Marx wollte die Prozesse des Lebens - insbesondere die Ströme und Auswirkungen des Kapitals - verstehen.
Kolumne: Marx über Marx hinaus denken
Gert Scobels Gedanken zu "Marx heute"
Marx ist ein Denker, der Hegels Satz, Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken erfasst, ernst genommen und ihm zu entsprechen versucht hat. Selbst ein oberflächlicher, kurzer Blick auf seine bewegte Biographie zeigt, dass er sich - anders als viele Philosophen und Wissenschaftler der Zeit - selbst inmitten der Lebensumstände befand, die er zu verstehen und zu beschreiben versuchte.
Marx kannte die Armut, die er als Folge rücksichtsloser und menschenfeindlicher Produktionsbedingungen anprangerte, aus eigener Erfahrung. Wenn er den Begriff der Entfremdung ins Zentrum seines Denkens rückte, dann aus gutem Grund. Marx geht in seinem Denken von einem durchaus jüdisch-christlich geprägten Menschenbild aus, in das die Ethik eingeschrieben ist - und keinen Zusatz darstellt, einen Luxus, den man sich leisten kann, nachdem man die wichtigeren theoretischen Probleme gelöst hat.

Anders als Hegel verstand Marx den Aufruf zur genauen Analyse seiner Zeit nicht nur als Ansporn, die passenden Begriffe zu (er)finden, um endlich die Bewegungen der Menschen und der Strukturen, die sie umgaben, angemessen zu verstehen. Marx Bemühen ging darüber weit hinaus. Er interpretierte den Aufruf zum umfassenden Verstehen als ein radikal interdisziplinäres Projekt, das genaues Hinsehen ebenso erforderte, wie ein präzises, kritisches Denken - und den Einsatz des Herzens. Das mag ein wenig kitschig und sehr nach "Der kleiner Prinz" klingen - aber auch das Buch feierte ja gerade sein 75jähriges Erscheinen.

Tiefe Spuren hinterlassen
Tatsächlich aber treibt Marx etwa um, dass man heute vielleicht Empathie und Mitgefühl nennen und psychologisch erklären würde. Marx machen drei Dinge sehr wesentlich aus: genaues Hinsehen, kritisches und erfindungsreiches Denken und ein Mitgefühl für das Elend der Menschen. Gerade weil Marx genau hinsehen und umfassend verstehen wollte, legte er die Fangnetze seines Denken weit aus. Dies ist der Grund, warum seine Analyse der Zeit und ihrer ökonomischen Bewegungen bis heute tiefe Spuren in einer Reihe von sehr unterschiedlichen Disziplinen hinterließ - vom Recht über die Theologie bis hin zur Ökonomie und Soziologie.

Marx Neachwirkungen
Wenn man Marx nachdenkt - und mit ihm die Gegenwart zu denken versucht, wird natürlich die Frage relevant, ob Marx nicht "schuld" an dem sei, was später in seinem Namen geschehen sollte. Ohne Übertreibung kann man mit Blick auf Stalin, Mao, Pol Pot und andere von mehr als 100 Millionen Menschen sprechen, die im Namen von fragwürdigen Ideologien und Formen des Wahnsinns starben, die für sich dennoch eine Nähe zum Denken von Marx beanspruchten.

Die Klärung dieser Frage ist offensichtlich nicht nur schwierig und komplex, sondern auch in hohem Maße vom eigenen Standpunkt, vom Blick auf die Geschichte abhängig. Wer Marx für den Marxismus und seine vielen Sünden verantwortlich machen will, wird dafür ebenso gute Gründe finden, wie jemand, der vom Gegenteil überzeugen will. Die Wirkungsgeschichte von Marx - und das Kapital hat als Buch eine der folgenreichsten Wirkungsgeschichten, die je ein Buch gehabt hat - ähnelt in gewisser Weise der von Nietzsche oder, um gleich in die höchste Kategorie zu greifen, der von Jesus. Jesus selber war Jude. Das mag banal klingen - hat aber Konsequenzen, wenn man sich klar zu machen versucht, wie Jesus selber lebte, was er glaubte und wer er war. Ist es wirklich ausgemacht, dass der Jesus, von dem die Evangelien auf immerhin unterschiedliche Art und Weise erzählen, genau derselbe Jesus ist, der ein schweigend-treues Gemeindemitglied einer amerikanischen Bibel-Belt-Kirche geworden wäre, die sich im Namen des Christentums zu einem neuen Kreuzzug gegen Prostituierte und die Mächte des Bösen aufmacht (und sei es nur durch Spenden)?

Man braucht geschmeidiges und klares Denken
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Buchtipp: "Marx - der Unvollendete"
Jürgen Neffe hat in seiner großartigen Biographie "Marx - der Unvollendete" deutlich gemacht, dass Marx ein Denker in Bewegung war, der immer wieder versuchte, die vielfältigen Prozesse des Lebens und insbesondere die Ströme und Auswirkungen des Kapitals zu verstehen. Man braucht selbst ein flüssiges, geschmeidiges und klares Denken, um die vielen Gestalten erfassen zu können, die die Ströme von Geld annehmen. Marx wollte ein solches bewegliches, dialektisches Denken, um die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit erfassen zu können. Eine marxistische Doktrin, die Marx einfriert und auf einen Sockel stellt, widerspricht dem. Was Marx selbst entsprechen würde, wäre vielmehr der Versuch, mit Marx über Marx hinaus zu denken.

Im kommunistischen Manifest stellt Marx folgende rhetorische Frage: "Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Wort auch ihr Bewußtsein sich ändert?" Seine Antwort ist klar und tritt zunächst in Gestalt einer weiteren Frage auf: "Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet?" Und er fügt hinzu: "Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse."

Vom Kopf auf die Füße stellen
Heute geht es nicht nur darum, nach Marx neu zu verstehen, was "herrschende Klasse" in einem Zeitalter der Massenkommunikation, der Vernetzung und des Internets bedeutet. Es geht auch, mit Marx, genau darum, das herrschende Denken, die vorherrschenden Ideen und Likes, die ihre blinde Flecken haben, und die gesteuerte Aufmerksamkeit durch ein besseres, genaueres und kritisches Denken zu ersetzen.

Das Internet lässt sich keineswegs so leicht mit den normierten Modellen marxistischer Ideologien analysieren oder einfangen. Wie Marx in seinem Kapitel über den Fetischcharakter der Ware bemerkte: "Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr, ob ich sie nun unter dem Gesichtspunkt betrachte, daß sie durch ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse befriedigt oder diese Eigenschaften erst als Produkt menschlicher Arbeit erhält. Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützliche Weise verändert. Die Form des Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne."

Vielleicht käme es darauf an, diese Sätze heute mit Blick auf Smartphones und das Internet neu zu verstehen, aus dem wolkigen Heim der Bücher herauszulösen - und wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.






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