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Cover: "Sucht. Gehirn. Gesellschaft"
Cover: "Sucht. Gehirn. Gesellschaft"
Buchtipp: "Sucht. Gehirn. Gesellschaft"
Buch von Felix Tretter
Felix Tretter ist Psychologe, Soziologe und Mediziner und fasst in seinem Buch 30 Jahre klinischer Erfahrung zur Erforschung und Behandlung von Sucht zusammen. Er unternimmt den ambitionierten Versuch, Sucht aus vielfältigen Perspektiven (vor allem der Anthropologie -, der Psychodynamik - sowie der Kultur- und Gesellschaftsbedingungen von Suchtgefährdeten) zu verstehen und zu beschreiben und daraus nachhaltige Therapiekonzepte zu entwickeln.
Zunächst charakterisiert Tretter Suchtgefährdung als Konsequenz des menschlichen Strebens nach lustvollem Leben. Wenn dieses Streben handlungsbestimmend wird und zu extremen Bindungen an ein Objekt der Lust führt, wird daraus Suchtverhalten.

Dann geht es um die Veränderungen im Konsum suchtgefährdender Stoffe und die damit zusammenhängende Epidemiologie der Suchtarten in Deutschland. Bei der Betrachtung der ‚Objekte der Begierde‘ werden deren grundlegende Wirkprinzipien (stimulierend, sedierend, wahrnehmungsverändernd und ‚innere Stimmigkeit betonend‘) dargelegt. Dabei stehen neben Alkohol, Tabak und Koffein auch die psychoaktiven Substanzen (Cannabis, Heroin, Kokain und Amphetamine) im Vordergrund. Süchtigwerden wird als ein komplexer Prozess dargestellt, bei dem die suchtgefährdete Person, ihre Umwelt und die von ihr konsumierte Droge die wesentlichen Faktoren sind.

Die Wechselbeziehungen zwischen dem Süchtigen und seinem Beziehungsnetzwerk sind für Tretter von zentraler Bedeutung. Er spricht von der „Ökologie einer (suchtgefährdeten) Person“, die dadurch gekennzeichnet ist, dass der Stress, den ein nachhaltig unbalanciertes Gefüge der sozialen Beziehungen des Suchtgefährdeten erzeugt, durch Drogenkonsum kompensiert wird. Auf diese Weise verbessert die Droge das „subjektive Ökosystem“ der Person – mit fatalen gesundheitlichen, psychischen, materiellen und sozialen Folgen. Bestehende Konflikte werden nicht gelöst sondern durch Drogenkonsum zugedeckt.

Die innere Situation des Suchtgefährdeten ist gekennzeichnet durch destruktive Wechselwirkungen seiner psychischen Instanzen, die die Muster abhängigen Verhaltens zunehmend verstärken. Tretter stellt die Neurobiologie des Süchtigen auf sehr anschauliche Weise als „neurochemisches Mobile“ dar, bei dem die aktivierenden und hemmenden Neurotransmittersysteme immer wieder einen Gleichgewichtszustand herzustellen versuchen. Am Beispiel der Volksdroge Alkohol zeigt Tretter die Dynamik dieses Mobiles bei akutem, anhaltendem und gemindertem Konsum – und die gravierenden psychophysischen Konsequenzen für den Betroffenen.


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