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"Kriegsenkel"
Versuch des emotionalen Wiederaufbaus
Mit „Kriegsenkel“ meint die Journalistin und Buchautorin Sabine Bode die Generation der „Baby-Boomer“ (1960 bis 1975), die unwissentlich an den Kriegs-Traumata ihrer Eltern leiden. Durch den anschließenden Wiederaufbau und das kollektive Verdrängen waren die Kriegskinder nicht in der Lage, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten.
Weil sie meist weder fachliche noch familiäre Hilfe bekamen, um mit ihren traumatischen Erfahrungen umzugehen, wurden sie emotional unsichere Eltern.
"Die hier vorgestellten Biografien erzählen überwiegend von Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden und denen es erst relativ spät in ihrem Leben gelungen ist, sich von ihren Eltern abzunabeln, und von solchen, die noch heute darum kämpfen, sich nicht von Mutter und Vater steuern zu lassen. Diese Kriegsenkel haben alle geistigen Voraussetzungen, um ein erfolgreiches Leben zu führen, doch bei der Mehrzahl vermittelt sich der Eindruck: Sie sind emotional blockiert, sie stehen privat oder beruflich auf der Bremse."“

Unbewusstes Erbe
Die Spätfolgen der NS-Zeit, Mangel-, Gewalt- und Verlusterfahrungen, schlagen sich bei den Kriegsenkeln in depressiven Verstimmungen, Verunsicherung, inneren Blockaden, diffusen Schuldgefühlen, Selbstzweifeln, Kinderlosigkeit und mangelnder Durchsetzungsfähigkeit nieder.
"„Wenn also selbst die große Gruppe der Kriegskinder über viele Jahrzehnte völlig ahnungslos bezüglich ihren eigenen Prägungen und ihren Verunsicherungen war, wie sollten deren Kinder, die Kriegsenkel, auf die Idee kommen, sie könnten ein kollektives, belastendes Erbe mit sich herumtragen?"“

Kriegs-Auswirkungen schaden noch den Enkeln
In "„Kriegsenkel"“ beschäftigt sich Sabine Bode mit diesen unbewussten Auswirkungen auf das Leben der nachfolgenden Generationen. Sie hat 18 anonymisierte Fallbeispiele ausgewählt, die die Verunsicherung und das diffuse Leiden der Kriegsenkel beschreiben. Berichtet wird dort von Empathielosigkeit, nicht vorhandenem Einfühlungsvermögen und absoluter Egozentrik mancher Kriegskinder. Diese seelische Grausamkeit wird erst dann klar und erklärbar, wenn die „Enkel“ begreifen, dass ihre Eltern im Kindesalter Schreckliches erlebt haben.

Da viele der Kriegskinder selbst nicht in der Lage waren, ihren Kindern Aufmerksamkeit und Liebe zu geben, sollte das Hauptaugenmerk der Kriegsenkel nun darauf liegen, sich selbst wichtig zu nehmen. Konflikte und Grenzziehungen gegenüber den Eltern sind nach Empfehlung der Autorin deutlich angeraten. Im Internet finden sich viele Gruppen und Foren, in denen man sich über die „inneren Verletzungen“ austauschen kann.

Sendung zum Thema
© ap"Nach dem Trauma"
Info
Sabine Bode
Kriegsenkel
Die Erben der vergessenen Generation
Klett-Cotta 2016
ISBN: 978-3-608-94808-0