maik Winter, der im Verlauf von Oliver Bottinis "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" ein paar Jahre nach der Familientragödie noch eine prägnante Rolle übernehmen wird.
Der Roman spielt überwiegend im Rumänien des Jahres 2014: der Kripo-Kommissar Ioan Cozma hat nur noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand und möchte aufgrund seiner dunklen Vergangenheit so wenig wie möglich auffallen. Cozma ist Sohn eines jüdischen Vaters, der in der NS-Zeit misshandelt und gefoltert wurde. Als Reaktion darauf wurde Ioan in antifaschistischem Wahn zu einem Schergen Ceaușescus und folterte mindestens einen Menschen zu Tode. Auch seinem Kollegen Cippo sitzen die Staatsanwälte zur "Aufklärung der kommunistischen Verbrechen" im Nacken. In Rumänien wimmelt es nur so vor Antikorruptionsermittlern.

Atmosphäirsche Sprache, harte Tatsachen
Doch ausgerechnet dieses Team bekommt den brutalen Sexualmord an der jungen Lisa Marthen zugeordnet. Dem Vater der Deutschen gehört ein landwirtschaftlicher Großbetrieb in Westrumänien. Der Verdacht fällt sofort auf einen jungen Arbeiter, der in das Mädchen verliebt war und nach Mecklenburg geflüchtet ist. Ohne reißerische Elemente, mit atmosphärischer Sprache und dennoch prägnant beschreibt der Autor und Lektor Oliver Bottini das Gefühlsleben seiner Protagonisten:
"Er sah und hörte nun Gefühle und Zwischentöne, wo die 'Jungen' nur Bewegungen sahen und Wörter hörten. Sie hatten es nicht so mit Gefühlen. Mit Logik und Fakten, ja, aber Gefühle entgingen ihnen oft. Gefühle ließen sich nicht in Nullen und Einsen übertragen, waren zu schwammig für Excel-Dateien, waren da, ohne da zu sein. Sie standen dem raschen Erfolg im Weg, weil man alles vier- oder fünfmal sagen und hören und hinterfragen musste. In den Budgetvorgaben und time schedules moderner rumänischer Polizeiarbeit war kein Raum für Gefühle und Zwischentöne; in diesem Büro dagegen schon."

"Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" ist nur vordergründig ein Kriminalroman. Aufgrund seines komplexen und ausgesprochen vielschichtigen Handlungsverlaufs könnte er durchaus auch als Politthriller, Wirtschaftskrimi und Familiendrama durchgehen. Es geht um Politik, Gesellschaftskritik, Globalisierung und Gier - und auch ein bisschen um Mord. Der Landraub ist das beherrschende Thema des Romans: rumänische Kleinbauern geben unter Druck ihre Ländereien ab, die dann von Großgrundbesitzern aus Deutschland, Asien und Saudiarabien aufgekauft und zu Monokulturen gemacht werden.

Düsteres Bild Rumäniens
"Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" ist pünktlich zur Leipziger Buchmesse mit dem Schwerpunkt Rumänien erschienen. Die Figuren sind ausgesprochen vielschichtig und haben gebrochene Biografien. Der Roman zeichnet ein ausgesprochen düsteres Bild Rumäniens, bietet eine kluge Analyse der Gegenwart und beleuchtet auch die Ceaușescu-Ära. Die Lektüre ist besonders zu Anfang fordernd, weil Namen, Handlungsstränge und Erzählperspektiven zunächst verwirren.

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donnerstags, um 21.00 Uhr, in 3sat
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Info
Oliver Bottini
Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens
DuMont 2018
ISBN: 978-3832197766