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© dtv Lupe
H.G. Wells Vision "Die Zeitmaschine"
Ein schreckenerregendes Bild der fernen Zukunft
Scharfe Kontaste zwischen Armen und Reichen, zwischen Ohnmächtigen und Machthabern, zwischen verrohten Arbeitssklaven und zynischen, überfeinerten Oberschichten - das sind abrufbare Topoi der Science Fiction- oder Fantasy-Literatur, Grundmotive vieler dystopischen Erzählungen, die aus den Verwerfungen der menschlichen Gegenwart ihre Bilder vom Schrecken einer irdischen Zukunft entwickeln.
Der Boom dieser Art von Literatur hat diese Motive zur Massenware werden lassen, nur zu oft mit sentimentalen Einsprengseln, wenn Gefühle oder Gerechtigkeitssinn für grenzüberschreitende Versöhnungen, für Rebellionen oder andere Annäherungen sorgen. Der britische Schriftsteller H. G. Wells hat 1895 für diese Literatur gewissermaßen die zeitlos gültige Vorlage geschaffen, seine Geschichte damals aber schon sehr viel radikaler konzipiert als die meisten seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Sein Roman „Die Zeitmaschine“ beruhte auf einer Kurzgeschichte, die der junge Journalist Jahre zuvor erdacht hatte; das Buch machte ihn bekannt, als Erzähler genauso wie als zeitkritischen Denker.

Fast alles Leben ist erloschen
Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Forscher und Erfinder, der mit einer selbstgebauten Zeitmaschine die Gegenwart des späten 19. Jahrhunderts hinter sich lässt und weit in die Zukunft des Menschengeschlechts reist, schließlich sogar bis zu einem Punkt, an dem fast alles Leben auf der Erde erloschen ist. Der Maschine gilt dabei nicht das wesentliche Interesse der Geschichte, sie ist bloß das Vehikel, das H.G. Wells braucht, um eine schreckenerregendes Bild von den Folgen jener Klassenunterschiede zu beschreiben, die in Großbritannien mit dem Manchester-Kapitalismus entstanden waren.

Wells verschärft diese Konflikte, indem er seinen Zeitreisenden in einer fernen Zukunft, etwa 800.000 Jahre nach Christus, auf zwei menschliche Rassen treffen lässt, bei denen Kultur und Lebensstil sich in massiven körperlichen Veränderungen, nicht nur in Mentalitäten, in Klassenunterscchieden und Verhaltensweisen niedergeschlagen. Kulturelle Faktoren schlagen um in evolutionäre Veränderungen.

Machtverhältnisse haben sich geändert
So wenig wie Wells über technische Errungenschaften späterer Jahrzehnte wissen konnte - auch wenn er vieles erahnt oder vorausgedacht hat - ,so wenig weiß er von Genetik im heutigen Sinne, von der Feinstruktur chemischer Verbindungen im Erbgut. Er ist aber Darwinist und im Herzen eine Art von bürgerlichem Sozialist. Also beschreibt er eine oberirdische Welt, in der weiche, harmlose und freundliche Wesen, die Eloi, tagsüber ein anscheinend paradiesisches Leben führen - nachts aber zur Beute von unterirdisch in einer Maschinenwelt hausenden monströsen Arbeiter- und Kannibalenrasse, den Morlocks, werden.

Die Machtverhältnisse haben sich also vollständig umgedreht, die fiktiven Nachkommen einer unterdrückten Arbeiterschaft halten die Welt untertage am Laufen - während oberirdisch aus der Nachkommenschaft einer früheren Oberschicht eine Art von Schafherde geworden ist, die einzig und allein dafür gut ist, als Nahrungsquelle zu dienen.

Schrecken, Gewalt und Unrecht herrschen vor
Es gibt keine Versöhnung, keine Grenzüberschreitungen und keine Sentimentalität in dieser Welt, nur Schrecken und Gewalt; die Machtübernahme durch die ehemals "Entrechteten" führt nicht zu Gerechtigkeit oder Umsturz wie in vielen neueren Geschichten, sondern nur zu noch größerem Unrecht, so wie die körperliche Entwicklung des evolutionären Prozesses keine Angleichungen, sondern nur die Ausprägung der Extreme vorangetrieben hat.

H.G. Wells hat damit 1895 Unterhaltungs- und Literaturgeschichte zugleich geschrieben - bis heute zählt "Die Zeitmaschine" neben "Krieg der Welten“ zu seinen bekanntesten Büchern. Gewiss ist es sein einflussreichstes, denn die Zahl derer, die sich erzählerisch seither in seinen Fußstapfen bewegt haben, ist Legion.

Sendedaten
"scobel"
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© apPaläoanthropologie
Wer uns in den Genen steckt
Info
Die Zeitmaschine
H.G.Wells
dtv 2009
ISBN: 978-3423122344