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Buchcover: "Nüchtern"
Buchcover: "Nüchtern"
"Nüchtern"
Über die Mechanismen der Selbsttäuschung
Daniel Schreibers Essay-Buch “Nüchtern“ aus 2014 ist ein literarischer Erfahrungsbericht, ein neurobiologisches Sachbuch und eine treffende Gesellschaftsanalyse, in der der Autor seinen Lesern mit schonungsloser Ehrlichkeit seine Schwächen offenbart.
"Wenn ich mich heute an die Zeit des Trinkens zurückerinnere, kommt mir vor allem das wieder in den Sinn: dieses stille Unglück, diese ganz alltägliche Unterströmung der Depression, das oft nur schwer zu unterdrückende Gefühl, dass in meinem Leben grundsätzlich irgendetwas nicht stimmte. Und einfach nicht zu wissen, was das sein könnte."
Schreiber schildert sein sein Leben als "funktionierender" Alkoholiker. das ganz und gar nicht dem Klischee des einsamen, verwahrlosten Trinkers entspricht. Trinker gibt es in allen Schichten und Altersgruppen. Sie leben in der Mitte der Gesellschaft. Dazu nennt er Zahlen, aber auch Legitimationen wie die Argumentation derjenigen, die das Trinken als Kulturgut feiern und die eigene Abhängigkeit weichzeichnen.

Kollektive Weichzeichnung
Gerade weil das Buch kein Ratgeber ist, sondern Gedanken eines Betroffenen, die permanenten Ausflüchte und Verdrängungen, die Depression und Jämmerlichkeit des Trinkeralltags spürbar macht, ist es aufrüttelnder als jedes Selbsthilfebuch. "Nüchtern" ist keine Hymne an die Abstinenz, sondern ein mit wissenschaftlichen Fakten untermauerter Erfahrungsbericht, der klarstellt, dass Trinken nicht um eine Frage der Disziplin, sondern eine Krankheit ist. Daniel Schreiber Lebensgeschichte zeigt, dass Trinken hierzulande zwar toleriert, und oftmals gesellschaftlich erwünscht ist, wer aber am Trinken zerbricht, für viel zu schwach gilt und als Versager geächtet wird.

"Über lange Zeit gewohnheitsmäßig zu viel zu trinken, ist stets auch ein Ringen mit dem Wunsch, zu sterben. Und unweigerlich kommt es irgendwann zu einem Moment der Entscheidung, wie mit diesem Wunsch umzugehen ist," so Schreiber.
Wenn es gut läuft, führt dieser Moment der Entscheidung dazu, sich eine nüchterne Existenz zu erarbeiten und das zurückgewonnene Leben mit Bedeutung und Selbstfürsorge zu füllen. Der Autor jedenfalls hat sich am Ende für das Leben entschieden.

Sendung zum Thema
© dpaVolksdroge Alkohol
Info
Daniel Schreiber
Nüchtern
Über das Trinken und das Glück
Suhrkamp 2017
ISBN 978-3-518-46671-1