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Buchcover: "Krank durch Früherkennung"
Buchcover: "Krank durch Früherkennung"
"Krank durch Früherkennung"
Warum Früherkennung nicht immer gut sein muss
Der Wissenschaftsjournalist Frank Wittig untersucht in seinem Buch Sinn und Unsinn von Vorsorgeuntersuchungen und belegt anhand von wissenschaftlichen Studien, wie wirkungslos oder gar gefährlich sie sind. Dabei geht es um die Mammografie, Darmuntersuchungen, den PSA-Test, Cholesterin, Hautkrebs, Bluthochdruck, Osteoporose und einige mehr.
Ein wesentlicher Kritikpunkt besteht darin, dass die Früherkennung auch solche Abweichungen erkennt, die für die Betroffenen niemals zu einem Problem werden würden. Wittig warnt auch deshalb eindringlich vor Überdiagnostizierung, weil die Früherkennung statistisch betrachtet, keinen nennenswerten Nutzen aufweist, dafür aber die Patienten psychisch belastet und die Ärzten mit diesen Folgen konfrontiert werden.

"Die meisten Männer haben Prostatakrebs"
"Die meisten Männer haben beispielsweise Prostatakrebs, wenn sie sterben. Doch nur etwa jeder dreißigste Mann in Deutschland stirbt an Prostatakrebs, und das zumeist in einem Alter, das deutlich über der durchschnittlichen Lebenserwartung von Männern liegt. Sehr viele Menschen tragen Gewebeveränderungen mit sich herum, von denen sie nichts wissen. Und das ist auch gut so, denn diese Gewebeveränderungen werden nie zu einem aggressiven Tumor weiterwachsen."

Eine Früherkennung kann schaden, denn auch eine Chemotherapie kann Schäden wie bspw. Krebs auslösen. Das gleiche lässt sich über Mammografien mit dem Röntgengerät sagen. Wie Frank Wittig im Verlauf seiner Untersuchung belegt, ist das Risiko, Opfer von unnötiger Medizin zu werden bei vielen Maßnahmen, deutlich größer ist als die Chance, von der Früherkennung zu profitieren.

Drei Viertel der Ärzte verstehen Statistiken nicht
"Prof. Gerd Gigerenzer, Leiter des Harding-Zentrums für Risikoforschung am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, hat 2012 eine Untersuchung veröffentlicht, in der er die einschlägigen Statistik-Kenntnisse der Ärzte überprüfte. Er konnte zeigen, dass drei Viertel der Ärzte das Zahlenwerk nicht versteht, auf dem die Bewertung der Wirksamkeit von Früherkennungsmaßnahmen beruht. Demzufolge ‚verkaufen‘ drei von vier Ärzten ihren Kundinnen und Kunden Screenings, deren Nutzen sie in der Regel um ein Vielfaches überschätzen."

Auch ein möglicher Schaden wird nicht gerne thematisiert. Schließlich verdienen Ärzte nicht nur an der Früherkennung, sondern auch an der Anschlussbehandlung. Bei der Brustkrebs-Früherkennung durch Mammografie, an der nach dem Willen der Anbieter etwa sechs Millionen Frauen teilnehmen sollen, sieht die Schaden-Nutzen-Bilanz eher schlecht aus:
„"Nach der besten, aktuellsten und größten Studienübersicht, die sich auf 600 000 teilnehmende Frauen stützt, ist die Risikoreduktion sogar noch geringer. Sie liegt nur bei einem halben Promille in zehn Jahren. Das heißt: 2000 Frauen müssen zehn Jahre zum Screening gehen, damit eine tatsächlich durch diese Maßnahme vor dem Brustkrebstod gerettet wird.“"

Viele Früherkennungsmediziner haben 'hippokratische Zone' verlassen
Inzwischen belegen Studien, dass durch die Mammografie für ein gerettetes Leben bis zu zehn Frauen unnötigerweise einer OP, Bestrahlung oder Chemotherapie ausgesetzt werden.
"Das ist entartete Medizin. Wie Krebszellen aus ihrer biologischen Funktion im Organismus ausbrechen und rücksichtslos wuchern, so haben weite Teile der Früherkennungsmedizin längst die 'hippokratische Zone' verlassen und nur noch das eigene Wachstum im Sinn. Und wenn die zuständigen Fachgesellschaften in Deutschland nicht fähig sind, der evidenzbasierten Medizin zu folgen und sinnlose sowie schädliche Screenings von ihren Empfehlungslisten zu streichen, dann ist eigentlich die Politik gefragt, diese Fachgesellschaften zu entmachten und die Deutungshoheit in medizinischen Fragen in unabhängige Hände zu geben."
Frank Wittigs Buch ist leicht zu lesen und durch wissenschaftliche Studie belegt. Bei der Lektüre schleicht sich aber eine gewisse Wut über moralischen Verhältnisse in der Vorsorgemedizin ein.

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Info
Frank Wittig
Krank durch Früherkennung
Warum Vorsorgeuntersuchungen unserer Gesundheit oft mehr schaden als nutzen
Riva 2015
ISBN: 978-3-86883-630-1