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Fürsorge wird als privater Luxus betrachtet. Als etwas, das Schwache brauchen.
Kolumne: Wir sind auf andere und deren Sorge angewiesen
Gert Scobels Gedanken zu "Geschäfte mit der Hausarbeit"
Menschen benötigen von Geburt an die Sorge anderer Menschen, die sich kümmern. Denn Menschen sind und bleiben auf andere Menschen angewiesen. Man kann - ohne im traditionellen Sinn "links" oder "marxistisch" oder "antikapitalistisch" zu sein - sehr genau und weitgehend objektiv (soweit es Objektivität in Dingen gibt, die eng mit Bedürfnissen, Werten und Haltungen verbunden sind) zeigen, dass die ökonomischen Lehren und auch die Politik überwiegend keine Kenntnis nimmt von diesem einfachen Umstand.
Anders formuliert: Man kann abstrakte Theorien über Gewinn und Verlust bauen und mit Hilfe komplexer Algorithmen Modelle für die Vermehrung von Geld entwickeln, doch all das ändert nichts daran, dass wir ein Leben lang Säugetiere sind und bleiben. Wir sind, allein aufgrund der biologischen Ausstattung, auf andere und deren Sorge, Mitgefühl und Hilfe angewiesen.

In der Regel werden diese Bereiche des Lebens, die unter dem Stichwort "Care-Economy" erstmals wissenschaftlich untersucht und beschrieben werden, in den Bereich des Privaten verbannt. Folglich haben sie den Beigeschmack von "so was können Sie machen wenn Sie lustig sind." Fürsorge wird als privater Luxus betrachtet. Als etwas, das Schwache brauchen - und Schwäche ist eben Privatsache. Dafür ist man selbst verantwortlich.

Dass das nicht so sein kann, zeigt das Schicksal vieler Kinder, die in Deutschland auf oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Etwa anderthalb Millionen dieser Kinder sind, ohne weitere Fürsorge, ohne großzügige - und ich möchte hinzufügen ohne liebevolle - Zuwendung verloren. Die Zahlen liegen seit langem auf dem Tisch - übrigens seit mehr als 20 Jahren und unabhängig von der jeweiligen Partei oder den Parteien, die die Regierung stellen. So zu tun, als bestünden Gesellschaft, Öffentlichkeit und selbst Ökonomie einzig und alleine aus Produktion, Industrie, Geschäft und Gewinn, ist nicht etwa nur aus moralischen Gründen falsch (darüber kann man streiten): es ist vielmehr eine Verkennung der Tatsachen. Anders formuliert: so zu denken und zu handeln ist grundfalsch, weil es der Wirklichkeit des Menschen widerspricht.

Die emotionale Grundstruktur aller Menschen
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Buchtipp: "Care-Revolution"
Viele Menschen ahnen das heute. Man muss kein Wissenschaftler sein, um auf die Ursachen zu kommen. Der Fehler im System ist nur zu beheben - und eine gerechtere wie auch solidarischere Gesellschaft wird nur dann Wirklichkeit, wenn ein Umdenken stattfindet, das Handeln nach sich zieht: das, was die Sozial- und Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker Care-Revolution nannte. Sie ist entscheidender Bestandteil einer humanen Lebensgestaltung.

Das Umdenken ist dabei nicht Ergebnis einer idealistischen Orientierung. Im Gegenteil. Es basiert geradezu auf einer Analyse der biologischen, psychischen und emotionalen Grundstruktur aller Menschen. Geht man vom "Säugetier-Status" des Menschen aus - und damit meine von den weitreichenden Folgen, die unsere biologische Herkunft und unsere Physiologie hat, dann ist es im Grunde einfach. Schnell zeigt sich, dass Erwerbsarbeit nur einer von mehreren Bereichen gesellschaftlich notwendiger Tätigkeit bzw. Arbeit ist. Warum? Weil Menschen von Geburt an die Sorge anderer Menschen benötigen, die sich kümmern. Aber das sagte ich eingangs bereits und wiederhole mich jetzt.







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